Ein finanzieller Schlag für Russland

von Daniel Wechlin / 28.01.2015

Erstmals seit über zehn Jahren ist Russlands Kreditwürdigkeit wieder auf Ramsch-Niveau gesetzt worden. Das könnte Russlands Wirtschaft 20 bis 30 Milliarden Dollar kosten. Die Regierung bereitet daher für die Banken Finanzspritzen in Milliardenhöhe vor, berichtet NZZ-Korrespondent Daniel Wechlin aus Moskau.

Das Umfeld für Russlands Wirtschaft wird immer garstiger. Die amerikanische Rating-Agentur Standard & Poor’s (S&P) hat am Montagabend die Kreditwürdigkeit russischer Staatsanleihen von BBB– auf BB+ und damit auf das sogenannte Ramsch-NiveauAnlagen mit einem Rating von BBB oder besser gelten als „investment grade“, also investierbar für Anleger, die Sicherheit suchen. Anlagen mit einem schwächeren Rating gelten als spekulativ. gesenkt.

Die Agentur begründete den Schritt mit den sich zunehmend verschlechternden Wirtschaftsaussichten und den dadurch „limitierten Möglichkeiten“ der russischen Zentralbank zu einer flexiblen Geldpolitik. Mit S&P hat damit die erste der drei großen internationalen Rating-Agenturen erstmals seit 2004 Russland wieder das Etikett „Junk“ verliehen. Fitch und Moodys haben ihre Bewertungen jüngst auch herabgestuft, sie verleihen der Bonität des Schwellenlands aber noch die Note BBB– beziehungsweise Baa3.

Zweckoptimismus

Der Entscheid von S&P kam angesichts einer sich immer deutlicher abzeichnenden Rezession, des fallenden Erdölpreises sowie der Sanktionen gegen Russland wegen des anhaltenden Konflikts in der Ostukraine nicht völlig überraschend. Der Internationale Währungsfonds erwartet in Russland für die nächsten zwei Jahre ein negatives Wirtschaftswachstum. Für 2015 rechnet er mit einer Rezession von drei Prozent, 2016 mit einem Prozent. Die Inflation hat im Dezember 11,4 Prozent zum Vorjahresmonat erreicht. Eine Kehrtwende ist nicht in Sicht.

Für die Stützung von Finanzinstituten könnten laut Analysten in diesem Jahr Summen von bis zu 40 Mrd. Dollar erforderlich sein. Durch die Sanktionen ist für diverse russische Banken und Firmen der Zugang zum europäischen und amerikanischen Geldmarkt eingeschränkt worden, weshalb sie nach alternativen Finanzierungsquellen suchen müssen. An den Devisenmärkten gab der ohnehin stark unter Druck stehende Rubel gegenüber dem Dollar und Euro nach der S&P-Mitteilung vorübergehend um bis zu sechs Prozent nach. Am Dienstag konnte die Währung die tags zuvor erlittenen Verluste teilweise wieder wettmachen.

Die russische Regierung bemüht sich um Zweckoptimismus. Laut Finanzminister Siluanow wird der Entscheid „kaum“ zu negativen Effekten an den Kapitalmärkten führen, da die Herabstufung allseits erwartet worden sei. Die Einschätzung von S&P sei „übertrieben pessimistisch“ und verkenne einige „starke“ Daten der russischen Wirtschaft. Damit meinte Siluanow in erster Linie die Staatsreserven und die im internationalen Vergleich niedrige Staatsverschuldung. Die Rücklagen sind seit Ende 2013 zwar um mehr als 120 Mrd. Dollar zurückgegangen. Sie betragen derzeit rund 379 Mrd. Dollar, decken damit allerdings noch immer mehr als 220% der Verbindlichkeiten im Ausland. Insgesamt ist der russische Staat nur mit zwölf Prozent des Bruttoinlandsproduktes verschuldet.

Anti-Krisen-Plan

Mit dem Prädikat „Ramsch“ wird sich die Unsicherheit gegenüber der russischen Wirtschaft weiter akzentuieren. Gleichzeitig steigt damit das Risiko, dass russische Staatsanleihen bei Investoren automatisch aus dem Portfolio genommen werden. Dies würde den Kapitalabfluss aus Russland weiter verschärfen. Laut der Zentralbank haben 2014 Unternehmen, Banken und Privatpersonen insgesamt 150 Mrd. Dollar abgezogen; 2013 war es noch weniger als die Hälfte. Wirtschaftsminister Uljukajew bezifferte im Dezember die unmittelbaren Kosten durch eine damals bereits erwartete Herabstufung des Ratings auf 20 und 30 Mrd. Dollar. Diese Kalkulation könnte bald Makulatur sein, wenn weitere Agenturen dem Beispiel von S&P folgen.

Die Regierung hieß unterdessen laut Siluanow einen Anti-Krisen-Plan gut. Details waren noch unklar. Ziel ist, 2017 wieder ein ausgewogenes Budget zu haben, bei einem angenommenen Erdölpreis von 70 Dollar je BarrelDieser liegt aktuell bei 49 Dollar je Barrel (Stand: 28.1.2015). Siluanow erwartet für 2015 ein Defizit von zwei bis drei Prozent. Vergangene Woche sagte der stellvertretende Regierungschef Schuwalow, dass der Anti-Krisen-Plan mit 21 Mrd. Dollar ausgestattet werden sollte.