Lilly Panholzer / ALLDSGN

Schwerpunkt: Allgemeingut

Die wahre Tragik der Allmende

von Leopold Stefan / 04.01.2016

Die Dorfgemeinschaft im Mittelalter wurde zum Sinnbild für aktuelle Verteilungsprobleme vom Bürokühlschrank bis zum Klimawandel. Gemeingüter verleiten den Einzelnem zu maßlosem Konsum auf Kosten aller. Die Geschichte zeigt: Es gibt zwar keine Patentrezepte, aber gute Faustregeln, um der Tragik der Allmende zu entkommen.

Viele kennen das Problem: Der gemeinsame Kühlschrank in der Arbeit wird nach und nach durch verschimmelte Essensreste unbrauchbar gemacht. Regelmäßig vergisst jemand, dass er noch ein halbes Käsebrot oder seine geöffnete Buttermilch verstaut hat und niemand fühlt sich dafür zuständig, die vergammelnden Reste zu entsorgen. Bald ist der Kühlschrank unbrauchbar, bis eine Putzkraft den undankbaren Auftrag erhält, ihn komplett auszuleeren und gründlich zu reiningen.

Von Büros über Sportvereine, über Städte und Länder bis hin zum ganzen Erdkreis stellt sich immer wieder die Frage, wie man ein Allgemeingut nachhaltig und gerecht teilen kann. Am Anfang der Verteilungsproblematik steht oft ein Missverständins: Die meisten öffentlichen Güter sind streng genommen gar keine, oder verlieren diesen Status schleichend im Verlauf der Zeit.

Wahre öffentliche Güter zeichnen sich durch zwei Kriterien aus: Erstens kann sie jeder konsumieren, ohne dass für die anderen zu wenig überbleibt. Und zweitens ist niemand vom Konsum ausgeschlossen.

Beispiele dafür sind Sicherheit, die gemeinsame Atemluft oder ein schöner Sonnenuntergang. Mein Nachbar kann mir meine Luft genauso wenig wegatmen, wie ich sicherer als er nachts auf unserer Straße spaziere.

Oftmals bestimmt das Verhältnis von Angebot und Nachfrage, ob ein Gut tatsächlich öffentlich ist. In der Praxis bedeutet der Verbrauch des Einen fast immer eine gewisse Einschränkung des Anderen, auch wenn es sich zunächst kaum bemerkbar macht.


Credits: Uli Deck/ dpa

Ökonomen sprechen in solchen Fällen von „Quasikollektivgütern“. Dabei geht es weniger um die Art des Konsums als die Quantität: Die Benutzung des öffentlichen Schwimmbads ist ab einer gewissen Menge an Badegästen ziemlich eingeschränkt.

Die Tragik der Allmende

Die Überbeanspruchung von Quasikollektivgütern wurde durch die Tragik der Allmende versinnbildlicht, die der amerikanische Ökologe Garrett HardinHardin beruft sich 1968 in seinem berühmten Aufsatz „The Tragedy of the Commons“ auf den britischen Ökonom William Forster Lloyd, der 1833 die Verödung von Allmenden in England durch rücksichtslose Nutzung beschrieb. Wie Garrett selbst, sah Lloyd darin eine Parallele zum scheinbar bedrohlich schnellen Bevölkerungswachstum. Ende der Sechzigerjahre in einem gleichnamigen Aufsatz populär machte: In der mittelalterlichen Dorfgemeinschaft waren manche Flächen für die Allgemeinheit frei zugänglich. Die Weide, auf die jeder Bauer im Dorf sein Vieh zum grasen treiben durfte, hieß daher Allmende.

Die Tragik der Allmende entsteht, wenn jeder Bauer versucht, so viel Vieh so lange wie möglich auf der gemeinsamen Weide grasen zu lassen und niemand sich um die Pflege des Bodens kümmert. Als Konsequenz wird das Land irgendwann veröden und das Vieh verhungern. Die Tragik besteht laut Hardin in der Unabwendbarkeit dieser Katastrophe, aus dem kollektiven Verhalten vermeintlich rationaler, nämlich auf den eigenen Vorteil bedachten, Individuen hervorgeht. Die freie Verfügbarkeit von Kollektivgütern müsse daher eingeschränkt werden, um sie zu bewahren.

