Ein Ende mit Schrecken

von Peter A. Fischer / 15.01.2015

NZZ-Wirtschaftschef Peter A. Fischer über die heute verkündete Entkopplung vom Euro.

Die Aufgabe des Mindestkurses des Schweizer Frankens gegenüber dem Euro kommt vom Zeitpunkt her überraschend. Die damit verbundenen Kursbewegungen werden der Schweizer Wirtschaft wohl schmerzhafte reale Schocks versetzen und auch bei der SNB für milliardenschwere Buchverluste sorgen, wenn der Franken vorerst deutlich an Stärke gewinnt und deshalb der Wert der zuletzt mit über 500 Milliarden Franken in den Büchern stehenden Währungsreserven reduziert werden muss.

Doch die Entscheidung der Schweizerischen Nationalbank (SNB), die immer als temporär bezeichnete Maßnahme „Mindestkurs“ aufzugeben, ist konsequent und war wohl unter den gegenwärtigen Bedingungen unvermeidbar. Quasi-fixe Wechselkurs-Systeme sind unter Unsicherheit und in Stresssituationen inhärent anfällig, von Marktteilnehmern getestet zu werden, wobei die Risiken zwischen Anlegern und Zentralbank ungleich verteilt sind. Eine Kursuntergrenze kann als eine temporäre Maßnahme Schocks abdämpfen. Sie hat sich für die Schweiz nun mehrere Jahre lang bewährt.

Doch je länger diese temporäre Maßnahme dauerte, umso mehr stellte sich die Frage, wohin unter zwei Endpunkten die Reise gehen sollte: entweder zu einer festen Anbindung des Schweizer Frankens an den Euro oder zu einer Rückkehr zu einer eigenständigen Geldpolitik mit freiem Wechselkurs. Die SNB hat sich nun richtigerweise – und mandatskonform – für Letzteres entschieden.

Zwischen Washington und Frankfurt

Unter Druck gekommen ist die Mindestkurspolitik der SNB letztens vor allem durch eine fundamentale Änderung im geldpolitischen Umfeld. Während nach der Finanzkrise in beiden großen Währungsblöcken, dem Dollar- und dem Euroraum, das Augenmerk der Notenbanken darauf lag, Krisenpolitik zu betreiben und mit breiten Injektionen von Geld das gelähmte Finanzsystem vor einem Zusammenbruch zu bewahren, zeichnet sich seit einigen Monaten eine deutlich divergierende Entwicklung zwischen Washington und Frankfurt ab. In den USA hat sich die Wirtschaft erholt, was das Fed dazu bewogen hat, zwar langsam, aber doch aus ihrer unkonventionell-expansiven Geldpolitik auszusteigen. Die US-Notenbanker haben ihr QE-Programm zum Ankauf von Staatsanleihen beendet und eine Zinswende angekündigt. Das stärkt den Dollar. Der Euroraum hingegen kämpft unverändert mit strukturellen Schwierigkeiten. Die EZB hat die Märkte darauf vorbereitet, dass sie mit allen – bereits ziemlich verzweifelt wirkenden – Mitteln weiteres billiges Geld in die Märkte pumpen will und den Beginn eines Programms zum Kauf von Staatsanleihen plant. Das schwächt den Euro.

Indem die SNB ihren Mindestkurs verteidigte, hat sie ihre Geldpolitik an diejenige der EZB gebunden und musste sie garantieren, dass sich der Franken gegenüber anderen Währungen wie dem Dollar im Einklang mit dem Euro abschwächte. Dies obwohl die wirtschaftliche Lage in der Schweiz eher mit derjenigen in den USA als mit derjenigen in den Krisenstaaten Europas vergleichbar ist. Der Entschluss, den Mindestkurs aufzugeben, bedeutet deshalb primär, dass die SNB den Franken nicht zu einem Quasi-Euro werden lassen will, sondern wieder zu einer eigenständigen Geldpolitik zurückkehrt.

Mittelfristig Franken wohl weniger attraktiv

Nicht unerwartet hat sich der Franken nun vorerst stark aufgewertet und kurzzeitig sogar die Parität zum Euro durchbrochen. Dies dürfte eine überschießende Reaktion sein. Wechselkurse können bekanntlich länger von ihrem fundamentalen Wert abweichen. Doch mittelfristig wird für die weitere Kursentwicklung des Frankens entscheidend sein, wie attraktiv er noch als Fluchtwährung erscheint. Die Spekulation auf Aufwertungsgewinne ist mit der neuesten Erstarkung wohl bereits unattraktiv geworden. Durch die in wenigen Tagen in Kraft zu setzende Erhebung von relativ starken Negativzinsen auf zufließende Gelder sollte die Schweizer Währung weiter an Attraktivität verlieren. Für eher kurzfristig nach Rendite suchende Anleger müsste da der Dollar die deutlich attraktivere Währung sein. Das alles spricht dafür, dass der Franken mittelfristig vermutlich nicht zu sehr an Stärke gewinnen sollte, aber wohl gegenüber dem Euro etwas an Stärke zulegen wird. Geldpolitisch bedeutet dies, dass sich in der Schweiz Importe verbilligen werden, was das Preisniveau weiter unter Druck setzen wird. Dieser einmalige Schock wird zwar keine eigentliche Deflationsspirale auslösen. Aber Zinserhöhungen dürften nun aus Sicht der Preisstabilität vorerst in noch weitere Ferne gerückt sein.

Weil temporär gerne als dauerhaft missverstanden wird und die SNB aus kurzfristigen Überlegungen heraus auch wohl zu wenig tat, um daran etwas zu ändern, wird die Aufhebung des Mindestkurses Teile der Schweizer Exportwirtschaft unvorbereitet und hart treffen. Das wird das Wirtschaftswachstum bremsen und den Kostendruck im Exportsektor wieder erhöhen. Doch so sehr das im Einzelnen schmerzen mag: Die Nationalbank muss danach streben, Preisstabilität und ein möglichst stabiles Umfeld zu sichern. Aber es kann und darf nicht ihre Aufgabe sein, Exportförderung zu betreiben.