REUTERS/Suzanne Plunkett

Walkthrough

Die verzweifelte Suche nach Wachstum

von Lukas Sustala / 12.11.2015

Die Europäische Zentralbank könnte im Dezember ihre Anleihenkäufe ausweiten. Die UniCredit schneidet bei ihrem Sparpaket tief in die Strukturen und könnte ihre Österreichtochter filetieren. Wie es Osteuropa wirtschaftlich geht. Ein Walkthrough im Phänomen Geld.

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Draghi macht Druck. Der EZB-Präsident Mario Draghi hat einen klaren Hinweis für ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk gegeben. Vor dem Europaparlament hat Draghi seine Bereitschaft bekräftigt, notfalls die Geldpolitik zur Ankurbelung von Konjunktur und Inflation noch weiter zu lockern. Aus heutiger Perspektive könnte es länger dauern als im März gedacht, bis sich die Preisentwicklung wieder anhaltend normalisiere, sagte er vor dem Wirtschafts- und Währungsausschuss in Brüssel. Während sich die EZB also auf den Weg in Richtung „QE Infinity“ macht, könnte man sich ansehen, wieso die Anleihenkäufe in Europa so wenig gebracht haben (NZZ.at).

Geldpolitisches Duell. Was ist das letzte Mal passiert, als sich die US-Notenbank Fed und die Europäische Zentralbank in verschiedene Richtungen bewegt haben? Das ist de facto nie passiert, man muss schon in die Zeit vor der Euro-Einführung gehen: 1994, als die deutsche Bundesbank und die US-Fed in unterschiedliche Richtungen gegangen sind (Bloomberg). In den USA wurden die Zinsen angehoben, in Deutschland hingegen gesenkt. Eine Konsequenz: ein fallender Dollar. Das mag paradox klingen, aber wer auch immer auf einen steigenden US-Dollar wettet, sollten sich die Episode genau ansehen.

Die UniCredit schneidet bei ihrem Sparpaket sehr tief. Nicht nur in Mailand fallen tausende Jobs weg, sondern auch in Wien (Bank Austria) und München (HVB). Die Bankengruppe wird nun auf Profitabilität getrimmt, und das wird in Österreich zu spüren sein (NZZ.at). Wer sich den Strategieplan der UniCredit ansieht, sieht die vielen Herausforderungen für eine Bank, die in der Vergangenheit auf Wachstum programmiert war – und jetzt auf Profitabilität getrimmt wird. Die 5 Charts zum Strategiewechsel der UniCredit zeigen, dass in erster Linie Kosten – und im Banking sind das vor allem Mitarbeiter – gespart werden sollen (NZZ.at). Bankchef Willibald Cernko hat die Kunden um Geduld gebeten, bis bekannt ist, wie genau das Sparpaket aussehen soll. Die Geduld jedenfalls ist den Eigentümern vergangen.

OeNB rechnet mit kleinen Konjunkturimpulsen. Die Ausgaben für die Versorgung der Flüchtlinge und die Steuerreform stützen laut Nationalbank die Konjunktur zum Jahreswechsel (OeNB). Die Ausgaben für die Versorgung der Flüchtlinge wirkten in der kurzen Frist konjunkturstimulierend, so die Ökonomen der OeNB. Für das vierte Quartal 2015 und das erste Quartal 2016 werde von einem Wachstumseffekt von je plus 0,1 Prozentpunkten ausgegangen. Die Steuerreform sollte für das erste Quartal 2016 ebenfalls einen Wachstumseffekt von plus 0,1 Prozentpunkten bringen. Das sollte die Jahreswachstumsrate im ersten Quartal 2016 auf insgesamt 1,5 Prozent bringen.

Woher kommen Investitionen? Ein Grund, dass Österreichs Wirtschaft in der jüngsten Vergangenheit kaum gewachsen ist, war die Zurückhaltung von Unternehmen. ÖGB-Chef Foglar meint, dass die Unternehmen mehr investieren sollen, schließlich sind ja die Zinsen so niedrig. Allein, so einfach ist die Sache dann doch nicht, wie Matthäus Kattinger schreibt (NZZ.at): „Was Herr Foglar nicht begreifen will und kann, ist, dass Unternehmen nicht investieren, weil es ihnen gut geht, weil die Zinsen niedrig sind, sondern weil sie erst dann investieren, wenn ein guter Grund zur Annahme besteht, dass sich die Investition auch rechnet.

Osteuropa etwas optimistischer. Was womöglich auch noch für etwas mehr Dynamik in Österreich sorgen könnte: Osteuropa. Das Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) hat seine Konjunkturprognose für die Länder Mittel-, Ost- und Südosteuropas leicht nach oben revidiert. In der Region – ohne GUS und Ukraine – wird ein ein Wachstum von durchschnittlich drei Prozent erwartet, etwa 1,5 Prozentpunkte über dem Wachstum der Eurozone. Aktuelle Zahlen zu Russlands Wachstumsentwicklung zeigen, dass das Land auch im dritten Quartal noch in einer tiefen Rezession steckte. Die Wirtschaft ist im dritten Quartal im Jahresvergleich um 4,1 Prozent geschrumpft (FT).

Eine sehr gute Nachricht zum Schluss. Die Lebenserwartung in Österreich steigt, und vor allem die Lebenserwartung in gesunden Jahren nimmt zu. In Österreich lebt es sich also nicht nur länger, sondern auch qualitativ besser, die gesunden Lebensjahre stiegen seit 1991 doppelt so schnell wie die gesamte Lebenserwartung. Im gleichen Zeitraum erhöhte sich die Lebenserwartung bei der Geburt bei Männern um 6,6 auf 78,9 Jahre, bei Frauen um 4,7 auf 83,7 Jahre. So sehen Chancen aus, an denen sich die Wirtschaftspolitik versuchen sollte (Statistik).

Free Lunch – Food for Thought

Tomás Sedlácek: „Unser Glaube an das Wachstum ist naiv“ (Der Standard).

Ölpreisschock? Orangensaft-Preisschock!

Das Minsky-Rätsel der Eurozone (Project Syndicate).

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