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Saudi-Arabien

Ein saudischer Kronprinz gegen die Erdölabhängigkeit

von Monika Bolliger / 26.04.2016

Saudi-Arabiens Vizekronprinz hat ambitionierte Reformpläne. Er will Anteile am Aramco-Konzern verkaufen und einen riesigen Staatsfonds schaffen.

Die mit Spannung erwartete „Vision 2030“ hat zum Ziel, die Abhängigkeit Saudi-Arabiens von Öleinnahmen zu verringern. Der stellvertretende Kronprinz Mohammed bin Salman hat das Reformprojekt am Montag vorgestellt. Mohammed bin Salman, auch „MBS“ genannt, ist der Sohn des seit 2015 regierenden 80-jährigen Königs Salman. Er präsentierte sich als derjenige, der die Fäden in der Hand hält.

Rekorddebüt am Aktienmarkt

Riad plant den Börsengang des staatlichen Konzerns Saudi Aramco. Durch den Verkauf von Anleihen sollen Mittel beschafft werden, um einen riesigen Staatsfonds aufzubauen. Das Vermögen des Staatsfonds PIF soll von 160 Mrd. Dollar auf 2.000 Mrd. Dollar ausgebaut werden. Damit will Riad in andere Industrien im Ausland investieren. Am Montag sagte „MBS“, laut ersten Daten werde der Fonds über 10 Prozent der weltweiten Anlagekapazitäten kontrollieren.

Der Aramco-Konzern wird mit über 2.000 Mrd. Dollar bewertet. Das wäre etwa das Doppelte der derzeitigen Marktkapitalisierungen von Apple und Google zusammen. Bis zu 5 Prozent der Aramco-Aktien sollen angeboten werden. Selbst wenn nur 1 Prozent der Anteile gelistet würden, wäre dies laut Prinz Mohammed der größte Börsengang, den es je gab. Dass Saudi-Arabien seine Abhängigkeit von Öleinnahmen verringern muss, ist schon länger bekannt. Dringlicher ist das Problem mit dem sinkenden Ölpreis geworden, zu dem Riad selber beiträgt. Das Königreich will mit dem bleibend hohen Output seinen Marktanteil gegenüber Konkurrenten halten, für die sich die Förderung erst lohnt, wenn der Preis steigt.

Neben dem umfangreichen Staatsfonds plant Saudi-Arabien Reformen, um Löcher in der Staatskasse zu stopfen. Anfang des Jahres wurden erstmals Subventionen auf Wasser, Strom und Benzin gekürzt. Demnächst soll eine Mehrwertsteuer eingeführt werden. Auch steht eine Art Green-Card-System zur Besteuerung von Expats zur Debatte. Mohammed bin Salman will auch die ausufernden Staatsausgaben reduzieren; einer seiner Berater hatte unlängst mit des Prinzen Billigung in einem Interview mit Bloomberg eingeräumt, dass jährlich sage und schreibe 80 Mrd. bis 100 Mrd. Dollar – etwa ein Viertel des saudischen Budgets – durch ineffiziente Ausgaben verschwendet worden seien.

Der Anteil des Privatsektors an der Wirtschaftsleistung soll von 40 Prozent auf 60 Prozent gesteigert werden. Der Prozentsatz berufstätiger Frauen soll auf 30 Prozent steigen. 2015 betrug dieser noch 13 Prozent; Saudi-Arabien hat weltweit den größten Anteil hochqualifizierter Frauen, die nicht berufstätig sind. Die Arbeitslosenquote will der Prinz auf 7,6 Prozent senken. Offiziell liegt sie derzeit bei 11 Prozent. Details zu diesen Plänen wurden jedoch am Montag nicht bekannt.

Skepsis allenthalben

Prinz Mohammed meinte, dass Saudi-Arabien bis 2020 ohne Öl auskommen könne. Der ambitionierte Vizekronprinz gibt sich als entschlossener Reformer. Einige Skepsis ist dennoch angebracht. So meinen Experten, dass die Steigerung von Investitionen in andere Industrien als Öl allein nicht genug sei. Manche bezweifeln, dass das Land zu so ambitionierten Reformen in der Lage sei, und vermissen ernsthafte Bemühungen um eine dringend nötige Reform des von Saudi-Arabiens konservativem Religionsverständnis geprägten Bildungssystems oder um mehr Transparenz. In der Vergangenheit haben Machtwechsel an der Staatsspitze dazu geführt, dass unter dem Deckmantel von Reformen und Privatisierungen der neue herrschende Klan sich besseren Zugriff auf die Wirtschaft verschaffte.