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Geld

Die Vermessung des Geldes

von Thomas Fuster / 04.02.2016

In einer Welt mit Negativzinsen wird das Horten von Bargeld immer attraktiver. Zwar hat dies Lagerkosten zur Folge. Doch einige Währungen lassen sich effizienter in Kisten stecken als andere. In der Schweiz sind die Lagerkosten dank Tausendernoten, deren Wertdichte jene des Goldes übersteigt, niedriger als anderswo. Warum das den zinspolitischen Spielraum der SNB einschränkt, weiß NZZ-Wirtschaftsredakteur Thomas Fuster.

Tabus gibt es in der Geldpolitik schon seit geraumer Zeit keine mehr. Selbst Negativzinsen, noch vor wenigen Jahren in der öffentlichen Debatte als eine rein theoretische Gedankenspielerei abgetan, gehören längst zum Standardrepertoire diverser Notenbanken. Ende vergangener Woche gesellte sich mit der Bank of Japan bereits die fünfte Währungsbehörde zu jenen Zentralbanken, die auf dieses unkonventionelle Instrument zurückgreifen. Ein ähnliches Regime, bei dem auf Einlagen bei der Notenbank ein Strafzins erhoben wird, gilt in unterschiedlichen Ausformungen auch in der Euro-Zone, der Schweiz, Dänemark und Schweden. Die sogenannte Nullzinsgrenze (Zero Lower Bound), unter welche die kurzfristigen Zinssätze angeblich nicht fallen können, liegt offenkundig unter null.

Höhere Wertdichte als Gold

Dennoch, beliebig weit lassen sich Zinsen nicht in den negativen Bereich drücken. Irgendwann wird es nämlich lukrativ, sämtliches Geld von den Bankkonten abzuheben und in bar zu horten. Das ist dann der Fall, wenn die Negativzinsen schwerer wiegen als die Kosten und Unannehmlichkeiten der Bargeldhaltung. Resultat wäre ein Ansturm auf Finanzhäuser, woran weder den Zentral- noch den Geschäftsbanken gelegen ist.

Vom unabhängigen Forschungsunternehmen Capital Economics (CE) kommt nun aber „Entwarnung“: Dessen Ökonomen sind nämlich überzeugt, dass die ominöse Untergrenze noch lange nicht erreicht ist und Zentralbanken ihre Strafzinsen problemlos auf bis –2% drücken können. Das wäre weit entfernt von den derzeit in der Schweiz (–0,75%), Dänemark (–0,65%), Schweden (–0,35%), der Euro-Zone (–0,3%) und Japan (–0,1%) zu beobachtenden Negativzinsen.

Wie kommt dieser grob geschätzte Schwellenwert zustande? Quasi als Benchmark dient die Lagerung von Gold, zu der es zahlreiche Erfahrungswerte gibt. Laut CE liegen die jährlichen Lagerkosten für dieses Edelmetall bei rund 0,2 Prozent des Wertes. Hinzu kommen eigentliche „Zugangsgebühren“ von rund 0,5 Prozent; gemeint sind damit die Kosten für den Zugang zum Gold oder für dessen Übertragung an jemanden anderen, ähnlich einer Kommissionsgebühr. Diese beiden Kostenkomponenten können nun aber nicht einfach addiert werden, und zwar aus zwei Gründen: Erstens ist Papiergeld leichter zu beschädigen oder zu zerstören als das harte Edelmetall; zu denken ist etwa an die Feuergefahr. Und zweitens sind die Lagerkosten für Bargeld auch deshalb höher, weil die Lagerung einer bestimmten Geldmenge bei den meisten Währungen deutlich mehr Platz braucht als die Lagerung von Gold in gleichem Wert. CE veranschlagt daher die Kosten der sicheren Lagerung und Verschiebung größerer Bargeldmengen auf zirka 1,5 bis zwei Prozent.

Wie die Grafik zeigt, gilt die zweitgenannte Einschränkung aber nicht für alle Währungen in gleichem Maß. So sind die höchsten Banknoten je nach Währungsgebiet von sehr unterschiedlichem Wert. Den Spitzenplatz nimmt aufgrund der Tausendernote die Schweiz ein. In eine Kiste mit einem Volumen von einem Kubikmeter lassen sich daher Franken im Wert von 732 Millionen Dollar stapeln; das ist mehr als eine gleich große Kiste voller Gold (697 Millionen Dollar). Bei allen anderen Weltwährungen präsentiert sich die Sache umgekehrt: Eine Kiste, gefüllt mit der wertvollsten Banknote, ist überall weit weniger wert als eine gleich große Kiste mit Gold. Zur Illustration das Beispiel Japans: Dort stellt der 10.000-Yen-Schein (zirka 76 Euro) die höchste Banknote dar; ein Behälter mit einem m³ Inhalt reicht daher nur für 68 Millionen Dollar.

Unbekannte Untergrenze

Was bedeutet das für die Notenbanken? Offenkundig liegt die effektive Nullzinsgrenze, unter die der Strafzins nicht gedrückt werden kann, je nach Land auf einem unterschiedlichen Niveau, da die Lagerkosten auch vom Wert der Höchstnote abhängen. Dass die Schweiz mit der Tausendernote den international wertvollsten Geldschein emittiert, führt deshalb dazu, dass hierzulande die Nullzinsgrenze – ceteris paribus – höher liegt als anderswo. Als exakte Wissenschaft sind diese Rechenspiele aber nicht zu interpretieren. Die Höhe der Untergrenze wird man erst kennen, wenn die Zentralbanken die entsprechenden Limiten testen oder Bankkonten plötzlich in hoher Zahl aufgelöst werden. Hinzu kommt, dass man die Grenze auch behördlich senken kann, indem etwa die Verwendung von Cash erschwert wird. Deutschland beschreitet derzeit diesen Weg.