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Dünne Kapitaldecken rächen sich

Meinung / von Claudia Aebersold Szalay / 12.02.2016

Die Banken Europas werden dieser Tage so richtig durchgeschüttelt. Nur eine Stärkung ihrer Kapitalbasis kann sie widerstandsfähiger machen, schreibt NZZ-Korrespondentin Claudia Aebersold Szalay in Frankfurt.

Es brodelt in der Bankenbranche Europas. Die Aktienkurse der europäischen Großbanken stürzen ab und reißen die breiten Marktindizes mit in die Tiefe. Bankenchefs versuchen ihre Mitarbeiter und Investoren zu beruhigen, doch diese sehen rot – es kursiert die Angst vor der nächsten Finanzkrise.

Die Reaktionen an den Finanzmärkten mögen übertrieben sein, doch Europas Banken stehen ohne Zweifel vor schwierigen Zeiten. In den kommenden Jahren müssen sie auf Druck der Regulatoren ihre Kapitalbasis erheblich stärken, und es gibt berechtigte Zweifel daran, dass ihnen dies allein aus eigener Kraft gelingen wird. Viele Geldhäuser sind vor allem mit sich selbst beschäftigt, mit dem Aufräumen von Altlasten oder der Suche nach neuen Geschäftsmodellen statt mit ihren Kunden. Den wenigsten Banken wird es zudem unter den derzeitigen konjunkturellen Bedingungen gelingen, ihre Kapitalbasis über die Einbehaltung von Gewinnen zu stärken. Woher soll das Geld kommen, das es braucht, um in wenigen Jahren die neuen Eigenmittelanforderungen der Regulatoren zu erfüllen, wenn bei den Banken kein Geld mehr verdient wird?

Das Geld muss von außen, sprich vom Markt, kommen. Doch viele Banken sträuben sich dagegen, Kapital aufzunehmen, um ihre Eigenmitteldecke zu stärken. Zu groß ist ihre Angst, damit langjährige Großaktionäre zu verärgern. Eine Kapitalerhöhung verwässert deren Gewinn. Es muss schon ein überzeugendes Projekt dahinterstehen, wie die Expansion in neue Märkte oder die Übernahme von Konkurrenten, damit sie für bestehende Großaktionäre attraktiv ist. Oder zumindest ein überzeugendes Geschäftsmodell, das verspricht, in Zukunft eine stabile Rendite für die Anteilseigner der Bank zu erwirtschaften. Doch genau hier hapert es. Die Banken haben zunehmend Schwierigkeiten, Investoren von einem Engagement in ihren Aktien zu überzeugen.

Kapitalbasis stärken

Viele Geldhäuser in Europa verdienen seit Jahren nicht einmal ihre Kapitalkosten. Die jüngste Finanzkrise und vor allem die verschleppte Aufarbeitung derselben haben das Vertrauen in Europas Bankenbranche zudem untergraben. Wer heute eine Kapitalerhöhung durchführen will, kann oftmals einzig das Argument der zu dünnen Kapitaldecke vorbringen – wenig überzeugend für potenzielle Investoren.

Und dennoch müssen die Banken ihre Kapitalbasis dringend stärken, denn die Zeit, die ihnen die Regulatoren dafür lassen, ist knapp, ein weiteres Hinauszögern keine Option. Was aus eigener Kraft möglich ist, sollte getan werden. Gewinne, wenn sie denn anfallen, müssen einbehalten, statt in Form von Boni und Dividenden ausgeschüttet zu werden. Bilanzen müssen zügig von sämtlichem Ballast befreit und somit gekürzt werden. Und wenn dies nicht ausreicht, darf auch der Gang an den Markt kein Tabu sein. Gerade die Turbulenzen dieser Tage zeigen, wie wertvoll ein ausreichender Kapitalpuffer ist: Externe Schocks in Form von Konjunktursorgen, Tiefstzinsen oder eingetrübter Marktstimmung können abgefedert werden. Zudem ist eine großzügige Kapitalausstattung auch ein probates Mittel, das Vertrauen der Investoren zurückzugewinnen. Banken, die in puncto Kapital schwach auf der Brust sind, werden hingegen beim kleinsten Ungemach so richtig durchgeschüttelt. Eben gerade wie dieser Tage.