Hardins Metapher der Allmende illustriert Nutzungsprobleme vom Kühlschrank bis zur Netzneutralität. Für die Suche nach einheitlichen Lösungsansätzen taugt sie wenig.

Lösungen, die spalten

Um den exzessiven Verbrauch eines Allgemeinguts zu verhindern, gibt es unterschiedliche Lösungsansätze, die von starrer Regulierung bis zu vollständiger Privatisierung reichen.

Einerseits könnte das Kollektiv oder eine höhere Instanz wie der Staat regeln, wer unter welchen Umständen auf ein Gemeingut zugreifen kann. Typische Ansätze sind Quoten, ein fixer Preis, Bedarfsermittlung, „first come first serve“, Lotterien etc.

Alternativ wird das öffentliche Gut privatisiert, indem Besitzverhältnisse auf Individuen aufgeteilt und der Zugang zum vormals öffentlichen Gut technisch beschränkt wird. Den nachhaltigen Konsum regelt der Marktmechanismus über den Preis, so er die wahren Kosten reflektiert, automatisch: Je knapper das Gut, desto höher sein Preis und desto schonender wird der Verbrauch.


Credits: garretthardinsociety

Jede dieser Lösungen kann das Schlimmste verhindern, erzeugt aber fast zwangsläufig Gewinner und Verlierer. Darum erregt die Tragik der Allmende bis heute die Gemüter.

Alles nicht so tragisch

Hardins vielzitierte Metapher der Tragik der Allmende gilt als Plädoyer für die Privatisierung von Gemeingütern. Ein Befund, den heute vor allem Kritiker des „laissez faire“-Kapitalismus wie der Ökonom Joseph E. Stiglitz anführen. Dem Ökologen Hardin ging es aber nicht um die gemeinsame Weide, sondern die Überbevölkerung der Erde. Er plädiert in seinem Aufsatz für ein staatliches Eingreifen und nicht für eine private Lösung.

Hardins Vergleich hat aber nach seiner Publikation eine Eigendynamik angenommen, die den Intentionen des Autors nicht entspricht.

Auch der historische Umgang mit Allmenden verdeutlicht unterschiedliche Lösungsansätze für das Dilemma der kollektiven Nutzung, die alles andere als in tragischer Verödung endeten.

Privatisierung schafft Anreize

Zum einen ist die Geschichte der Agrarrevolution Englands eng mit der Privatisierung des Gemeindelandes verknüpft, wie der englische Wirtschaftshistoriker Mark Overton erklärt. Die sogenannte „enclosure“ – also Einhegung und Privatisierung der Allmende – hat bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts viele Kleinbauern durch Großbetriebe ersetzt.

Gleichzeitig blähte sich die grundbesitzlose Klasse auf, die den Arbeitsmarkt während der Industrialisierung prägte. In dieser Zeit stieg die landwirtschaftliche Produktivität Englands stark an. Viele Bauern wurden aber mithilfe des Staates de facto enteignet.

Die Gerechtigkeit von Privatisierungen hängt davon ab, wie die Besitzansprüche an das Allgemeingut aufgeteilt werden. Sie hat jedoch meist den Vorteil, dass Anreize geschaffen werden, mit einer Ressource effizient umzugehen.

Nach den Agrarrefomen in China unter Deng Xiaoping Ende der Siebzigerjahre durften Bauern einen Teil ihrer Ernte auf dem Markt verkaufen, statt alles bei der Verwaltung der staatlichen Kollektive abzuliefern. Im selben Land, in dem Maos Zwangskollektivierung rund 40 Millionen an Hungertoten forderte, schossen die Erträge in die Höhe. Statt sie zu enteignen, brachte die Privatisierung jedem Bauer mehr Freiheiten.

Kooperation unter Bekannten

Eine Privatisierung von Allgemeingut ist aber keinesfalls eine Patentlösung. Historische und aktuelle Beispiele wie die Allmende im Kollektiv vor der Verödung bewahrt wurde, gibt es zuhauf, wie die Ökonomin und Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom demonstrierte.

In kleinen Gemeinschaften wie dem mittelalterlichen Dorf, wo jeder jeden kennt, wurde die Tragik der Allmende meist durch soziale Sanktionen verhindert. So durfte jede Familie nur eine gewisse Zahl an Weidevieh gleichzeitig auf die Allmende treiben. Dadurch blieb das öffentliche Gut erhalten und niemand wurde von der Nutzung ausgeschlossen. In Teilen des Schweizer Alpenraums werden Allmenden nach solchen Regeln seit über einem halben Jahrtausend bewirtschaftet.


