(KEYSTONE/Peter Klaunzer)

Iran-Beziehungen

Die Wirtschaft braucht keinen roten Teppich

von Leopold Stefan / 01.04.2016

Irans Präsident Hassan Rohani hat mit der Absage der Wienreise in letzter Minute für heftige Spekulationen über Sicherheitsrisiken, diplomatischen Zwist und innenpolitische Krisen gesorgt. Für die wirtschaftlichen Beziehungen spielt ein geplatzter Staatsbesuch jedoch kaum eine Rolle. Dass bisher allzu positive Effekte nach Ende der Sanktionen ausbleiben, ist ein Zeichen für überzogene politische Rhetorik – nach zehn Jahren Unterbrechung benötigt die Wirtschaft eine Anlaufphase.

Im vergangenen Jahr exportierte Österreich Waren und Dienstleistungen im Wert von etwa 250 Millionen Euro in den Iran, ein Land mit 77 Millionen Einwohnern. Zum Vergleich: Das Exportvolumen Österreichs mit den zehn-Millionen-Einwohner-zählenden Vereinigten Arabischen Emiraten, die laut dem Größenindex für Auslandsmärkte des WEF aber dem Iran ebenbürtig sind, erreichte im Vorjahr über 680 Millionen Euro. Selbst zu den Spitzenzeiten knapp vor den Sanktionen im Jahr 2005 erreichte das österreichische Exportvolumen in die islamische Republik etwa 400 Millionen Euro. Bei einer Bevölkerung so groß wie der Deutschlands, ist daher noch viel Potenzial vorhanden. Die Wirtschaftskammer rechnet daher mit einer Verdoppelung der Ausfuhren bis 2020.

Die Show muss weitergehen

Der große Saal in der Wirtschaftskammer war am Donnerstag bis auf den letzten Platz gefüllt, viele Teilnehmer mussten stehen. Der wirtschaftliche Dialog zwischen Österreich und dem Iran hat abgesehen von den abwesenden Spitzengästen der präsidentiellen Delegation, darunter Industrieminister Mohammad Nematzadeh, wie geplant stattgefunden. Der Industrieminister war ohnehin bereits bei der Wirtschaftskonferenz im Juli des Vorjahres in Wien.

Die über 80-köpfige Wirtschaftsdelegation bestand vorwiegend aus Vertretern der Industrie, Bau- und Gesundheitsbranche – nur zwei Teilnehmer kamen aus dem Tourismus. Das spiegelt den enormen Aufholbedarf der veralteten iranischen Infrastruktur und öffentlichen Versorgung nach Aufhebung der UN-Sanktionen wider, die erst Mitte Januar dieses Jahres aufgehoben wurden.

Für die Vertiefung der wirtschaftlichen Beziehungen habe die Absage Rohanis keine Rolle gespielt, sagt Georg Weingartner, Wirtschaftsdelegierter in Teheran. Die Hälfte der geplanten Absichtserklärungen sei trotzdem unterschrieben worden. Auch die bereits vorbereiteten bilateralen Abkommen im Gesundheits- und Landwirtschaftsbereich würden ohne Verzögerung unterzeichnet, nur eben nicht im feierlichen Rahmen eines Staatsbesuchs.

Potenzial für Geschäfte

Der Iran ist bereits der größte Automobilhersteller in der Region. Parallel zu den großen deutschen Autobauern wie VW, BMW und Daimler sehen daher auch Österreichs Autozulieferer große Chancen im Land. Vor allem in Neuanschaffungen steckt große Hoffnung. Rund 45 Prozent der iranischen Haushalte verfügen schon jetzt über ein Jahreseinkommen von über 20.000 Dollar – ein Anteil, der viermal so groß ist wie der in China oder Indien. Experten gehen davon aus, dass persische Konsumenten jährlich über 1,5 Millionen Neuwägen anschaffen könnten.

Autos seien im Iran ein wichtiges Statusobjekt, für das ein hoher Anteil des Einkommens ausgegeben werde, selbst wenn der übrige Lebensstil nicht mithalten könne, sagt ein Teilnehmer am Wirtschaftsdialog. Die niedrigen Spritpreise würden ebenfalls zum Kauf animieren. Die Hälfte der am Donnerstag feierlich präsentierten Pläne, wie Joint Ventures im Motorenbau, der KFZ-Produktion und im Technologietransfer, betreffen die Autobranche.

