KEYSTONE/Gaetan Bally

Gespräch mit Dalia Marin

Ein Diplom schützt den Job nicht vor Robotern

von Leopold Stefan / 14.08.2016

Durch einen Akademikermangel in den neunziger Jahren hat Österreichs Wirtschaft einige Chancen der IT-Revolution verpasst. Seither hat eine Bildungsoffensive die Zahl der Uniabsolventen deutlich erhöht. Doch die nächste Revolution der Digitalisierung wird viele der heutigen Akademiker nicht gefragter machen, sondern ihre Jobs durch Computer ersetzen, erklärt die Ökonomin Dalia MarinDie geborene Österreicherin Dalia Marin hält den Lehrstuhl für internationale Wirtschaftsbeziehungen an der Ludwig-Maximilians-Universität München. im Gespräch mit NZZ.at.

Das sei ein neuer Schock, der auf uns zukommt, sagt die Professorin für internationale Wirtschaftsbeziehungen an der LMU München. Es sehe ganz danach aus, dass im Gegensatz zur IT-Revolution die Digitalisierung nicht dazu führe, dass mehr Akademiker gebraucht werden, sondern dass Hochschulabsolventen subsituiert würden. Darauf muss sich der Arbeitsmarkt rechtzeitig einstellen.

→ Mehr zum Thema: Schlechte Chancen gegen Roboter

Seit der Jahrtausendwende ist der Anteil der Studenten an der erwerbsfähigen Bevölkerung in ganz Europa gestiegen. Auch Österreich, ein notorischer Nachzügler, hat stark bei der Akademikerquote aufgeholt. Neben besserer Bezahlung haben Uniabsolventen heute auch die niedrigste Arbeitslosenquote. Viele Jugendliche entscheiden sich daher für ein Studium als Versicherung für die Zukunft. Bisherige Erfahrungen mit technischen Innovationen haben nahegelegt, dass diese Rechnung aufgeht.

Arbeit als Randerscheinung

Laut der sogenannten Polarisierungshypothese rationalisieren Roboter und Computer vor allem codierbare Aufgaben und Routinetätigkeiten weg. Wenn man die Qualifikationen der Erwerbsbevölkerung also grob nach Pflichtschulabschluss, Matura und Hochschule einteilt, wären vor allem die Jobs der mittelgut Ausgebildeten von zukünftiger Automatisierung bedroht – die Erwerbsverteilung verlagert sich an die Pole des Arbeitsmarktes, zu den Geringqualifizierten und den Top-Ausgebildeten.

Viele Jobs für Geringqualifizierte sind vergleichsweise sicher wegen des Moravec’schen Paradoxons: Maschinen mit künstlicher Intelligenz sind dem Menschen bei vielen Denkleistungen bald überlegen, aber motorisch sind auch die besten Roboter auf dem Niveau eines einjährigen Babys. Das macht Jobs wie Pfleger oder Putzkräfte viel schwerer zu ersetzen als Buchhalter oder Telemarketer.

Falsche Sicherheit für Akademiker

Dalia Marin zweifelt daran, dass Akademikerjobs vor neuen Technologien relativ sicher sind, wie die Polarisierungshypothese nahelegt. Das hat zwei Gründe:

Einerseits haben sich die Firmen an die große Zahl an Hochschulabsolventen angepasst. In Deutschland werde gerne beklagt, dass der Bachelor nicht von der Wirtschaft angenommen werde, meint Marin. Das stimmt aber nicht. Aufgaben, die früher ein Angestellter mit Abitur übernommen hat, werden heute von Bachelor-Absolventen erledigt. Die von Computern bedrohten Routinearbeiten sind also längst in den Hochschulbereich gewandert.

Der zweite Grund, warum Maschinen verstärkt Akademikerjobs ersetzen werden, ist, dass viele Roboter bereits heute brillant sind.

Intelligente Programme werten Daten aus und generieren daraus Berichte. Software zur Textgenerierung wie Quill schreiben lesbare Artikel per Mustererkennung in wenigen Sekunden, für die ein Journalist mitunter Stunden bräuchte. Derartige Innovationen könnten ganze Batterien an Akademikern ersetzen, deren Hauptaufgabe heute ist, Sachen zusammenzuschreiben – sei es für Medien, die Firma oder das Ministerium.