Credits: Törbel CH – imago/ Jochen Tack

Erfolgreiche Selbstorganisation gelingt laut Ostrom aber nur unter bestimmten Umständen. Wichtig ist unter anderem die klare Abgrenzung der Nutzungsberechtigten und eine Möglichkeit innerhalb der Gruppe zu Kommunizieren und graduelle Sanktionen zu verhängen. Jedenfalls gäbe es laut Ostrom keine Allheilmittel für das Allmende-Problem, sondern nur Lösungen, die sich an die jeweilige Situation anpassen.

Globale Allmenden

So manches gesellschaftliche Allmenden-Dilemma ist nicht durch Kommunikation und Kontrolle auf persönlicher Ebene zu bewältigen. Privatisierungen sind, abgesehen von der Frage der legitimen Besitzansprüche, auf manchen Ebenen technisch nicht durchführbar – oder es gibt keine Autorität, die dazu in der Lage wäre.

Die NetzneutralitätDie Netzneutralität betrifft die gleiche Behandlung aller Daten im Netzwerk durch Internetdienstanbieter. oder der Klimawandel betreffen die ganze Welt. Selbst wenn einzelne Staaten den Umgang mit Internetdaten oder CO2-Emissionen in ihrem Territorium regulieren, haben sie wenig Einfluss auf das Gesamtsystem.

Je weniger die Verbraucher eines Gemeingutes miteinander verbindet, desto schwerer fällt eine gemeinsame Regelung für den nachhaltigen Konsum. Auf internationaler Ebene fällt Kooperation ohne Trittbrettfahrer besonders schwer, weil es über dem Staat keine exekutive Ebene gibt, die Sanktionen durchsetzt.

Die jüngste Umweltkonferenz in Paris brachte zwar die bis dato ambitioniertesten Klimaziele. Experten bezweifeln aber, dass mit dem neuen Protokoll der Klimawandel erfolgreich bekämpft wird.

Kein falscher Fortschrittsglaube

Die Forderung nach internationalen Zwangsmaßnahmen bei globalen Allmende-Problemen verstellt aber außerdem den Blick auf eine andere Art der Lösung: den technologischen und institutionellen Fortschritt.

Was heute selten zitiert wird, wenn auf Hardins Tragik der Allmende verwiesen wird, ist dessen kategorische Beschränkung auf Probleme, die keine technische Lösung zuließen. Das Elend durch Überbevölkerung, schrieb er 1968, könne nicht durch technischen Fortschritt abgewandt werden. Daher forderte er schlichtweg staatliche Bevölkerungskontrolle: „The only way we can preserve and nurture other and more precious freedoms is by relinquishing the freedom to breed, and that very soon.“


Credits: Elinor Ostrom – imago

Zur selben Zeit begann die Grüne Revolution mit neuen Anbaumethoden die weltweiten Erträge der Landwirtschaft auf Rekordniveau zu steigern. Institutionelle Reformen hin zu mehr Marktwirtschaft haben weltweit Millionen aus der Armut gehoben. Seither hat sich die Weltbevölkerung von 3,5 auf 7,3 Milliarden Menschen mehr als verdoppelt.

Auch die Netzneutralität bleibt erhalten, wenn die Verbreitung von leistungsfähigem Breitbanddiensten die Diskriminierung von Daten nicht mehr attraktiv macht.

Sowohl zentralisierte Regulierung als auch staatlich forcierte Enteignung zur Lösung von Allmende-Problemen sind mit hohen Kosten verbunden. Zusätzlich bieten sie kaum Anreize, nach neuen technischen und institutionellen Lösungen zu suchen.

Die Tragik der Allmende ist aber nicht in Stein gemeißelt. Selbstorganisation oder gerechte Aufteilung von Kollektivgütern haben sich auf unterster Ebene bewährt. Auf höherer Ebene sind technologische, aber auch institutionelle Innovationen eine attraktive Lösung. Hätte eine Art tatkräftige Weltregierung Hardins Vision der Bevölkerungskontrolle umgesetzt, gäbe es jeden zweiten Menschen auf der Erde heute nicht. Das wäre die wahre Tragik der Allmende.