Ein Japaner lacht über Europas Geldpolitik

von Lukas Sustala / 24.11.2014

Der Blick hätte auf Osteuropa gerichtet sein sollen. Am Montag trafen sich österreichische und europäische Notenbanker auf Einladung der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB), um darüber zu diskutieren, wie die Länder Zentral-, Ost- und Südosteuropas die wirtschaftlichen Herausforderungen meistern können.

Doch die künftige Geldpolitik der Europäischen Zentralbank in Frankfurt stand immer wieder im Mittelpunkt am ersten von zwei Konferenztagen, nicht nur auf den Gängen des Konferenzhotels Marriott, sondern auch in den Reden der einzelnen Vortragenden. Die OeNB hat wie bei solchen internationalen Treffen üblich eine Reihe von Koryphäen der Geldpolitik eingeladen, etwa den ehemaligen schwedischen Notenbanker Lars E. O. Svensson und den Ökonomen Richard Koo.

Richard Koo, der kürzlich ein neues Buch geschrieben hat, sorgte dabei mit einem launigen Vortrag am ehesten für Unterhaltung. Der gebürtige taiwanesische Ökonom ist dabei ein „japanischer“ Volkswirt. Koo ist einer der wichtigsten Kenner der japanischen Volkswirtschaft und der Chefvolkswirt des Nomura Research Institute in Tokio. Seit Jahrzehnten hat er die Folgen einer geplatzten Immobilien- und Aktienmarktblase aus der ersten Reihe verfolgt. Kaum ein Ökonom weltweit hat die Debatte über die Lehren aus Japans Finanz- und Wirtschaftskrise so geprägt wie Koo. Er mokierte sich am Montag dabei vor allem über die Sorge, die so mancher europäischer Geldpolitiker vor einer Infizierung der europäischen Wirtschaft mit der „japanischen Krankheit“Die „Japanese disease“ beschreibt eine Situation, in der eine Volkswirtschaft unter hoher Schuldenlast kaum mehr wächst und die Inflation zudem sehr niedrig ist. hat.

„Going Japanese“ ist in der Geldpolitik zu einem geflügelten Wort geworden. Auch OeNB-Gouverneur Ewald Nowotny warnt in Reden immer wieder vor dem japanischen Szenario, etwa jüngst. Die Deflation, also ein Fallen des Preisniveaus, niedriges Wachstum für zwei Jahrzehnte, das alles könnte Europa drohen, wenn es nicht von den japanischen Fehlern lerne. Das Land habe schlicht zu lange nichts getan, als 1990 eine massive Finanzmarktblase platzte und die japanische Bankenwelt in eine Krise stürzte, so der monetäre Mainstream.

„Ich bin etwas überrascht“, sagte Koo am Montag in die Runde der Notenbanker und Finanzvertreter. „Die japanische Wirtschaftsleistung ist niemals unter das Niveau gefallen, als die Krise angefangen hat und die Arbeitslosenquote ist nur in einem einzigen Monat über die Marke von 5,5 Prozent gestiegen.“ Zum Vergleich: In der Eurozone liegt die Arbeitslosenquote bei knapp elf Prozent, die Wirtschaftsleistung ist deutlich zurückgegangen.

Japan als Horrorszenario?
Japan als Horrorszenario?
Japan als Horrorszenario?
Japan als Horrorszenario?
Japan als Horrorszenario?

Selbst Anleihenankäufe im großen Stil, auch quantitative Lockerung oder QE genannt, wie sie aktuell an den Finanzmärkten von der Europäischen Zentralbank regelrecht herbeigesehnt werden, werden daran nichts ändern, ist Koo überzeugt, der die Ursachen für die besondere Schärfe der Krise in Europa an der Fehlkonstruktion der Währungsunion sieht: „Die Märkte sind begeistert von QE, nicht die Realwirtschaft.“ Denn der Ankauf von Staatsanleihen ändere laut Koo nichts an dem tief sitzenden Trauma nach der jüngsten Finanzkrise, die dazu führe, dass verschuldete Unternehmen und Haushalte „niemals wieder ihre Banker sehen wollen“, um neue Schulden aufzunehmen. Geht es nach dem asiatischen Volkswirt, werden auch Europas Bürger wie die japanischen vor 15 Jahren nicht investieren, wenn die Zentralbank das Geld noch billiger macht.