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Geldpolitik der EZB

Draghi spielt erneut den Kurstreiber

von Christof Leisinger / 10.03.2016

Wenn sonst nichts mehr geht, dann bleibt den Zentralbanken nichts mehr anderes übrig, als die Kurse und die Preise zu treiben. Die Europäische Zentralbank hat dieses Motto in den vergangenen Jahren von den amerikanischen und den japanischen Pendants übernommen und reizt es in völliger Abkehr von den bewährten Prinzipien der Bundesbank bis zum Exzess aus.

So hat sie am Donnerstag den Leitzins im Euroraum von zuletzt 0,05 Prozent auf jetzt null Prozent gesenkt und zugleich den Strafzins für Bankeinlagen von 0,3 Prozent auf 0,4 Prozent. Ferner wird das Anleihekaufprogramm von derzeit 60 Milliarden Euro monatlich auf 80 Milliarden Euro ausgeweitet.

Kurzfristig steigende Kurse an den Börsen

Hatten die Märkte schon im Vorfeld auf entsprechende Ankündigungen reagiert und sich darauf eingestellt, so ist es unmittelbar nach der Ankündigung zu weiteren Avancen gekommen. Sie zeigten sich besonders deutlich an den Börsen der europäischen Peripherie, wo der italienische FTSE-MIB-Index im Tagesverlauf um bis zu 4,4 Prozent zulegen konnte, der spanische IBEX stieg um bis zu 3,5 Prozent, während der DAX um bis zu 2,7 Prozent zulegte und der SMI um gerade einmal 1,4 Prozent. Die Zielrichtung der Strategie lässt sich an der Tatsache ablesen, dass die Papiere von Banken dubioser Bonität am stärksten stiegen. Dazu zählen jene der griechischen Alpha Bank, der National Bank of Greece, der Piraeus Bank, der Eurobank, aber auch der italienischen Unicredit, der Intesa Sanpaolo, der Banco Sabadell, der Banco Popular Español und nicht zuletzt der Deutschen Bank.

Deutlich reagierte auch der Euro, indem er unmittelbar nach der Bekanntgabe der EZB-Entscheidung im Verhältnis zum Dollar um bis zu 1,4 Prozent auf 1,0836 Dollar nachgab und indem er kurz unter die Marke von 1,08 Franken fiel – bevor er sich erholte. Dagegen konnten die Währungen Australiens und Neuseelands deutlich zulegen, weil die Marktteilnehmer zumindest kurzfristig von einer weiteren Belebung des allgemeinen Risikoappetits ausgehen.

Märkte in der Peripherie profitieren zunächst

An den Bondmärkten profitierten vor allem die Papiere der europäischen Randstaaten vom Kaufversprechen der EZB. Die Renditen in Griechenland, Portugal, Spanien und dem anscheinend den Problemstaaten zuzuordnenden Frankreich gingen im zweistelligen PIP-Bereich zurück. Allerdings fielen hier die Kursbewegungen verhalten aus, weil die Bondmärkte in den vergangenen Wochen schon einen großen Teil der geldpolitischen Beschlüsse der EZB vorweggenommen hatten.

Insgesamt ist offen, wie die Märkte mittel- und längerfristig auf die Verzweiflungstaten der EZB reagieren werden. Schließlich wird ihre immer extremer werdende geldpolitische Strategie nicht oder nur in ungenügendem Maße von den an sich schon seit Jahren überfälligen Strukturreformen begleitet. Die EZB schiebt weiterhin „disinflationäre Argumente“ vor, um eine unnötig expansive geldpolitische Strategie vertreten zu können. Die Folgen zeigen sich beispielsweise in Form der ausgeprägten Überhitzungserscheinungen der deutschen Wirtschaft. Dort bildet der Immobilienmarkt längst alle Charakteristiken einer Preisblase aus.

Die auf diese Weise künstlich getriebenen Vermögenspreise geben den Banken die Möglichkeit, ihre Bilanzen optisch gut und stabil aussehen zu lassen, obwohl sie es angesichts der zunehmenden Zinsänderungsrisiken in den Kernstaaten und der enormen Kreditausfallprobleme in den Peripheriestaaten nicht sind.

Zweifel an der Nachhaltigkeit der Politik

Fachleute zweifeln an der nachhaltigen Wirkung der von der EZB verfolgten Strategie. Sie verweisen auf die negativen Nebeneffekte und vor allem auch auf den in den vergangenen Wochen wieder gestiegenen Erdölpreis. Sollte sich dessen Effekt mit kurzer Verzögerung in den Preisindikatoren zeigen, könnten die Anleger plötzlich zur Erkenntnis kommen müssen, falsch positioniert zu sein. Eine gewisse Skepsis der Anleger lässt sich daraus ablesen, dass die Börsen schon am Donnerstag die ersten, „euphorischen“ Kursavancen nicht halten konnten und dass der Euro immer dann auf Kaufinteresse stößt, wenn er zu stark zurückfällt.