EPA/MARK CHINA OUT

Träge Produktivität

Ein ökonomisches Paradoxon

von Thomas Fuster / 03.06.2016

Die Sache ist paradox: Einerseits ist die Arbeitswelt immer mehr durch modernste Technologien geprägt. Anderseits kommt die Arbeitsproduktivität kaum vom Fleck. Warum ist dies so?

Die Arbeitswelt wird immer ausgeklügelter, immer technologisierter. Computer und moderne Telekommunikationsgeräte prägen seit vielen Jahren die meisten Berufe und ermöglichen es, auch fernab des eigenen Arbeitsplatzes an Projekten weiterzuarbeiten oder Fertigungen zu steuern. Die Digitalisierung lässt dabei kaum einen Sektor unberührt, und Roboter oder sprechende Navigationsgeräte sind längst nicht mehr nur Staffage von überdrehten Science-Fiction-Filmen. Diese Technologisierung, so würde der Laie vermuten, müsste eigentlich ein enormer Antrieb für die Produktivität von Volkswirtschaften sein. Glaubt man den Statistiken, ist jedoch eher das Gegenteil der Fall. So geht die Modernisierung der Arbeitswelt keineswegs mit einem markanten Effizienzsprung einher.

Ein globales Phänomen

Vielmehr sinkt das Wachstum der Produktivität in fast allen Staaten der OECD – und dies seit geraumer Zeit. Wie auf dem Balkendiagramm ersichtlich, fand zwar noch bis Mitte der 1990er Jahre ein klassischer Konvergenzprozess statt: Länder mit schwacher Produktivität verkleinerten ihren Abstand zu Vorreitern wie den USA, was vor allem der Übernahme neuer Technologien zu verdanken war. Danach drehte der Wind aber in vielen OECD-Ländern: Das Wachstum der Arbeitsproduktivität, gemessen am Bruttoinlandsprodukt pro Arbeitsstunde, sank. Und vor allem europäische Länder vermochten kaum noch Schritt zu halten mit den USA, die von den Fortschritten der neuen Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) besonders profitierten.

Spätestens 2004 schloss sich auch Amerika dem negativen Trend an. Zusammen mit den meisten Industrieländern verzeichnen die USA seither ebenfalls sinkende Produktivitätsgewinne. Und glaubt man dem Forschungsinstitut Conference Board, dürfte in Amerika die Arbeitsproduktivität dieses Jahr gar erstmals seit über drei Jahrzehnten leicht sinken. Laut einer neuen Studie der OECD betrifft der negative Trend dabei fast alle Sektoren in Industrieländern, kleine Firmen ebenso wie große. Besonders ausgeprägt zeigt er sich aber ausgerechnet in Bereichen, in denen aufgrund digitaler und technischer Innovationen eigentlich eine Produktivitätsdividende zu erwarten wäre, etwa im Informations-, Kommunikations-, Finanz- und Versicherungssektor.

Der Trend verspricht nichts Gutes. So sind Produktivitätsgewinne seit je eine Hauptquelle für den Anstieg des wirtschaftlichen Outputs, des materiellen Wohlstands und der realen Entlohnung. Doch so wichtig diese makroökonomische Größe auch sein mag: Auf die Frage, warum sie seit so langer Zeit kaum vom Fleck kommt, haben Ökonomen keine klaren Antworten parat. Vielmehr dominiert die Irritation. Auch die OECD schreibt von einer Paradoxie, zumal das Bildungsniveau ja steige, der technologische Wandel weitergehe und die Firmen sich verstärkt in globalen Wertschöpfungsketten integrierten – alles Faktoren, welche die Produktivität eigentlich stärken sollten. Kommt hinzu, dass die Entwicklung schon lange vor Ausbruch der Finanzkrise einsetzte, also nicht mit dieser Zäsur erklärbar ist.

Grenzen der Automatisierung

Erklärungsversuche für die Paradoxie gibt es natürlich sehr wohl. Technologiepessimisten erkennen im Abwärtstrend ein permanentes Phänomen. Sie betonen, die größten produktivitätssteigernden Innovationen lägen wohl hinter uns, etwa die Dampfkraft und die Elektrizität. Diese Sicht wirkt indes etwas anmaßend. Zudem lässt sie unberücksichtigt, dass es bei der Dampf- und der Stromerzeugung auch geraume Zeit dauerte, bis die Neuerungen in Firmen und Haushalten angewendet wurden und einen deutlichen Anstieg des Produktivitätswachstums bewirkten. Allenfalls, so eine etwas zukunftsgläubigere Sicht, gilt dieser Verzögerungseffekt auch für die Digitalisierung, und deren effizienzsteigernde Effekte materialisieren sich eben erst in ein paar Jahren.

