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Ein neues Kapitel für Apple

von Christiane Hanna Henkel / 27.01.2016

Der kalifornische Technologiekonzern erwartet erstmals einen Rückgang beim so wichtigen iPhone-Umsatz. Ob es sich um eine Konjunkturdelle oder eine strukturelle Veränderung handelt, ist unklar.

Der Erfolg des im Jahr 2007 von Apple lancierten Smartphones war schon immer unglaublich. Jahr für Jahr erreichte Apple mit dem iPhone neue Umsatzrekorde. Es gibt wohl kaum ein Produkt, das allein – wie das iPhone im ersten Quartal des Geschäftsjahres 2016 – einen Umsatz von 51,64 Milliarden Dollar erwirtschaftet. Wenn Apple heute der gemessen am Börsenwert weltweit wertvollste Konzern ist und jeweils Quartalsgewinne in einer Höhe ausweist, die noch nie ein börsennotiertes Unternehmen hat präsentieren können, dann steht dahinter der phänomenale Erfolg eines einzigen Produktes.

Den Zenit überschritten

Doch dieses könnte nun den Zenit überschritten haben. Im ersten Quartal stagnierte das Geschäft mit dem iPhone: So wurden laut den am Dienstag nach New Yorker Börsenschluss veröffentlichten Quartalszahlen in der Dreimonatsperiode mit 74,7 Mio. Geräten gerade mal so viele verkauft wie in der Vorjahresperiode. Der damit generierte Umsatz von 51,64 Milliarden Dollar lag lediglich ein Prozent über dem Vorjahr. Gesamthaft konnte der Konzern aus Cupertino in Kalifornien den Umsatz und den Gewinn um jeweils um zwei Prozent auf 75,87 bzw. 18,36 Milliarden Dollar steigern.

Konzernchef Tim Cook bezeichnete die mageren Quartalszahlen am Dienstag vor dem Hintergrund eines herausfordernden globalen Wirtschaftsumfeldes als beeindruckend. „Wir sehen überall extreme Bedingungen so wie wir es noch nie erlebt haben“, erklärte Cook und spielte damit an auf die enorm starken Schwankungen diverser Währungen, den Preiszerfall von Erdöl und anderen Rohwaren sowie auf die Konjunkturschwäche etwa in Brasilien, Russland oder Japan. Allein die Währungsschwankungen haben Apple im ersten Quartal 15 Prozent des Umsatzes gekostet. Ohne sie hätte der Umsatz anstatt um zwei um acht Prozent zugelegt; Apple erwirtschaftet zwei Drittel seines Umsatzes außerhalb der USA.

Umsatzrückgang erwartet

Cook bestätigte am Dienstag überdies, was die Apple-Aktionäre und Beobachter in den letzten Monaten befürchtet hatten und was den Aktienkurs seit Mai um fast einen Drittel hat einbrechen lassen: Im laufenden zweiten Quartal wird der Konzernumsatz erstmals seit über einer Dekade schrumpfen. Apple erwartet für die Dreimonatsperiode einen Umsatz von zwischen 50 und 53 Milliarden Dollar, was im Vergleich mit dem zweiten Quartal des vorherigen Geschäftsjahres einen Rückgang von neun und 14 Prozent ergäbe.

Hinter der Prognose steht Apples Annahme, dass sich die Weltkonjunktur leicht eintrüben wird und Währungsschwankungen auf den Zahlen lasten werden. Während sich Cook bezüglich China bisher immer sehr positiv gezeigt hatte, äußerte er sich am Dienstag vorsichtig: Obwohl Apple im ersten Quartal dort Rekordergebnisse erwirtschaftet habe, sehe man besonders in Hongkong ein nachlassendes Wachstum.

Das schwache erste und das wohl noch schwächere zweite Quartal werfen die Frage auf, ob es sich lediglich um eine konjunkturell bedingte Wachstumsdelle oder aber um einen strukturellen Wandel handelt. Kann der iPhone-Umsatz nochmals durch ein neues Model revitalisiert und die sehr hohen Gewinnmargen erhalten werden oder hat das iPhone seinen Zenit überschritten? Einiges deutete am Dienstag darauf hin, dass sich Apple auf neue Zeiten einstellt und der Hersteller von Geräten beginnt, ein neues Kapitel als Dienstleister und Service-Anbieter aufzuschlagen.

Ein neues Zahlenwerk

So gab Apple am Dienstag erstmals die Anzahl der weltweit aktiv genutzten Apple-Geräte (Smartphones, Tablet-Computer, Macs, Smartwatches etc.) bekannt: Demnach sind 1 Milliarde Geräte in Gebrauch. Und für diese riesige Apple-Gemeinde hat der Konzern längst ein Universum an Inhalten, Apps und Dienstleistungen geschaffen. Rund 6,06 Milliarden Dollar hat Apple mit dem Bereich Services im ersten Quartal bereits umgesetzt, 26 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Damit reicht der Service-Umsatz fast an jenen der Macs (6,75 Milliarden Dollar) und jenen der iPads (7,08 Milliarden Dollar) heran.

Es ist kein Geheimnis, dass Hardware-Produzenten an der Börse jeweils weit niedriger (gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis) bewertet werden als Software- und Dienstleistungs-Anbieter. Im Silicon Valley werden denn auch nur selten Produkte erdacht, sondern es sind meist Dienstleistungen wie sie Facebook (soziales Netzwerk), Alphabet bzw. Google (Suchmaschine), Uber (Fahrdienstvermittler) oder Salesforce (Software als Dienstleistung) anbieten, die aus dem Technologietal den Siegeszug in die Welt antreten.

Hasen aus dem Hut zaubern

Der Verkauf dieser Dienstleistungen ist ab einem gewissen Punkt hochprofitabel, da jede zusätzliche Einheit mit sehr geringen zusätzlichen Kosten produziert werden kann, anders als etwa bei Smartphones, deren Produktionskosten auch bei großer Menge nicht gegen Null tendieren. Das erklärt denn auch, warum etwa Google mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 21 bewertet wird und das ja noch immer außergewöhnlich erfolgreiche Unternehmen Apple mit einem von nur 10.

Noch ist es zu früh, um abzuschätzen, ob Apple den Weg Richtung Dienstleistungen vollends einschlagen wird oder ob Tim Cook doch noch mit einer neuen iPhone-Version oder gar mit einem neuen Gerät abermals einen Hasen aus dem Hut wird zaubern können.

Die Apple-Aktien gaben im nachbörslichen Handel um rund drei Prozent auf einen Stand von 97 Dollar nach.