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Abgasskandal

Ein Plastikteil weckt Hoffnung

von Christoph Eisenring / 27.11.2015

Gute Nachricht von Volkswagen: In Europa ist die Umrüstung von Millionen manipulierter Autos mit einem kleinen Eingriff machbar. Im Skandal um falsche Abgaswerte bleiben aber große Baustellen – besonders in den USA, wie NZZ-Korrespondent Christoph Eisenring analysiert.

Das ist eine unerwartete Pointe in einem Skandal, der den Volkswagen-Konzern seit acht Wochen im Griff hat. Es braucht zumindest in Europa keine komplizierten Umbauten der Motoren, damit die Dieselautos des Konzerns die einschlägigen Stickoxidgrenzwerte einhalten. VW-Vertreter sprachen auf einer Veranstaltung in Wolfsburg jedenfalls von einer simplen Lösung für die betroffenen 1,6-Liter-Dieselmotoren – was einen erst recht staunen lässt, weshalb VW-Ingenieure überhaupt zu illegalen Mitteln griffen. Ein unscheinbares Plastikteil, das in den Motor eingebaut wird, soll es richten. Für den Laien sieht es aus wie ein Aufstecker für einen Haarföhn oder für einen Staubsauger.

In knapp einer Stunde erledigt

Der Fachterminus lautet Strömungsgleichrichter. Er hilft, die durchgehende Luftmasse im Motor präziser zu messen. Je besser die Messung, desto optimaler die Verbrennung, was zu geringeren Emissionen beiträgt. Zusammen mit dem Überspielen einer neuen Motoren-Software dauert die Arbeit für den Garagisten weniger als eine Stunde. In Europa fallen drei Millionen Autos in diese Kategorie.

5,2 Millionen Fahrzeuge des VW-Konzerns sind dagegen mit einer Zweiliter-Variante des Motors EA 189 unterwegs, der die Manipulationssoftware enthält. In diesem Fall reicht es aus, die Software anzupassen, was nur 30 Minuten beansprucht. Diese Lösung ist auch für die 1,2-Liter-Dieselmotoren vorgesehen, muss aber noch vom deutschen Kraftfahrtbundesamt bestätigt werden. Ziel ist, dass die Leistung nicht beeinträchtigt wird und der Dieselverbrauch nicht steigt. Erste Messungen seien vielversprechend, hieß es. Der Konzern hat insgesamt 6,7 Mrd. € zurückgestellt, um alle Autos anzupassen. Dies scheint nun hoch gegriffen. Allerdings ist man in den USA, wo 482.000 Dieselautos betroffen sind, noch nicht aus dem Schneider, da dort die Grenzwerte für Stickstoffoxide deutlich tiefer sind als in Europa. In Wolfsburg wurde immerhin zwischen den Zeilen deutlich, dass die VW-Ingenieure auch für diesen Markt Lösungen parat haben. Man spricht jedoch lieber von „Vorschlägen“, um den Gesprächen mit den amerikanischen Umweltbehörden nicht vorzugreifen.

Der neue Kommunikationschef des Konzerns, Hans-Gerd Bode, plädierte dafür, die Vorgänge beim EA 189 und diejenigen bei Dreiliter-Dieselmotoren nicht zu vermischen. Beim EA 189 stand demnach die Manipulation im Vordergrund, indem die Software im Normalbetrieb die Abgasreinigung minderte.

„Eindeutige Indizienkette“

Die Funktion der jüngst von den USA monierten Software in Dreiliter-Dieselmotoren einiger Audi-Modelle, des Porsche Cayenne und von VW Touareg sei dagegen eine andere: Es handle sich um das Aufwärmen von Motorenkomponenten, um diese rasch auf Betriebstemperatur zu bringen. Man habe allerdings versäumt, diese den amerikanischen Behörden anzuzeigen, sagte Bode. Diese stufen sie als illegalen „Defeat device“ ein. Sind die Hiobsbotschaften bei VW nun vorbei, oder könnte noch mehr zum Vorschein kommen? Gerne würde er diese Frage mit Ja beantworten, sagte Bode. Doch nach der „Abgasthematik“ beim EA 189, wie VW die Manipulationen nennt, seien die Probleme mit dem geschönten Spritverbrauch sowie Kohlendioxidemissionen und zuletzt mit den Dreiliter-Dieselmotoren aufgetaucht. Zu den CO2-Emissionen, die bei 800.000 Fahrzeugen in Europa zu niedrig angegeben wurden, sagte Bode nur, es gebe eine „ziemlich eindeutige Indizienkette“, dass diese Werte nicht sach- und fachgerecht ermittelt worden seien.

Bisher acht Personen beurlaubt

Die Nachforschungen gehen inzwischen weiter. Die Aufklärung sei auch deshalb so komplex, weil sie sich auf über zehn Jahre erstrecke, sagte der Kommunikationschef. Bisher wurden acht Personen freigestellt, darunter auch die Entwicklungschefs der Marken VW, Porsche und Audi, die in früheren Positionen am Hauptsitz in Wolfsburg in der Motorenentwicklung gearbeitet hatten. Hier und nicht etwa in den USA lag das Epizentrum der Affäre, wurde der EA 189 doch am Stammsitz ersonnen. Doch weshalb war man damals nicht auf die jetzt präsentierte simple Lösung gekommen? Die VW-Experten verweisen darauf, dass die Software und die Einspritztechnik seit 2005 enorme Fortschritte gemacht hätten, weshalb jetzt eine relativ kleine Änderung am Motor reiche.

In der ganzen Affäre haben sich bisher die Konzernvorstände rar gemacht. Mitte Dezember sollen sie sich nun erstmals ausführlich zum Abgasskandal äußern. Dass dies noch nicht geschehen sei, habe wiederum mit den Vorgängen in den USA zu tun, hieß es. VW will zunächst mit den amerikanischen Behörden eine tragfähige Lösung ausarbeiten. Etwas Hoffnung geschöpft haben jüngst die Investoren. Die VW-Vorzugsaktie ging am Mittwoch zu gut 120 € aus dem Handel (vgl. Grafik). Am Tiefpunkt Anfang Oktober waren es 92 € gewesen, doch bleibt der Abstand zu den 170 € von vor der Krise beträchtlich.