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Terminbörse

Ein Fischmarkt ohne Fisch: Lachs an der Börse

von Rudolf Hermann / 15.03.2016

Die Lachszucht ist zu einer der wichtigsten norwegischen Exportindustrien geworden. Die Branche ist aber Schwankungen unterworfen. Die Lachs-Terminbörse in Bergen bietet hier Absicherungsmöglichkeiten.

Norwegischer Lachs ist derzeit in vieler Munde. Der Fisch, der sich ausgezeichnet züchten lässt und heute vorwiegend aus Aquakultur stammt, ist populärer als je zuvor. Mit einer Produktion von Atlantischem Lachs von rund einer Milliarde Tonnen jährlich besetzt Norwegen als weltweit führendes Land rund 50 Prozent des Marktes, vor Chile (500.000 t), Großbritannien und Nordamerika (je rund 150.000 t) sowie einigen weiteren Produktionsgebieten. Mit seiner langen Küstenlinie entlang vieler tief eingeschnittener Fjorde und der richtigen Klimazone hat der nordische Staat ausgezeichnete Bedingungen zur küstennahen Lachszucht.

Attraktiver Spotmarkt

Von Meer ist im nüchternen Bürogebäude am Fantoft-Weg in einem Außenquartier der westnorwegischen Stadt Bergen allerdings wenig zu sehen. „Das ist auch gut so“, lacht Vibeke Juriks vom Unternehmen Fishpool. „Es ist nicht schlecht, von der Szene etwas Abstand zu haben.“ Fishpool ist der Name der norwegischen Lachs-Terminbörse, einer Tochter der Börse Oslo. Seit 2006 werden hier Produzenten, Verarbeiter, Exporteure und Finanzinvestoren zusammengebracht. Nach Fisch riecht es – anders als auf dem legendären Fischmarkt am Bergener Hafen – indes nicht, denn gearbeitet wird nur mit Kontrakten.

Die bescheidenen Räumlichkeiten am Stadtrand, in denen Fishpool untergebracht ist, scheinen etwas in Kontrast zu stehen zur boomenden norwegischen Lachs-Branche, die in den letzten Jahren zu einer der bedeutendsten Exportindustrien des Landes aufgestiegen ist. Zwar hat sich das Volumen gehandelter Kontrakte bei Fishpool seit dem zaghaften Beginn vor zehn Jahren inzwischen bei rund 100.000 t jährlich eingependelt. Doch werden damit laut Vibeke Juriks über Fishpool gegenwärtig nur rund 6 bis 7 Prozent des gesamten Handelsvolumens abgewickelt.


Credits: Nasdaq, Fishpool

Einen wesentlichen Grund dafür sieht sie in der jüngsten Preisentwicklung, die zurzeit nur nach oben zeigt und für die Produzenten die Spekulation auf einen guten Preis am Spotmarkt und Direktverhandlungen mit einem Abnehmer attraktiver macht als die Absicherung über einen Terminkontrakt.


Credits: Nasdaq, Fishpool

Das Problem der Volatilität

Mittelfristig dürften Hedging-Bedürfnisse allerdings zunehmen. Denn die gegenwärtige Euphorie täuscht darüber hinweg, dass die Branche anfällig ist für Volatilität. Probleme können auf Produzentenseite entstehen, etwa durch den zeitlich fixen Wachstumszyklus, der sich nicht nach Marktentwicklungen richtet, oder durch Seuchen. Zwischen 2009 und 2011 zum Beispiel kämpfte Chile mit einer bakteriellen Plage, die die Produktion markant einbrechen ließ.

Ein anderer Unsicherheitsfaktor sind politische Einflüsse auf Handelsbeziehungen. Zur gleichen Zeit, als in Chile die Erholung einsetzte und die rasche Rückkehr des Großproduzenten auf den Weltmarkt die Preise drückte, bekam Norwegen darüber hinaus Probleme mit dem chinesischen Markt, weil der Friedensnobelpreis an einen chinesischen Dissidenten vergeben worden war. Der kombinierte Effekt hinterließ im norwegischen Exportmarkt deutliche Bremsspuren, die auch in den Statistiken von Fishpool sichtbar sind.

Ferner ging mit russischen Sanktionen gegen europäische Lebensmittelimporte im Umfeld der Ukraine-Krise 2014 ein Markt verloren, der zuvor zu den drei wichtigsten Ausfuhrdestinationen Norwegens für Salmoniden (neben Lachs auch Forellen) gehört hatte. Als die Sperre bekannt wurde, schloss Fishpool vorübergehend seinen Markt, um sich mit allen Vertragspartnern zu beraten, wie weiter verfahren werden solle.

Vorläufig nur Lachs

Diese Probleme hat man inzwischen weit hinter sich gelassen. Das von Russland zurückgelassene Vakuum wurde rasch von der steigenden Nachfrage aus Westeuropa aufgefüllt. Der Sinkflug der norwegischen Krone, im Tandem mit dem Erdölpreis, machte norwegischen Lachs trotz steigenden Kilopreisen konkurrenzfähiger. Der EU-Markt ist auf Importe angewiesen, denn er produzierte 2014 selber nur 167.000 t Lachs, fragte aber insgesamt 891.000 t nach.

Hilfe bei Währungsunsicherheit

Schwer abschätzbare Bewegungen im Währungsbereich können für Vertragsparteien ein Anreiz sein, Geschäfte über Fishpool abzuwickeln statt direkt. „Finanzinvestoren setzen oft auf eine andere Entwicklung der norwegischen Krone als Produzenten auf der einen und Käufer auf der anderen Seite“, sagt Vibeke Juriks. Zurzeit sind bei Fishpool rund 200 Marktteilnehmer registriert. Ob die Fischbörse über den Zuchtlachs hinaus in andere Fischerei-Bereiche ausgreifen will, ist noch offen. Dazu gälte es, Spezialwissen zu akkumulieren für Märkte, die etwa im Fall des Wildfangs zum Teil anderen Gesetzen gehorchten als die Aquakultur, meint Juriks.