Ein Rückschlag für die US-Wirtschaft

von Martin Lanz / 30.04.2015

Das Wirtschaftswachstum ist in den USA im ersten Quartal 2015 fast zum Stillstand gekommen. Die erste Leitzinserhöhung seit 2006 lässt damit weiter auf sich warten, berichtet NZZ-Korrespondent Martin Lanz aus Washington.

Die amerikanische Zentralbank (Fed) hat am Mittwoch signalisiert, dass sie der amerikanischen Wirtschaft in der unmittelbaren Zukunft noch keine Leitzinserhöhung zumuten will. Dies, nachdem sie in früheren Lagebeurteilungen die Tür für einen möglichen Zinsschritt bereits im Juni weit geöffnet hatte. Das schwache Wirtschaftswachstum im ersten Quartal des Jahres und Unsicherheiten im Zusammenhang mit dem Erdölpreis und der Stärke des Dollars erklären die abwartende Haltung.

Gemäß einer ersten Schätzung des amerikanischen Büros für Wirtschaftsanalyse hat das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im ersten Quartal nur um aufs Jahr umgerechnete 0,2 Prozent zugenommen. Der Beinahe-Stillstand ist zu einem großen Teil dem Einfluss des harten Winters mit Rekordschneefällen an der Ostküste und den streikbedingten Behinderungen der Hafenaktivitäten an der Westküste geschuldet. Der erstarkende Dollar hat zudem den Exporten zugesetzt. Der niedrige Erdölpreis entfaltet in der Energiebranche, die überproportional zu den amerikanischen Investitionen beiträgt, viel Bremswirkung, statt die Industrie und den Konsum zu beflügeln. Trotz guter Stimmungsindikatoren und eines besonders im letzten Jahr starken Beschäftigungswachstums legen Firmen und Konsumenten ihre Zurückhaltung nicht ab.

Die jüngste Entwicklung knüpft an die unregelmäßigen Muster seit der Finanzkrise an. Auf relativ starke Quartale folgt immer wieder ein Rückschlag. Ob auch dieses Jahr wieder eine Aufholjagd einsetzt, ist unklar. Zwar fallen nun die negativen Sonderfaktoren wie das schlechte Wetter und die Handelsstörungen zunehmend weg. Der starke Dollar und der niedrige Erdölpreis scheinen sich aber dauerhafter negativ auszuwirken. Die Notenbank schreibt die seit Jahresbeginn beobachtete Wirtschaftsschwäche denn auch nur „zum Teil“ transitorischen Faktoren zu.

Der Entscheid, die Leitzinsen bei 0 bis 0,25 Prozent zu belassen, war einstimmig. An der Sprachregelung, dass Verbesserungen am Arbeitsmarkt nötig sind und dass man einigermaßen sicher sein will, dass sich die Teuerung mittelfristig wieder dem Fed-Zielwert von 2 Prozent nähert, bevor eine Zinserhöhung angebracht ist, wurde festgehalten. Im Prinzip hält sich das Fed damit alle Optionen offen. Falls die BIP-Schätzung nicht nach oben revidiert wird und der kommende Woche veröffentlichte Arbeitsmarktbericht für den April kein überzeugendes Beschäftigungswachstum zeigt, ist aber eine Zinserhöhung im Juni praktisch ausgeschlossen.