REUTERS/Shamil Zhumatov

Walkthrough

Ein Jahr der kleinen Krisen und eine Mauer um den Sozialstaat

von Lukas Sustala / 29.12.2015

Ein Jahresrückblick in Podcast-Form, voller Notenbanker, kleiner Krisen und großer Erkenntnisse. Der Ölpreis setzt Währungen im Osten wieder unter Druck. Und eine Wiederauferstehung als Weihnachtswunsch. Ein Walkthrough im Phänomen Geld.

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Jahresrückblick im Podcast. Das Jahr lässt sich wohl recht flapsig zusammenfassen in der Finanzwelt: „Guat is gangen, nix is g’schehn.“ (NZZ.at) Trotz der Warnungen vor einem Crash in China und der ersten Zinserhöhung in den USA beenden die Aktienmärkte global im Schnitt das Jahr ungefähr dort, wo sie es begonnen haben.

Man könnte es natürlich auch pessimistischer sehen:

In jedem Fall war 2015 ein weiteres Jahr, in dem die Investoren an den Lippen der Zentralbanken gehangen haben, der Ölmarkt zu massiven Verwerfungen geführt hat und eine Griechenlandkrise zumindest für einige Monate Europa fest im Griff hatte. In Österreich verkündeten Banken (UniCredit, Raiffeisen) Sparpakete, und die Hypo-Alpe-Adria-Nachfolgerin Heta schockerte mit einem Acht-Milliarden-Euro großen Kapitalloch. Und so war die Geräuschkulisse in Österreich ein bisschen düsterer als in der Weltwirtschaft.

Ölrutsch und die Folge. Der Ölpreis sorgt für arge Turbulenzen zum Jahresende. Die Währungen in Russland und seinen Nachbarstaaten sind auf neue Tiefststände gefallen (NZZ.at). Das gilt zumindest für die Wechselkurse gegen den US-Dollar. Die frischen Währungsturbulenzen werden auch von den heimischen Banken, die in Russland vertreten sind, vor allem die Raiffeisen Bank International, mit Argusaugen beobachtet. Noch dazu, wenn man Berichte darüber liest, dass die notwendige Rettung der staatsnahen Vnesheconombank 18 Milliarden Dollar kosten könnte (Bloomberg).

OMV-Streit, redux. In Österreich ist die Diskussion um den Asset-Tausch zwischen der OMV und dem russischen Energiekonzern Gazprom in die nächste Runde gegangen. Die SPÖ sieht in Person ihres Industriesprechers Rainer Wimmer die Versorungssicherheit in Österreich gefährdet und fordert: „Systemrelevante Infrastruktur darf nicht ins Ausland verkauft werden.“ Die OMV verhandelt mit Gazprom wie berichtet über einen Beteiligungstausch, um sich an einem russischen Gasfeld zu beteiligen. Die politische Kritik an der gefährdeten Versorgungssicherheit hat ein OMV-Sprecher als fahrlässig zurückgewiesen. Klar ist: Angesichts des niedrigen Ölpreises versucht sich die OMV neu aufzustellen und ist dabei nicht alleine: Unternehmen der Ölbranche jedenfalls stellen sich für 2016 auf eine Verschärfung des Sparkurses ein (FT, Paywall).

Mindestlohn, maximale Herausforderung. NZZ-Korrespondent Christoph Eisenring hat nach einem Jahr Mindestlohn in Deutschland eine nüchterne Zwischenbilanz verfasst (NZZ.at). Dabei zeigt sich, dass gerade in Ostdeutschland negative Nebenwirkungen des Mindestlohns zu sehen sind. Die großkoalitionäre Euphorie in Deutschland, weiter in den Arbeitsmarkt einzugreifen, rechtfertigt sich jedenfalls nach einem Jahr Erfahrung noch nicht.

„Ökonomische Wiederauferstehung Österreichs“. Das Zitat des Tages hat der Wirtschaftskammerpräsident Christoph Leitl ausgerufen. Es hofft zu den Weihnachtsfeiertagen auf die „ökonomische Wiederauferstehung Österreichs“ im Jahr 2016. Wobei man sich passend zu Weihnachten eher auf die Neugeburt eines österreichischen Wirtschaftswunders, erst zu Ostern über die Auferstehung freuen sollte. Wobei die Forderungen des Wirtschaftskammerpräsidenten (Bürokratieabbau, besserer Zugang zu Finanzierung und Wirtschaftsimpulse) ganzjährig Konjunktur haben.

Volkswirtschaftliches Flüchtlingsdrama. Um das Thema der Zuwanderung ist in Deutschland jüngst ein neuer Ökonomenstreit entbrannt (NZZ.at). Es geht auch um schlampige Methoden und fragwürdige Schlussfolgerungen. Angesichts der politischen Brisanz des Themas müssen sich Volkswirte aber generell die Frage gefallen lassen, wieso sie prognostizieren, bevor sie harte Daten über das Problemfeld erheben, etwa die Bildung der Zuwanderer und ihre realistischen Arbeitsmarktchancen.

Inspirationen – Food for Thought

Die zehn meistgelesenen Beiträge auf dem Ökonomenblog Marginal Revolution (MR).

Flüchtlinge und Wirtschaftswachstum: „Wir schaffen was?“ (FAZit)

Die Mainstream-Sicht auf China hat sich drastisch verfinstert, wie der Titel „Im Reich der Krise“ zeigt (Zeit).

Blythe Masters ist verzweifelt auf der Suche nach Investoren in ihr Fintech-Start-up (NYTimes).

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