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Neue Wirtschaftszentren

Die unerwarteten Spätfolgen des Mauerfalls für Österreichs Wirtschaft

von Leopold Stefan / 13.08.2016

Der Fall des Eisernen Vorhangs hat einen Investitionsboom in Osteuropa ausgelöst. Allen voran hatten österreichische Firmen die Gunst der Stunde genutzt, um vor Ort Niederlassungen zu gründen. Dank ausländischer Investitionen blühten Wirtschaftszentren wie Warschau, Prag oder Bratislava – sie erwirtschaften heute kaufkraftbereinigt pro Kopf mehr als Wien. Dass den Ostmetropolen dieses Überholmanöver gelungen ist, liegt an strukturellen Nachteilen Österreichs aus den neunziger Jahren, wie die Ökonomin Dalia MarinDie geborene Österreicherin Dalia Marin hält den Lehrstuhl für internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Ludwig-Maximilians Universität München. im Gespräch mit NZZ.at erklärt.

Die neunziger Jahre brachten für Österreichs Wirtschaft gleich zwei externe Schocks – im neutralen Sinne. Einerseits wirkte der Fall des Kommunismus wie eine totale Handelsliberalisierung mit der Nachbarregion. Das Zollniveau fiel von 100 Prozent binnen weniger Jahre auf null Prozent. Somit war quasi über Nacht ein neuer Millionenmarkt für österreichische Exporte entstanden, deren Herstellung vor allem auf dem Einsatz gut qualifizierter Arbeitskräfte beruht.

Der Durchbruch der Informationstechnologie war der zweite Schock für die Wirtschaft in den Neunzigern. Unternehmen benötigten zunehmend hoch qualifizierte Arbeitnehmer mit einem Hochschulabschluss, die mit Computern umgehen konnten.

Zusammen führten die Ostöffnung und die IT-Revolution zu einer stark erhöhten Nachfrage nach Akademikern bei heimischen Produzenten. Darauf war der österreichische Arbeitsmarkt jedoch denkbar schlecht vorbereitet. War die Zahl der Akademiker während der 70er und 80er noch deutlich gestiegen, brach das Wachstum an zusätzlichen Hochschulabsolventen in den 90ern um zwei Drittel ein, wie Marin bereits damals als Assistentin am IHS berechnet hatte.

Österreich als Nachzügler

Tatsächlich hatte Österreich bei den Uni-Absolventen sogar eine internationale Nachzüglerrolle im Vergleich zu anderen reichen Industriestaaten der OECD. Auch die Osteuropäer waren damals deutlich besser ausgebildet und gleichzeitig auch günstiger. Während 1998 die Akademikerquote in Ungarn, Polen, der Slowakei und Tschechien zwischen 15 und 10 Prozent betrug, lag Österreich mit lediglich sieben Prozent in der Region ganz hinten.

Die niedrige heimische Akademikerquote war zum Teil historische bedingt: Nach einer Schätzung in einer Studie Marins hat Österreich durch die Vertreibung und Vernichtung der Juden und die Verheerungen im zweiten Weltkrieg bis zu 60 Prozent seines Humankapitals verloren. Während es etwa Deutschland besser gelang, den Verlust an qualifizierten Arbeitskräften langsam wieder wettzumachen, ist Österreich ins Hintertreffen geraten.

Mehr und mehr junge Menschen haben in Österreich eine Berufsausbildung einem Studium vorgezogen, da die sogenannte SkillprämieDie Skillprämie gibt an, um wie viel Prozent ein Akademiker im Schnitt mehr verdient, als jemand, der keinen Hochschulabschluss hat. für Akademiker relativ gering war. Das heißt, dass viele mit einer Berufsausbildung oder Matura im Vergleich zu Uni-Abgängern nicht schlecht verdient haben.

Kommunistisches Erbe

Osteuropa hingegen war historisch einzigartig, da Länder mit niedrigem Pro-Kopf-Einkommen gleichzeitig reich an Bildung waren. Der Kommunismus hatte zwar den allgemeinen Wohlstand im internationalen Vergleich hintangehalten, aber die Menschen waren ausgebildet.

