Wu Hong / EPA

AIIB

Ein Schatten über Asiens neuer Infrastruktur-Bank

von Matthias Müller / 10.05.2016

„Lean, clean and green“ soll die von den Chinesen dominierte Asiatische Infrastruktur-Investitionsbank (AIIB) arbeiten. Dass es der Chinese Jin Liqun an der Spitze der Bank damit nicht immer so genau genommen hat, zeigt seine Vergangenheit.

Die Skepsis war allerorten groß, als die von China dominierte Asiatische Infrastruktur-Investitionsbank (AIIB), der die die Schweiz sowie Österreich seit 2015 angehören, ihre Arbeit aufnahm. Würden die Chinesen ihr Versprechen wahr machen und bei den Projekten soziale sowie ökologische Standards einhalten? Bisher gab sich die AIIB mit dem Chinesen Jin Liqun, der einen guten Leumund genießt und erfahren ist an der Spitze, alle Mühe, die Bedenken zu zerstreuen.

„Lean, clean and green“

Zu den vertrauensbildenden Maßnahmen zählt, dass sich die neue Bank mit der von den USA dominierten Weltbank und der unter japanischer Führung stehenden Asiatischen Entwicklungsbank (ADB) darauf verständigt hat, Projekte gemeinsam zu finanzieren. Ein erstes Vorhaben von AIIB und ADB ist ein 64 Kilometer langes Autobahnstück in Pakistan. Der an der National University of Singapore forschende Huang Jing sagte jüngst beim Stars-Symposium in Chengdu, das Abkommen mit der Weltbank zeige, dass die AIIB sich an die international gängige Praxis bei Ausschreibungen halten werde.

Der erste AIIB-Chef verwendet gerne die drei Schlagworte „lean, clean and green“. Darunter versteht Jin Kosteneffizienz, Nulltoleranz gegenüber Korruption sowie nachhaltige Investitionen. Zumindest auf dem Papier macht sich der Verhaltenskodex gut. Allerdings zeigt ein Blick in die Vita Jins, dass er es mit „lean and clean“ nicht immer so genau genommen und Länderrisiken ausgeblendet hat, obwohl er es hätte besser wissen müssen. Eine akribische Herangehensweise ist für die AIIB jedoch zentral, denn sie wird in politisch instabile Regionen investieren, bei denen genau hinzuschauen sich lohnt. Sonst versanden Gelder – auch die des Schweizer Steuerzahlers.

Der 1949 geborene Chinese war von August 2003 bis Mai 2008 stellvertretender Chef der ADB. In diese Amtszeit fiel die Kreditvergabe an zwei kasachische Banken, die sich später als Fiasko erweisen sollte: Erstmals in ihrer Geschichte war die ADB gezwungen, einen Schuldenschnitt zu tätigen. Als das Unvermeidliche eintrat, hatte sich Jin jedoch längst aus dem Staub gemacht. Er stand später seinem einstigen Arbeitgeber auch nicht für Gespräche zur Verfügung, in denen die ADB das Kasachstan-Abenteuer aufarbeitete, um daraus Schlüsse für die Zukunft zu ziehen.

Die Lehren sind in dem im Oktober 2011 veröffentlichten Papier „Lessons Learned Analysis – KAZ: Alliance Bank, Alliance Bank DPR, and BTA Bank“ zusammengefasst, das man inzwischen jedoch erfolglos im Netz sucht. Aus dem 19 Seiten langen Dokument geht hervor, welch desaströse Arbeit Jin und sein Team leisteten und wie sie interne sowie externe Warnungen ignorierten.

Widerstände in der ADB

Den Zahlungsausfällen ging die Zusammenarbeit der ADB mit den beiden kasachischen Banken JSC BTA Bank (BTA) sowie Alliance Bank voraus. Sie hatten 2006 von der Asiatischen Entwicklungsbank Kredite erhalten. Kasachstans Wirtschaft hing am Tropf der Rohstoffexporte. Die ADB wollte mit den Geldern für die Banken kleine und mittelständische Firmen fördern, um Kasachstan eine neue wirtschaftliche Grundlage zu geben und die Abhängigkeit von den Rohstoffen zu verringern.

Allerdings regten sich bereits zu Beginn der Gedankenspiele in der ADB Widerstände. Die hausinternen Kritiker verwiesen auf diverse Risiken. So hatte die Kreditvergabe der BTA in den Jahren 2003 bis 2005 in der Spitze um bis zu 85 Prozent jährlich zugelegt. Noch stärker war die Expansion der Alliance Bank. Deren Kreditvergabe schoss allein 2005 um 235,6 Prozent in die Höhe. Wenn Banken so schnell wachsen, ist es nicht länger möglich, den Bestand an notleidenden Krediten zu erfassen. Die wirklichen Probleme des schwindelerregenden Kreditwachstums in Form von Zahlungsausfällen zeigen sich oft erst Jahre später.

