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Finanzmarkt

Droht die nächste Finanzmarktblase?

von Christof Leisinger / 25.04.2016

Die Anleger sind wieder optimistisch und greifen seit Februar bei risikoreichen Anlagen zu. Sie blenden systemische Risiken einfach aus und setzen auf ein „Weiter so“.

In den vergangenen Wochen hat an den internationalen Finanzmärkten ein erstaunlicher Wandel stattgefunden. Waren die Anleger zu Jahresbeginn angesichts teilweise kräftiger Kursverluste an den Börsen, tiefer Energie- und Rohwarenpreise und schwacher Schwellenländerwährungen pessimistisch, so hat sich dies inzwischen ins Gegenteil verkehrt. Schließlich hat sich das im Januar bzw. im Februar beginnende Erholungsrallye zwar zunächst sehr fragil und spekulativ angefühlt, es ist aber trotz allen Bedenken immer weitergegangen.

Undifferenzierte Avancen

Einzelne Aktienmärkte haben in den vergangenen zweieinhalb Monaten um bis zu 50 Prozent zugelegt, wenn man positive Währungseffekte berücksichtigt – zum Beispiel des brasilianischen Real. In Peru, Namibia, Russland, Griechenland, Kolumbien, Argentinien, Kanada, der Türkei, Südafrika, Hongkong und auch in Deutschland ging es um 20 Prozent bis 40 Prozent nach oben. Die bunte Mischung zeigt, dass der allgemeine Risikoappetit zugenommen hat. Nur so lässt sich erklären, dass Anleger beinahe alles kauften, was kurzfristig Rendite versprach.

Der Kursauftrieb hat sich nicht auf die Aktienmärkte beschränkt, sondern er führte auch zum Revival von Rubel, südafrikanischem Rand, brasilianischem Real, kolumbianischem Peso sowie australischem und kanadischem Dollar. Diese Währungen legten zu, weil die Energie- und Rohstoffpreise zum Teil deutlich stiegen. Eisenerz und Erdöl der Sorte WTI sind inzwischen um 74 Prozent beziehungsweise um 65 Prozent teurer als Mitte Februar, der Preis von Sojamehl ist um 23 Prozent gestiegen und jener von Nickel, Zucker, KupferAluminium und Zink um 10 Prozent bis 20 Prozent.

Die zyklische Erholung gilt zwar aufgrund einer Vielzahl skeptischer Medienberichte als eine der „meistgehassten“ seit langem, aber im Gegensatz zur öffentlichen Meinung hat sich die Stimmung unter aktiven amerikanischen Fondsmanagern verbessert. Der NAAIM-Exposure-Index hat sich zusammen mit den Kursen an den US-Börsen schnell erholt. Das zeigt, dass viele der amerikanischen Fondsmanager an der Kurserholung der Wall Street teilhaben.

Tatsächlich haben dort bekannte Indizes wie der Dow Jones Industrial oder der S&P 500 ihre anfänglichen Kursverluste aufgeholt und liegen bezogen auf den Jahresbeginn nicht nur leicht im Plus, sondern sind nicht mehr weit von den Rekordständen des vergangenen Jahres entfernt. Der S&P-500-Index liegt gerade noch 2,5 Prozent darunter.

Die US-Aktien gelten zwar im Vergleich mit europäischen oder mit Papieren aus den Schwellenländern als überteuert, das schließt jedoch kurzfristig weitere Kursgewinne nicht aus. Schließlich sorgen die Zentralbanken weiterhin mit aller Macht, also mit der Aussicht auf allenfalls zögerliche Zinserhöhungen in den USA, mit einer extrem expansiven Geldpolitik in Europa und mit Überlegungen in Japan, die Negativzinsen zu verstärken, für Auftrieb an den Vermögensgütermärkten. Das Ziel, aus Angst vor deflationären Gefahren die Inflationsraten nach oben zu treiben, scheint längst alle Bedenken über die Nebenwirkung der Strategie beiseitegeschoben zu haben.

Dabei hat die Kerninflationsrate in den USA schon deutlich angezogen, in Europa steigen die Löhne beachtlich – und die Immobilienpreise sind im Verhältnis zu den verfügbaren Einkommen zu hoch. Sollte sich das monetäre Umfeld auch nur leicht nachteilig verändern, gerieten viele Konsumenten, die heute ein Haus oder eine Wohnung kaufen, deren Finanzierung „auf Kante genäht“ ist, in Schwierigkeiten. Das gilt vor allem auch für Deutschland, wo die Preise derzeit förmlich durch die Decke gehen.

Kurzfristig profitiert das Land zwar vom Boom, der durch die unglaublich tiefen Zinsen ausgelöst wird. Schließlich brummt die Bauwirtschaft, die Handwerksbetriebe leisten sich den Luxus, missliebige Aufträge abzulehnen, und die öffentliche Hand kann sich ihre verschwenderische Ausgabepolitik leisten, weil die Einnahmen aufgrund stark steigender Grunderwerbssteuern nur so sprudeln. Langfristig gilt das aber als bedenklich, denn die Entwicklung scheint überhitzt. Niemand möchte das wahrhaben – aber das war kurz vor dem möglichen Platzen einer Blase meist so.

Wie sieht die normale Welt aus?

Die Problematik zeigt sich nicht nur an den europäischen Immobilienmärkten, sondern auch an den Börsen und im Rohstoffhandel. Am Kursverlauf des DAX lassen sich praktisch die Phasen ablesen, in welchen die Europäische Zentralbank (EZB) die geldpolitische Strategie extremer gestaltet hat. Jedes Mal ist es zu deutlichen Kursgewinnen gekommen, weil Anleger mit der Liquidität, die die Anleihekäufe der EZB freisetzten, etwas machen mussten.

So gesehen verwundert es nicht, dass die Investoren die demnächst beginnende neue Welle schon in den vergangenen Tagen teilweise antizipiert haben. An den Rohstoffmärkten machten sich zuletzt die Aktivitäten spekulativer Anleger aus China in Form erratischer Preisbewegungen bemerkbar. Beobachter fürchten, die „Maniacs“, die 2015 die chinesischen Aktienindizes getrieben hätten, seien nun auf die Rohstoffmärkte umgestiegen.

Insgesamt stellt sich die Frage, wie die Notenbanken die Geldpolitik jemals wieder normalisieren können, wenn sie zuvor die Entstehung enormer Exzesse zulassen. Längst weiß niemand mehr, wie die Wirtschaft ohne künstliche Stimulierungsmaßnahmen, die nicht auf Dauer durchzuhalten sind, aussehen würde.