Als in den neunziger Jahren der neue Markt im Osten offen stand und die IT-Revolution voll angelaufen war, fanden Österreichs Unternehmen in den Nachbarländern relativ billige und gut ausgebildete Arbeitskräfte, die sie in Österreich vergeblich suchten. Daher verlagerten die heimischen Firmen auch die innovativen Teile ihrer Wertschöpfungskette über die Grenze und gründeten Niederlassungen in den urbanen Zentren Osteuropas. Mitte der neunziger Jahre gingen fast 90 Prozent der österreichischen Auslandsinvestitionen nach Osteuropa, während die deutschen Unternehmen zögerlicher reagierten und zur selben Zeit lediglich vier Prozent der Investitionen in den ehemaligen Ostblock geflossen sind.

Mit der Verlagerung von Standtorten wandert auch die Nachfrage nach qualifizierten Arbeitskräften ab. Hätte diese Produktionsverlagerung nicht stattgefunden, wäre die Skillprämie für heimische Akademiker um 40 Prozent höher gewesen, als sie tatsächlich ist, meint Marin.

Wohlstand dank Überlauf

Für die osteuropäischen Metropolen haben sich die Investitionen aus Österreich besonders gelohnt. Während andere Auslandsinvestoren ihre Unternehmenskultur und damit verbundenes Spitzenpersonal mit in den ehemaligen Ostblock nahmen, setzten österreichische Firmen auf die Strukturen vor Ort. Diese Anpassungsfähigkeit ist durchaus als Stärke zu betrachten, meint Marin, aber sie hat auch dazu geführt, dass die Kontrolle über den Innovationsprozess vermehrt an die Tochterunternehmen abgetreten wurde. Das neu entwickelte Know-how blieb in der Region. Vor allem die erfahrenen Arbeitskräfte aus den Tochterunternehmen machten die Hauptstädte Osteuropas immer attraktiver für neue Investoren.

Diese sogenannten Spillovereffekte verhalfen der regionalen Wirtschaft in Osteuropa zu mehr Wachstum, fehlten aber gleichzeitig in den ökonomischen Zentren Österreichs, allen voran Wien.

Die Expansion nach Osteuropa wurde nach dem Mauerfall stark von der Politik gefördert. Schließlich waren die nationalen Volkswirtschaften der ehemaligen Habsburgermonarchie vor dem Kalten Krieg immer eng verflochten gewesen. Der Staat hat daher mit großzügiger Unterstützung den heimischen Unternehmen das anfängliche Risiko für die Expansion in den ehemaligen Ostblock genommen.

Spätfolgen für die Wirtschaft

Die fehlende Rendite im Inland durch verlagerte Spillovereffekte würde man erst heute spüren, sagt Marin. Es sind die Konsequenzen einer Bildungskrise der Neunziger, auf die nur langsam reagiert wurde. Die Nachfrage nach Akademikern – begleitet von einer Bildungsoffensive – hat zeitlich verzögert Früchte getragen. Die Akademikerquote in Österreich ist bis zum Jahr 2007 von sieben auf 18 Prozent gestiegen. Im gleichen Zeitraum hat sich allerdings die Skillprämie für Hochschulabschlüsse um 250 Prozent erhöht – ein Hinweis, dass weiterhin Nachfrage nach Akademikern besteht. Außerdem ist die Arbeitslosigkeit unter Akademikern am geringsten. Das relativ gute Gehalt und der sichere Job machen ein Studium so attraktiv, dass in manchen Branchen sogar ein Fachkräftemangel vorherrscht.

Für die verlorene wirtschaftliche Dynamik durch die nach Osteuropa abgewanderten Unternehmen spielt der neuerliche Drang auf die heimischen Hochschulen keine Rolle. Im Gegenteil, die nächste Revolution – die Digitalisierung – kündigt sich bereits an. Statt Akademiker gefragter zu machen, wie es die erste Innovationswelle im IT-Bereich getan hat, sind künftig auch die Jobs von Hochschulabsolventen durch Automatisierung bedroht, sagt Marin.

Die Zukunft bietet für den Arbeitsmarkt daher neue Herausforderungen. Ein vergossener Spillovereffekt lässt sich nicht mehr aufsaugen.

Teil 2 – Wie die Digitalisierung die Firmen zurück nach Österreich holt, aber keine Jobs schafft: Ein Diplom schützt den Job nicht vor Robotern