Auch in der öffentlichen Versorgung haben österreichische Firmen Großprojekte im Iran an Land gezogen. So plant das Gesundheitsunternehmen Vamed mit Sitz in Wien gleich zwei neue Spitäler vor Ort. Im Süden von Teheran errichtete die Tiroler Ingenieurfirma ILF eine Kläranlage für vier Millionen Menschen.

Auch die internationale Erdöl-Industrie steht schon Schlange im Iran. Dass die Aufhebung des Großteils der Sanktionen nicht von heute auf morgen einen Effekt hat, zeigt sich auch in der schleppend anlaufenden Ölförderung: „Es war irreführend, zu glauben, dass sehr viel neues Rohöl und Erdgas aus dem Iran kurzfristig auf den Markt kommt“, sagte Fatih Birol, Chef der Internationalen Energieagentur am Mittwoch. Gerald Grohmann, Chef des österreichischen Ölfeldausrüsters Schoeller-Bleckmann (SBO) prognostizierte bereits kurz nach der Aufhebung der Sanktionen, dass enorme Investitionen notwendig sind, bevor die Produktion wieder anziehe. Auch OMV-Chef Rainer Seele zeigte sich beim NZZ-Clubabend zwar abwartend, aber optimistisch, welche Möglichkeiten sich im Iran böten.

 

 

All diese Projekte brauchen freilich einiges an Vorlaufzeit. Neue – aber auch erneuerte – Geschäftsbeziehungen bräuchten Vertrauen, das nicht einfach in zwei Monaten gewonnen werde, sondern vielleicht erst nach zwei Jahren, sagt WKO-Präsident Christoph Leitl. Seit sich Anfang 2015 eine Annäherung in der Atompolitik abgezeichnet hatte, fanden über vierzehn Kontakte zur wirtschaftlichen Kooperation statt. Erst Anfang März war Landwirtschaftsminister Andrä Ruprechter in Teheran mit einer Delegation von Wirtschaftstreibenden im Schlepptau. Abgesehen von den offiziellen Anlässen, bestätigen viele österreichische Unternehmen, das sie bereits langjährige Kontakte in den Iran hätten, die sie nun verstärkt für neue Geschäfte reaktivieren. Noch gibt es dabei Hürden.

Coming soon: das Finanzsystem

Für viele der österreichischen Unternehmen, die in ihrer Branche nicht direkt von den Sanktionen betroffen waren, ist die Einschränkung des Zahlungsverkehrs trotzdem zum Verhängnis geworden. Vor allem der Ausschluss vom internationalen Transaktionssystem SWIFT im Jahr 2012 hat viele Geschäfte de facto unmöglich gemacht. Obwohl der Zugang für die meisten iranischen Banken seit Mitte Februar prinzipiell wieder möglich ist, führt die technische Anbindung bei vielen Finanzinstituten noch zu Verzögerungen.

Zusätzlich zu Softwareproblemen stellen neue Regularien, die in den Nachwehen der Finanzkrise konstruiert wurden, viele iranische Instititute vor gröbere Herausforderungen, heißt es aus Bankkreisen. Bis Irans Banken vollständig in das internationale Finanzwesen reintegriert sind, dürfte es also noch dauern.

Die stockende Wiederaufnahme des Zahlungsverkehrs verzögert auch den Zugang für heimische Firmen zu Finanzierungs- und Absicherungsleistungen der Österreichischen Kontrollbank (ÖKB), die für die staatliche Exportförderung zuständig ist. Da noch einige iranische Unternehmen Schulden in Österreich haben, die sie während der Sanktionen nicht begleichen konnten, bietet die ÖKB derzeit nur eingeschränkte Deckungen an. Dem Vernehmen nach ist allerdings eine erste Teilzahlung bereits erfolgt.

Außerdem bewertet die OECD Irans Bonität auf unterster Stufe. Daher verlangt die ÖKB für eine Deckungsübernahme bankmäßige Sicherheiten, die wiederum wegen der Zahlungsschwierigkeiten der iranischen Institute schwer einzuholen sind.

Bis österreichische Unternehmen allerdings an dem Punkt angelangt sind, eine Garantie oder einen Kredit für ein neues Exportprojekt im Iran zu beantragen, dürfte noch viel Wasser den Karun hinunterfließen. Bis dahin werden Kontakte geknüpft, Kunden akquiriert, Verträge vorbereitet. Wenn es so weit ist, sollte der Zahlungsverkehr wieder funktionieren. Hier spielt die Politik und der abgesagte Staatsbesuch doch eine Rolle: Eskaliert die innenpolitische Konfrontation zwischen Reformern und Hardlinern, könnten neue Sanktionen drohen.


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