Ein anderer Ansatz erklärt den Druck auf das Produktivitätswachstum damit, dass die meisten Industrieländer immer stärker durch den Dienstleistungssektor geprägt sind. So zeigt eine Studie der Federal Reserve Bank in Kansas City, dass in den USA die Arbeitsproduktivität bei Dienstleistungen weit tiefer ist als im verarbeitenden Gewerbe. Dies unter anderem deshalb, weil Fertigungsprozesse in hohem Maß automatisierbar und entsprechend kapitalintensiv sind; mit wenigen Arbeitern lässt sich also ein relativ hoher Output produzieren. Bei Dienstleistungen sind solche Effizienzgewinne meist schwieriger; einen Koch oder Kellner im Restaurant kann man nicht ohne weiteres durch Maschinen ersetzen. Je mehr sich nun ein Land zu eher personalintensiven Dienstleistungen bewegt, so die Argumentation, desto stärker gerät die nationale Arbeitsproduktivität unter Druck.

Der bloße Blick auf nationale Aggregate verleitet aber zu falschen Schlüssen. Wie die OECD zeigt, ist nämlich seit Beginn dieses Jahrhunderts innerhalb der Staaten eine wachsende Diskrepanz zwischen Spitzenunternehmen („frontier firms“) und anderen Firmen feststellbar. In der Tat ist das Produktivitätswachstum der Spitzenunternehmen seit 2000 praktisch konstant geblieben und beträgt im Fertigungssektor rund 3,5 Prozent pro Jahr. Firmen außerhalb des erlauchten Klubs der 100 produktivsten Firmen verzeichneten derweil nur Zuwächse von 0,5 Prozent. Bei Dienstleistungen waren die Unterschiede noch größer, nämlich mit Zuwachsraten von 5 Prozent bei den Spitzenunternehmen und einer stagnierenden Entwicklung bei den anderen.

„The winner takes it all“

Mit anderen Worten: Seit rund eineinhalb Jahrzehnten wächst bezüglich Produktivität der Abstand zwischen internationalen Vorreitern und ihren zahlreichen Nachzüglern. Wie ist dieses Auseinanderklaffen zu erklären? Laut OECD steht hinter dem Phänomen nicht zuletzt eine Blockade bei der Diffusion von Innovationen. Verbreiteten sich Technologien früher rasch in der gesamten Wirtschaft, scheint dies heute weniger ausgeprägt. Ökonomen reden vom Superstar-Effekt: Wenige Firmen ziehen die besten Talente an, erhalten besonders günstiges Kapital und profitieren von Netzwerkeffekten (etwa im Bereich digitaler Plattformen). Es entsteht eine Dynamik des „Winner takes it all“, die Konzentration im Markt steigt.

Die wachsende Divergenz könnte jedoch auch damit zu tun haben, dass die Strukturbereinigung allzu schleppend verläuft. So zeigen die Daten der OECD, dass es einige wenige und besonders unproduktive Unternehmen (im zehnten Perzentil) sind, welche die nationale Produktivität stark nach unten ziehen. Schwache Produktivität ist zwar nicht zwingend ein Problem, wenn diese etwa auf hohe Anfangskosten einer Neugründung zurückgeht. Hält die Schwäche aber an, deutet dies auf eine fehlende Marktselektion hin. Erklärt werden kann dies mit Banken, die faule Kredite nicht als solche ausweisen wollen. Langfristig kaum überlebensfähige Unternehmen werden daher am Leben erhalten, was angesichts rekordtiefer Zinsen auch etwas leichterfällt.

Problem des Messens

Doch allenfalls ist die Sorge ob des sinkenden Produktivitätswachstums nur ein großes Missverständnis. Diese Ansicht vertreten Ökonomen, die das Unvermögen betonen, Produktivität exakt zu messen. So witzelte der amerikanische Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Solow schon 1987, man könne das Computerzeitalter überall sehen, nur nicht in den Produktivitätsstatistiken. Seither hat sich das Problem weiter verschärft: Apps, die unsere Arbeit erleichtern, sind oft gratis; der Nutzen eines Facebook-Kontos ist schwer bewertbar; und die Sharing-Economy – etwa Unternehmen wie Airbnb oder Uber – entzieht sich oft einer statistischen Kategorisierung. Der Output wird daher tendenziell eher unterschätzt, und die Produktivität erscheint in einem zu düsteren Bild.

Letztlich kommt die Suche nach den Gründen für das sinkende Produktivitätswachstum einem Stochern im Nebel gleich. Einfache und empirisch solid abgestützte Erklärungen existieren nicht. Vielmehr konkurrieren eine Vielzahl unterschiedlichster Deutungen und Narrative, die wohl alle zumindest einen Teil der Wahrheit spiegeln. Was trotz fehlendem Konsens innerhalb der Ökonomenzunft unumstritten bleibt, ist die zentrale Bedeutung der Produktivität für das Gedeihen einer Volkswirtschaft. Will man sich langfristig nicht mit der Stagnation von Einkommen und Wohlstand zufriedengeben, gibt es wenig Alternativen zu anhaltenden Produktivitätssteigerungen – erst recht in rasch alternden und bevölkerungsmäßig schrumpfenden Ländern.