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Freihandel

Die völlig falsche Sicht auf den Freihandel

von Lukas Sustala / 29.10.2015

Das EU-US-Handelsabkommen TTIP sorgt dafür, dass der Freihandel wieder in aller Munde ist. Doch der Handel hat sich in den vergangenen Jahrzehnten dramatisch verändert. Das zeigt sich etwa am Beispiel eines modernen Autos. Zeit für eine Klarstellung.

Was bringt denn der Freihandel? Wer diese Frage beantworten will, bekommt immer wieder David Ricardo zu hören. Der 1772–1823 lebende Ökonom gilt nicht nur als der reichste Volkswirt aller Zeiten – ganz ohne Nobelpreis und New York Times-Kolumne –, sondern hat wie kaum ein anderer Ökonom die Sicht auf die Welt geprägt. Was die „unsichtbare Hand“ des Adam Smith ist, sind bei Ricardo die „komparativen Vorteile“.

Sein Beispiel von Portugal und England ist wohl eines der bekanntesten in der gesamten Ökonomie. Ricardo hat gezeigt, dass es sich für Länder auszahlt, sich zu spezialisieren, selbst wenn in verschiedenen Bereichen die Produktivität geringer ist. Seine Beispiele für den Handel des 19. Jahrhunderts waren Tuch und Wein. Selbst wenn England in beiden Bereichen produktiver sei, sollten die beiden Länder in Handel miteinander treten und sich spezialisieren, zeigte Ricardo.

Economics tells us that we can benefit when these goods and services are traded. Simply put, the principle of ,comparative advantage‘ says that countries prosper first by taking advantage of their assets in order to concentrate on what they can produce best.

World Trade Organisation

Noch heute hält die Welthandelsorganisation die Theorie von Ricardo hoch, wenn sie den Wert des Welthandels für die Gesellschaft herausstreicht und einen Grund für weiteren Freihandel sieht. Doch das Beispiel stammt aus einem Buch aus dem Jahr 1817. Und der Welthandel sieht heute ganz anders aus. Die 100-prozentige Spezialisierung auf ein Gut ist angesichts von immer komplexeren Produkten für kaum ein Land realistisch. Stattdessen haben international tätige Konzerne die Erde mit globalen Wertschöpfungsketten überzogen. Das illustriert etwa das Beispiel der Automobilbranche sehr deutlich. Die NZZ.at-Recherche zu den Zulieferern des BMW-Konzerns etwa zeigen, dass das durchschnittliche Auto längst Made on Earth ist, nicht mehr Made in Germany:

Moderne Güter sind längst vielfach verarbeitet, die Einzelteile kommen von verschiedensten Zulieferern, die Rohstoffe werden oft in Schwellenländern gefördert, die Endprodukte großteils in Asien oder Osteuropa gefertigt, und viele hochkomplexe Teile in Industrieländern wie Österreich oder Deutschland. Die Wertschöpfungsketten sind dabei der ultimative Ausdruck dessen, was der Publizist und Autor Thomas Friedman in „The World is Flat“ beschrieben hat. Die Barrieren der Distanz sind durch Digitalisierung und Handel immer flacher geworden.

Immer mehr Zwischenprodukte

Vier Ökonomen des Internationalen Währungsfonds haben in einer aktuellen Studie den Effekt von Wertschöpfungsketten untersucht: „Over the past 30 years, production has become increasingly fragmented through the growing prevalence of global value chains (GVC), with components crossing numerous international borders. This has resulted in the faster growth of trade in intermediate inputs than the growth of trade in final goods.“ Der Handel von Zwischenprodukten hat sich zwischen 1995 und 2013 versechsfacht, jener von Fertigprodukten hingegen „nur“ vervierfacht.

Das hat nicht nur einen Einfluss auf Unternehmen, die immer stärker in Wertschöpfungsketten denken, wovon nicht nur die vielen „Global Supply Chain“-Manager zeugen, die mittlerweile in internationalen Unternehmen tätig sind. Die Weltbank hat in einer aktuellen Studie gezeigt, dass sich Abwertungen deutlich weniger auf den Handel auswirken als noch früher. Eine Abwertung der Währung ist allgemein mit einem Anstieg der Exporte verbunden und damit einer Verbesserung der Handelsbilanz. Ist ein Land oder ein Währungsraum aber stark in die globalen Wertschöpfungsketten integriert, spielen Abwertungen eine deutlich kleinere Rolle dabei, die eigenen Exporte zu erhöhen.

Österreich konnte sich gut integrieren

Österreich hat sich dabei auch immer stärker in die Wertschöpfungsketten integriert. Davon zeugt eine Studie, die dieses Jahr präsentiert wurde, und die für Österreich wichtigen Handelsnetzwerke in Augenschein nimmt. Im Kern zeigt sich, dass Österreichs Exportindustrie immer stärker Teil der globalen Produktion ist. 1995 machte die ausländische Wertschöpfung noch 25 Prozent der österreichischen Exportwertschöpfung aus. 2011 waren es bereits 35 Prozent. Immer mehr Wertschöpfung der österreichischen Exportindustrie hängt also auch von hochwertigen Importen ab.

Was kann also der Freihandel bringen? Es geht nicht mehr nur um den Import und Export von Tuch und Wein, von einem Gut als Tausch gegen ein anderes. Wenn TTIP erfolgreich sein soll, dann wird es zu einer engeren Verflechtung der USA und der EU in den globalen Wertschöpfungsketten kommen, wohl auch zulasten anderer Nationen.