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Die zwei Gesichter von Monsanto

von Christiane Hanna Henkel / 29.05.2016

Unter den Herstellern von Saatgut geht die weltweite Konsolidierung ihrem Ende entgegen. Unabhängig davon, wie das Endspiel ausgeht, wird Monsanto die Nase dabei vorn haben.

Es gibt Unternehmen, die haben eine gespaltene Identität: Die einen sehen Monsanto als Schandfleck Corporate Americas, die anderen als unternehmerische Erfolgsgeschichte. So hat in den USA kaum ein Unternehmen einen schlechteren Ruf als Monsanto.

Der Konzern aus St. Louis im Bundesstaat Missouri kommt auf dem Reputations-Index The Harris Poll auf den 96. Platz von hundert zu stehen. Und ist damit in der breiten Bevölkerung so unbeliebt, wie es noch immer die Banken sind, die wegen ihrer Rolle in der Finanzkrise gern für die anschließend Amerika überziehende Rezession verantwortlich gemacht werden.

Hochprozentiges Kursrally

Kaum ein Unternehmen unter den weltweiten Herstellern von Saatgut und Pflanzenschutzmitteln aber kann einen solchen wirtschaftlichen Erfolg vorweisen wie Monsanto. Das drückt sich in einer spektakulären Kursrally an der Börse aus. Die Aktien sind seit dem Börsengang im Jahr 2000 um 750 Prozent gestiegen; nur die Schweizer Syngenta kommt mit einem Plus von rund 800 Prozent auf einen ähnlichen Anstieg. Die Konkurrenten Dow Chemical, DuPont, Bayer oder BASF haben lediglich um die 50 Prozent zugelegt und damit etwa so viel wie der Gesamtmarkt (S&P-500-Index).

Monsanto war ursprünglich 1901 als Hersteller des künstlichen Süßstoffes Saccharin gegründet worden. In den siebziger Jahren machte sich das Unternehmen einen zweifelhaften Namen als Hersteller des im Vietnamkrieg eingesetzten Giftes Agent Orange. Nach der Fusion mit dem Pharmakonzern Pharmacia & Upjohn wurden die Pharma-Aktivitäten an Pfizer verkauft und die Agrar-Aktivitäten gebündelt und unter dem Namen Monsanto weitergeführt.

Monsanto ist heute der größte Spieler in der laufenden Konsolidierung der Saatgutbranche. Und es ist wohl das Endspiel. Denn die großen Wettbewerber sind bereits jeweils das Produkt von hunderten Firmenaufkäufen und Zusammenschlüssen der letzten Jahrzehnte. Nach dem beschlossenen Merger von Dow Chemical und DuPont und einer derzeit verhandelten Akquisition von Monsanto durch Bayer dürften die Konzerne eine Größe erreicht haben, die die Wettbewerbsbehörden auf den Plan ruft.

Schandfleck oder Erfolg

Ob Schandfleck Corporate Americas oder unternehmerische Erfolgsgeschichte, beide Sichtweisen auf Monsanto gehen auf den gleichen Faktor zurück, nämlich auf die Gentechnologie. Als einer der ersten Player erkannte der Konzern das Potenzial des ab Mitte der achtziger Jahre eingeschlagenen Kurses in der Gentechnologie des amerikanischen Gesetzgebers.

Monsanto entwickelte in der Folge beachtliche Fähigkeiten, die genetischen Eigenschaften von Saatgut, insbesondere Mais, herauszufinden und Sorten zu züchten, die immer besser gedeihen.

Zudem begann Monsanto, das Erbgut der Pflanzen aktiv zu gestalten: Es wurden Bausteine hinzugefügt, die etwa dafür sorgen, dass die Pflanze sich selbst gegen Ungeziefer schützen kann (Schädlingsresistenz) oder aber immun ist gegen bestimmte Pflanzenschutzmittel (Herbizidtoleranz). Monsantos Saatgut ist bei den Landwirten unter den Marken Dekalb, Asgrow oder De Ruiter bekannt.

Ähnlich wie in der Pharmaindustrie ist der Forschungs- und Entwicklungsaufwand in der Saatgutbranche hoch. Und die generell innovationsfreundliche Haltung in der Gentechnologie der USA bedeutet für Monsanto dabei einen enormen Standortvorteil, den das Unternehmen zu nutzen weiß. Von den seit 1985 vom amerikanischen Landwirtschaftsministerium erteilten 17.000 Genehmigungen für Testfelder, auf denen in der freien Natur getestet wird, was die Züchter und Gentechnologen in den Laboren konstruiert haben, entfallen allein 40 Prozent auf Monsanto, in großem Abstand folgen DuPont (acht Prozent) und Syngenta (drei Prozent).

Aus der amerikanischen Landwirtschaft ist genetisch modifiziertes Saatgut nicht mehr wegzudenken. Beim Anbau von Soja, Mais und Baumwolle greifen die Bauern fast ausschließlich auf Saatgut zurück, deren Gene auf Produktivität hin zusammengesetzt worden sind. Und das Saatgut kommt dabei vor allem im Fall von Mais und Soja fast ausschlißlich aus dem Hause Monsanto.

Die amerikanischen Konsumenten scheren sich mehrheitlich nicht darum, ob in ihren Nahrungsmitteln gentechnisch veränderte Pflanzen enthalten sind. Der Mais etwa wird meist zu Sirup verarbeitet und ist als billiges Süßmittel in den meisten verarbeiteten Lebensmitteln wie Brot, Marmelade, Keksen oder Fertiggerichten enthalten.

Große Erfolge hat Monsanto auch in den anderen Ländern, die genetisch veränderte Pflanzen zulassen. Auf nur fünf Länder entfallen mit einer gesamten Anbaufläche von 162 Millionen ha genetisch veränderten Saatgutes 90 Prozent des weltweit mit solchen Pflanzen bestückten Agrarlands: die USA mit 71 Millionen ha, Brasilien mit 44 Millionen ha, Argentinien mit 25 Millionen ha und Indien und Kanada mit jeweils rund 11 Millionen ha.

Monsantos Wissen hat zu starken Produktivitätsfortschritten in der Landwirtschaft wesentlich beigetragen. Und die Gentechnologie birgt überdies große Versprechen, was eine bessere Ernährung der gesamten Erdbevölkerung angeht.

Konflikte sind quasi eingebaut

Aber Monsanto ist in vielerlei Hinsicht ein konfliktbeladener Konzern. Die grüne Gentechnologie wird von vielen Ländern misstrauisch betrachtet, so von der EU und auch der Schweiz. Unter Beschuss gerät Monsanto in den USA selbst eher wegen seines Geschäftsgebarens.

Monsanto wird vorgeworfen, seine starke Marktstellung mit überzogenen Preisen und entsprechenden Verträgen mit den Landwirten auszunutzen. Auch ist Monsanto nicht zimperlich, wenn es um den rechtlichen Schutz seines patentierten Saatgutes geht. Dem Konzern werden zudem beste Verbindungen in die Politik nachgesagt, die für entsprechende regulatorische Rahmenbedingungen sorgten.