Die US-Notenbank verabschiedet sich von der Krisenpolitik

von Martin Lanz / 15.12.2014

Die guten US-Wirtschaftsdaten setzen die US-Notenbank Fed unter Druck. Die Arbeitsmarktbedingungen und das allgemeine wirtschaftliche Umfeld haben sich seit der Einstellung des Anleihekaufprogramms verbessert. Jetzt muss sie Aufschluss über das Ende der Nullzinspolitik geben, schreibt NZZ-Korrespondent Martin Lanz in Washington.

Die Wirtschaftslage in den USA wird zum Jahresende immer besser. Die Signale vom Arbeitsmarkt sind positiv, das Wirtschaftswachstum war im zweiten und dritten Quartal stark, und die sinkenden Benzinpreise wecken die Konsumlust. Einmal scheint sogar der amerikanische Kongress mitzuspielen, indem er mit der Verabschiedung eines Ausgabenpakets eine Einstellung des Staatsbetriebs abwendet und so einen wichtigen Unsicherheitsfaktor mindestens vorübergehend beseitigt.

Bewegung an der Lohnfront

Vor diesem Hintergrund kommt der Offenmarktausschuss des Federal Reserve (FOMC) am 16. und 17. Dezember zu seiner letzten Sitzung des Jahres zusammen, um über seine weiteren geldpolitischen Schritte zu beraten. Erwartet werden Anhaltspunkte darüber, wann im kommenden Jahr der „lift-off“ erfolgen wird, also der Zeitpunkt, zu dem das Fed die nunmehr seit 6 Jahren bei praktisch null liegenden Leitzinsen zu erhöhen beginnt. Was hat sich seit der Oktobersitzung geändert, als das FOMC eine signifikante Verbesserung am Arbeitsmarkt feststellte und beschloss, das zur Stimulierung der Wirtschaft gedachte Anleihekaufprogramm („QE 3“) zu beenden, jedoch für geraume Zeit noch Nullzinsen in Aussicht zu stellen? Für Aufsehen hat der Arbeitsmarktbericht für November gesorgt: Nicht nur wurden saisonbereinigt 321.000 neue Stellen geschaffen, der höchste Wert seit Januar 2012. Mit Ausnahme der Erdölindustrie erfuhren praktisch alle Branchen ein starkes Jobwachstum. Bemerkenswert waren vor allem auch Anzeichen, dass mit der Erholung am Arbeitsmarkt endlich ein beschleunigtes Lohnwachstum einhergeht.

So nahm der durchschnittliche Stundenlohn im Privatsektor im November gegenüber dem Vormonat um 0,4 Prozent auf 24,66 Dollar zu. Im Durchschnitt der vorangegangenen zwölf Monate hatte der monatliche Zuwachs nur 0,2 Prozent betragen. Zwar hat es solche Sprünge wie im November auch in den vergangenen Jahren schon gegeben, und im Jahresvergleich fällt das Lohnwachstum im November mit 2,1 Prozent nicht gerade spektakulär aus. Ökonomen sind aber zunehmend überzeugt, dass sich die inzwischen 50 aufeinanderfolgenden Monate mit Stellenzuwächsen – die längste, wenn auch nicht stärkste Wachstumsphase seit dem Zweiten Weltkrieg – nun allmählich auch in dickeren Lohntüten niederschlagen werden.

Sollte sich ein stärkeres Lohnwachstum doch nicht einstellen, können sich Arbeitnehmer und die meisten Branchen mit den sinkenden Benzinpreisen trösten. Am Freitag war für eine Gallone im landesweiten Durchschnitt noch 2,60 Dollar (etwa 55 Cent pro Liter) zu bezahlen. Bis Weihnachten dürfte der Preis auf 2,50 Dollar fallen. Für viele ist das ein Weihnachtsgeschenk, gerade für Haushalte mit niedrigen Einkommen, die oft längere Arbeitswege mit ineffizienten Fahrzeugen auf sich nehmen und für die Benzin ein gewichtiger Ausgabenposten im Budget darstellt.

Der typische US-Haushalt kauft rund 1.200 Gallonen Benzin pro Jahr. Wenn er statt 3,5 nur 2,5 Dollar pro Gallone zahlt, bleiben ihm über ein Jahr gesehen 1.200 Dollar für anderes zur Verfügung. Der Detailhandel reibt sich jedenfalls schon die Hände: Im November wurde ein Wachstum der Umsätze von 0,7 Prozent im Vergleich mit Oktober registriert. Tankstellen waren praktisch die einzigen Verlierer: Ihre Umsätze gingen um 0,8 Prozent zurück.

Im Zweifelsfall locker bleiben

Das Wirtschaftswachstum wird durch die niedrigen Energiepreise angetrieben – von zusätzlichen 0,3 bis 0,5 Prozentpunkten im kommenden Jahr ist die Rede. Gleichzeitig dämpfen sie das allgemeine Preisniveau. Diese Konstellation ohne Inflationsdruck, kombiniert mit einem eher düsteren weltwirtschaftlichen Ausblick, erlaubt es dem Fed, mit Zinserhöhungen zuzuwarten und seine bisherige Linie beizubehalten. Dies umso mehr, als die Langzeitarbeitslosigkeit immer noch hoch und die Arbeitsmarktbeteiligung schwach ist. Nicht wenige sehen in einer anhaltend lockeren Geldpolitik das richtige Rezept, um hier Abhilfe zu schaffen. Zu frühe und abrupte Zinserhöhungen, wird argumentiert, könnten die mühsam errungenen Fortschritte abwürgen.