Ein Bluff und sein Beitrag zum „Flash Crash“

von Christiane Hanna Henkel / 23.04.2015

Ein britischer Händler soll den Markt für S&P-500-E-Mini-Futures manipuliert und damit zum Flash Crash beigetragen haben. Die Ursachen des Blitz-Absturzes bleiben aber dennoch weiterhin ungeklärt, berichtet NZZ-Korrespondentin Christiane Hanna Henkel aus New York.

Viele Theorien sind in den letzten fünf Jahren aufgestellt worden über die Gründe, die am 6. Mai 2010 zum Flash Crash geführt hatten. An diesem Tag brach der Aktienindex Dow Jones Industrial Average binnen weniger Minuten um 1.000 Zähler ein und erholte sich dann wieder. Kaum jemand aber wäre bisher auf die Idee gekommen, dass ein einzelner Händler bei dem Flash Crash eine Rolle gespielt haben könnte, der von seinem Computer in einem Zimmer des elterlichen Reihenhauses in einem von Immigranten geprägten Stadtteil vor den Toren Londons aus eine Einmannfirma betreibt.

Markt in Schieflage gebracht

Doch gemäß den am Dienstag veröffentlichten Klagen des Justizministeriums und der Derivateaufsicht CFTC ist dem so: Demnach soll der Mann – er wurde gleichentags in London verhaftet und am Mittwoch nach Hinterlegen einer Kaution von fünf Millionen Pfund auf freien Fuß gesetzt – durch seine Aufträge für an der US-Derivatebörse CME gehandelte Futures dazu beigetragen haben, dass am entsprechenden Markt, Index S&P 500 E-Mini, ein Ungleichgewicht entstanden ist, das wiederum das Marktumfeld derart mitgeprägt hat, dass es schließlich den Flash Crash mitverursacht hat.

Es wäre also arg verkürzt, dem Mann – selbst wenn er gemäß den zwei Anklagen schuldig gesprochen werden würde – eine wesentliche Schuld an dem Flash Crash zuzuschreiben. Aber sein Fall ist insofern hochinteressant, als er das Augenmerk auf die mutmaßlich von dem Trader betriebene illegale Praxis des „Spoofing“ lenkt und damit erstmals illegales Handeln als Ursache für den Flash Crash ins Spiel bringt. Konkret werfen die Behörden ihm nämlich vor, dass er im Zeitraum von 2010 bis 2014 regelmäßig bzw. an über 400 Tagen andere Marktteilnehmer hinters Licht geführt habe. Am 6. Mai etwa soll er in den zwei Stunden vor dem Flash Crash eine enorme Anzahl von Aufträgen zum Verkauf von E-Mini-Futures abgegeben haben. Seine Verkaufsorders sollen zwischen 20 und 29 Prozent der gesamten Verkaufsorder ausgemacht haben.

Seine Absicht war es dabei allerdings nicht, tatsächlich Futures zu verkaufen, sondern er wollte den Markt manipulieren: Seine Verkaufsaufträge lagen nämlich immer leicht über dem Marktpreis. Er bediente sich dabei einer Standardsoftware, die für seine Zwecke umprogrammiert worden war. Für die Marktteilnehmer entstand durch das Erscheinen der umfangreichen Verkaufsorder der Eindruck, dass am Markt ein recht großer Verkaufsdruck herrsche. Das ließ die Preise für die Futures immer weiter sinken.

Mit diesem illegalen Bluff hatte der Händler sein Ziel erreicht: Günstig konnte er nun zugreifen. Am 6. Mai allein soll der damals 31-Jährige fast 879.000 $ verdient haben; insgesamt soll ihm das Spoofing 40 Mio. $ eingebracht haben. Spoofing kann übrigens generell auch ohne Softwareassistenz begangen werden und ist nicht per se mit dem Phänomen des Hochfrequenzhandels in Verbindung zu bringen.

Während also die gegen den Briten erhobenen Klagen zum einen das Phänomen des Spoofing stärker beleuchten, sind sie zum anderen eine Ergänzung des bisher von offizieller Stelle gezeichneten Ursachenspektrums des Flash Crashs. Die Börsenaufsicht SEC und die CFTC hatten fünf Monate nach dem für die Wall Street markerschütternden Ereignis einen Untersuchungsbericht veröffentlicht und darin ein unglückliches Zusammenwirken verschiedener Umstände für den Crash verantwortlich gemacht.

So herrschte an den Märkten an dem Tag wegen der sich zuspitzenden Schuldenkrise in Europa eine sehr hohe Volatilität. Zudem hatte eine große – legale – Order zum Verkauf von E-Mini-Futures eines US-Marktteilnehmers für ein Ungleichgewicht am Futures-Markt gesorgt. Dieses – so sieht es nun aus – ist durch das illegale Spoofing des jungen Briten noch verstärkt worden.

Und drittens verwies der Bericht auf die Hochfrequenzhändler, die in der Annahme einer hohen Liquidität – die ja durch die vielen Orders suggeriert worden war – ihre computergestützten Handelsprogramme laufen ließen und so schließlich zum Einsturz der Kurse auch an den amerikanischen Aktienbörsen beitrugen.

Vertrauen braucht Antworten

Trotz der neuen Erkenntnisse, die der jüngste aufgedeckte Fall des britischen Traders bringt, bleibt die wichtigste Frage ungeklärt: War der Flash Crash die Folge einer unglücklichen Verkettung von Umständen, die sich in dieser Form nicht wiederholen wird? Oder war er das Resultat struktureller Schwächen, die etwa durch die Fragmentierung des amerikanischen Aktienmarktes, den Aufstieg der Hochfrequenzhändler oder andere Phänomene (Dark Pools, „front running“) bedingt sind? So lange letztere Frage nicht verneint werden kann, bleibt das Vertrauen vor allem privater Investoren in den US-Markt angeschlagen.