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Blockchain

Ein neues Finanzsystem

Meinung / von Axel P. Lehmann / 09.09.2016

Es ist entscheidend, dass die Branche den „Krieg der Standards“ bei der Übernahme neuer Technologien vermeidet. Eine Zusammenarbeit existiert schon,  schreibt Axel P. LehmannAxel P. Lehmann ist Group Chief Operating Officer bei der UBS Group AG

Stellen wir uns ein Finanzsystem vor, das wesentlich effizienter ist als das heutige: eines, das für Betreiber und Benutzer kostengünstiger und erst noch robuster und sicherer ist. Eines, das dem Einzelnen mehr Kontrolle über seine Finanztransaktionen bietet und dem Datenschutz besser gerecht wird. Eines, das Unternehmen hilft, finanzielle Prozesse drastisch zu vereinfachen und Kosten zu sparen, während die Aufsichtsbehörden ein wesentlich besseres Instrumentarium erhalten, um das System als Ganzes zu überwachen.

Mit der Blockchain ist eine neue, revolutionäre Technologie entstanden, die die Möglichkeit eröffnet, das Finanzsystem neu zu konzipieren. Natürlich lässt sich noch nicht genau abschätzen, wie viel wir vom vermeintlichen Potenzial der Blockchain auch tatsächlich nutzen können. Viele Branchenkenner und Technologie-Experten gehen jedoch davon aus, dass diese Technologie letztlich zu tiefgreifenden Veränderungen führen kann.

Automatisierte Verträge

Mit der Blockchain können Personen oder Firmen ihre finanziellen (und anderen) Transaktionen direkt untereinander abwickeln, ohne Umweg über einen Intermediär ihres Vertrauens. Hierzu erhalten die Nutzer ein digitales Tool, mit dem sie verlässliche und manipulationssichere Informationslisten austauschen können. Das mag unspektakulär klingen. Fakt ist jedoch, dass diese „Distributed Ledgers“ – also dezentral geführte Blockchain-Listen – einige bemerkenswerte Qualitäten aufweisen. Dadurch könnte in Zukunft vieles Realität werden, was bis anhin undenkbar war.

Die Blockchain ermöglicht es, Transaktionen sofort und unabänderlich durchzuführen. Dadurch könnte das Echtzeit-Clearing – ein langgehegter Wunsch der Branche – in Erfüllung gehen. Und wenn sich Blockchains auch noch mit vollwertigen Programmierfunktionen ausstatten lassen, scheinen sogar sogenannte „Smart Contracts“ möglich, also finanzielle Vereinbarungen, die autonom online existieren und sich selbst in Kraft setzen können, sobald bestimmte, im Voraus festgelegte Bedingungen erfüllt sind.

Gemeinsame Standards

Banken und Unternehmen könnten auf diese Weise viele komplexe Transaktionen automatisieren und damit massive Effizienzgewinne erzielen. Eine weitere Möglichkeit wären „Smart Wallets“, die Einzelpersonen den direkten Anschluss an das Finanzsystem ermöglichten. So liessen sich Finanztransaktionen in Eigenregie durchführen – ganz zu schweigen von der automatischen Verwaltung des eigenen Vermögens. All das ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf die möglichen und denkbaren Applikationen und Anwendungen.

Wie jede aufkommende Technologie ist auch diese mit Herausforderungen verbunden. Manche davon sind technischer Art: Handlungsbedarf bei der heutigen Blockchain-Technologie besteht in Bezug auf Geschwindigkeit, Skalierbarkeit und Sicherheit. Andere sind juristischer Natur: Eigenständige intelligente Verträge verlangen nach einer neuen Form des Vertragsrechts. Auch systemische Fragen stellen sich: Wenn wir direkte Finanztransaktionen via Blockchain wollen, müssen wir eine Möglichkeit finden, „echtes Geld“ in den Kreislauf zu bringen. Zudem sind einige äusserst heikle Fragen in Bezug auf die digitale Identität und den Datenschutz noch immer ungeklärt.

Blockchain kann deshalb ihr volles Potenzial nur dann entfalten, wenn alle über eine gemeinsame Plattform zusammenarbeiten. Es ist entscheidend, dass die Branche einen „Krieg der Standards“ und damit auch jene Fragmentierung vermeidet, die in der Vergangenheit mit der Übernahme neuer Technologien einherging. Die gute Nachricht ist, dass eine solche Zusammenarbeit bereits existiert. Beispiele sind das R3-Konsortium in der Finanzindustrie, dem beispielsweise auch UBS angehört, oder das Hyperledger Project der Linux Foundation. Derzeit ist noch ungewiss, wann die offenen Fragen rund um die Blockchain-Technologie beantwortet sein werden. Doch wenn es der Branche gelingt, einen gemeinsamen Nenner zu finden, könnten die transformatorischen Neuerungen und Marktveränderungen schon sehr bald erfolgen. Und vieles von dem, was heute erst in unseren Köpfen existiert, könnte morgen bereits Realität sein.