Die interaktiven Algorithmen von Fintechs – Technologiefirmen im Finanzbereich – ersetzen Bankberater. Programme, die juristische Präzedenzfälle auswerten, sind in den USA bereits weit verbreitet und nehmen Jus-Absolventen die Arbeit ab. Bilderkennungssoftware, gekoppelt mit einer medizinischen Datenbank, erstellt bessere Diagnosen als ein Mensch, erzählt Marin.

Das sind nur einige Beispiele, wie künstliche Intelligenz in Zukunft vermehrt Akademiker ersetzen kann. Bereits heute hat die Automatisierung Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt: Was wir sehen, ist, dass die Skillprämie für Akademiker – jener Faktor um den ein Hochschulabsolvent im Schnitt mehr verdient – in den USA, aber auch in Europa sinkt, sagt Marin. Das liege bereits zum Teil an der Digitalisierung, aber auch an der Hochschulexpansion.

Was kommt auf Österreich zu?

Der Wandel von einer skillbasierten IT-Innovation, die menschliche Arbeit produktiver gemacht hat, zu einer kapitalbasierten Digitalisierung, die menschliche Arbeit ersetzt, hat auch Konsequenzen für die globale Arbeitsteilung.

Der im ersten Teil des Gesprächs beschriebene Vorteil vieler osteuropäischer Länder, mit gut ausgebildeten und billigen Arbeitskräften ausländische Investoren ins Land zu locken, ist zeitlich befristet. Heimische Firmen, die in den neunziger Jahren massiv nach Osteuropa expandiert haben, werden voraussichtlich Produktionsstandorte wieder zurück nach Österreich verlagern. Ein derartiges Reshoring würde natürlich kaum neue Arbeitsplätze bringen.

Lernen lernen

Was soll also ein junger Mensch tun, der am Anfang seines Bildungsweges steht? Schließlich sind weder Facharbeiter noch Maturanten noch Akademiker in Zukunft vor der Automatisierung gefeit.

Die Akademikerquote liegt in Österreich immer noch unter dem OECD-SchnittDie Akademikerquote lag in Österreich mit 30 Prozent drei Prozentpunkte unter dem OECD-Schnitt. Falls sich der eine oder andere Leser wundert, wieso im ersten Teil des Gesprächs von einer Akademikerquote (2007) von 18 Prozent die Rede war: Die OECD hat ihre Definition jüngst erweitert. Jetzt zählen auch Absolventen einer Berufsbildenden Höheren Schule (HAK, HTL etc.) zu den Akademikern, was Österreich im Ranking geholfen hat. Zum Zeitpunkt, als Dalia Marin zum Thema geforscht hat, galt noch die alte Definition. . Welcher Bildungstyp morgen gebraucht wird, sei aber aus heutiger Sicht sehr schwer zu sagen.

Einerseits gibt es im Moment einen Fachkräftemangel, aber sich jetzt auf einen Beruf zu fokussieren, ist langfristig auch riskant. Die Ökonomin plädiert dafür, eine Ausbildung zu wählen, bei der man lernt zu lernen. Denn die Chance, dass ein heutiger Absolvent sein Leben lang im gleichen Beruf bleibt, ist gering.

Um gegen die Roboter im Arbeitsmarkt zu bestehen, sind Problemlösungskompetenzen wichtig. Das ist auch das Zeitalter der Künstler, sagt Martin, denn Computer können menschliche Kreativität nicht so leicht ersetzen. Auch soziale Kompetenzen werden in Zukunft immer gefragter.

Nur eines ist sicher: Ein Diplom ist kein Blankoscheck mehr für eine sichere Karriere. Die Politik darf nicht stur die Zahlen vergleichen und undifferenziert mehr Hochschulabsolventen produzieren. Die brillanten Roboter brauchen gar kein Diplom.


Mehr zum Thema:
→ Teil 1 des Gesprächs: Die unerwarteten Spätfolgen des Mauerfalls für Österreichs Wirtschaft
→ Österreichs schöne neue Arbeitswelt in 4 Grafiken
→ „Die Automatisierung wird die ganze Arbeitswelt erfassen“