Kriminelle Machenschaften

Die beiden kasachischen Banken finanzierten damit etwa Bauprojekte im boomenden kasachischen Immobiliensektor. Hinzu kamen kriminell anmutende Investitionen der Eigentümer der beiden Banken, bei denen die persönliche Wohlstandsmehrung im Vordergrund stand. Die wahre Eigentümerstruktur war offiziell zwar nicht bekannt, da sie von kasachischer Seite bewusst verschleiert worden war, um nicht gegen Gesetze zu verstoßen. Allerdings war es ein offenes Geheimnis, wer hinter den beiden Partnerbanken der ADB steckte. Informationen gab es, nur das Team um Jin ignorierte sie.

Zumindest ein Punkt hätte den Chinesen stutzig machen müssen, weil das Dilemma unübersehbar war: In beiden Banken waren die verantwortlichen Köpfe Jungspunde, die über wenig Erfahrung verfügten. Bei der Alliance Bank waren der Chef und sein Stellvertreter jeweils 33 Jahre alt; bei der BTA sah es nicht besser aus. Das Spitzenmanagement verfügte über keinerlei Know-how, wie und wann eine Bank das Kreditgeschäft drosseln und wie sie auf einen Abschwung reagieren sollte. Die Saat für die kommenden Probleme in Form einer unzureichenden Governance war gesät – dann gerieten die Banken in wirtschaftliche Turbulenzen.

Um das Wachstum zu finanzieren, hatten sie sich Gelder von internationalen Banken und Kapitalmärkten besorgt. Es kam, wie es kommen musste. Zunächst trübte sich der kasachische Immobiliensektor ein, und als die internationale Finanzkrise von den USA aus weltweit ihre Kreise zog, waren internationale Geldgeber nicht länger bereit, den beiden Banken Kapital zu geben. Im April 2009 stellte die BTA ihre Tilgungszahlungen ein, wenige Wochen später konnte die Bank nicht länger die Schuldzinsen begleichen. Die Alliance Bank erlitt das gleiche Schicksal. Beide waren pleite.

Die kasachische Regierung schritt zwar ein und erwarb durch den Staatsfonds Samruk-Kazyna 75 Prozent des BTA-Aktienpakets; der Anteil an der Alliance Bank belief sich auf 67 Prozent. Allerdings mussten beide kasachischen Banken mit ihren Gläubigern über einen Schuldenschnitt verhandeln. Im Rahmen des kasachischen Abenteuers soll die ADB mehr als 100 Mio. $ verloren haben, heißt es hinter vorgehaltener Hand. In einer öffentlich zugänglichen Bewertung der ADB über die Kreditvergabe des eigenen Hauses an die BTA schreiben die Autoren: „Overall, the project ist assessed unsuccessful.“ Dieses Urteil ist angesichts des Schadens und des dilettantischen Vorgehens des Teams um Jin noch als schamlose Untertreibung zu bewerten.

Steiler Karriereweg

Jin war als verantwortlicher Kopf für die Kreditvergabe innerhalb der ADB diverse Male vor den Risiken gewarnt worden. Er wischte die Bedenken achtlos beiseite. Der Chinese unterschrieb eines Morgens das Abkommen, obwohl er am Tag zuvor in einer Sitzung noch Bedenken geäußert und weitere Informationen gefordert hatte. Jene Personen, die später innerhalb der ADB damit beauftragt waren, den Fall unter die Lupe zu nehmen, wurden wegen ihrer akribischen Herangehensweise gemaßregelt und dezent auf mögliche negative Auswirkungen für die spätere Karriere im Haus hingewiesen. Wenig verwunderlich, dass der vom Spezialisten für Risikomanagement, Don Lambert, verfasste Bericht „Lessons Learned“ aus den Weiten des Internets verschwand.

Jin verließ die ADB, bevor die Gewitterfront aufgezogen war. Seine spätere Karriere zeigt, dass Achtlosigkeit und Verluste in Millionenhöhe einem steilen Aufstieg nicht im Wege stehen müssen. Bleibt zu hoffen, dass der Chinese in seinem neuen Amt genauer hinschaut und auf mahnende Stimmen hört. Die AIIB wird in Regionen investieren, in denen es manche Geschäftspartner nicht ganz so genau nehmen werden. Das Kasachstan-Abenteuer der ADB dient als mahnendes Beispiel.