Nacho Doce / Reuters

Rezession

Eine gefährliche Mischung für Brasilien

von Alexander Busch / 04.03.2016

Ein deutlich gesunkenes Pro-Kopf-Einkommen dürfte den Druck auf die ohnehin angeschlagene brasilianische Regierung erhöhen. Deren Spielraum für Verbesserungen ist stark eingeschränkt.

Brasiliens Wirtschaft sei vergangenes Jahr 3,8 Prozent geschrumpft, verkündete jetzt das Statistikamt IBGE. Im letzten Quartal nahm die Wirtschaftskraft Brasiliens sogar um sechs Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum ab. Vor allem die mangelnde Investitionsbereitschaft der Unternehmen lässt die brasilianische Wirtschaft tiefer in der Rezession versinken. Um 14 Prozent sind die Investitionen im letzten Jahr gesunken im Vergleich zu 2014. Im Zweijahreszeitraum bis Ende 2016 rechnet die Ökonomin Alessandra Ribeiro von Tendências Consultoria, dass die Investitionen um etwa ein Drittel sinken könnten. Das werde Brasiliens potenzielles Wachstum künftig noch weiter beschränken.

Notorisch tiefe Investitionen

Die in Brasilien im Vergleich zur Wirtschaftsleistung traditionell niedrige Investitionsrate ist erneut geschrumpft auf 18,2 Prozent – und das bei einem nun seit zwei Jahren sinkenden Bruttoinlandsprodukt (BIP). Auch bei den Importen wie der inländischen Fertigung von Maschinen und Anlagen sehe es nicht danach aus, als würden sich die Unternehmen mit Investitionen auf ein künftiges Wachstum einstellen, so Ribeiro.

So sind die Importe im Vergleich zum Vorjahr um 14 Prozent eingebrochen. Das ist zwar erfreulich für die Handelsbilanz: Sie schneidet erstmals wieder positiv ab mit einem Saldo von 4 Milliarden Dollar in diesem Jahr. Ende 2016 rechnet das Wirtschaftsministerium mit einem Plus von 35 Milliarden Dollar. Die Exporte sind im vergangenen Jahr um sechs Prozent gewachsen. Das liegt aber weniger daran, dass sich die brasilianische Exportindustrie neue Märkte erobert hat. Vor allem die Abwertung des Real von bis zu 40 Prozent gegenüber dem Dollar hat die Ausfuhren wachsen lassen. Denn die Exportprodukte, die am stärksten zugelegt haben – Soja, Eisenerz, Öl und Stahl –, sind seit je auf der brasilianischen Ausfuhrpalette.

So ist auch die Landwirtschaft das einzige Segment, das trotz der niedrigen Preise für agrarische Erzeugnisse noch positiv zum BIP beigetragen hat (+0,6 Prozent). Für dieses Jahr hoffen jedoch die Autoindustrie sowie Flugzeugbauer wie Embraer, dass sie wegen des schwächeren Real mehr exportieren werden.

Noch gleichen die stärkeren Exporte jedoch den schwächeren Konsum und die sinkenden Investitionen nicht aus: Die Industrie ist letztes Jahr um 6,2 Prozent geschrumpft. Der private Konsum der Brasilianer hat um vier Prozent nachgegeben. Der Staat ist mit einer sinkenden Nachfrage von –1 Prozent ebenfalls keine Konjunkturlokomotive mehr. Inzwischen ist das Haushaltsdefizit mit 10,5 Prozent (Schätzung für 2015 von Morgan Stanley) bereits eines der höchsten weltweit. Die Verschuldungsquote beträgt 67 Prozent des BIP und dürfte, so fürchten die meisten Banken, 2017 auf 80 Prozent im Vergleich zur Wirtschaftsleistung ansteigen.

Ein Wachstum der Staatsverschuldung von jährlich zehn Prozent sei eine Zeitbombe, urteilt Italo Lombardi von Standard Chartered Bank in Brasilien. Es ist vor allem der hohe Leitzins, den die Zentralbank gerade bei 14,25 Prozent belassen hat, der die Staatsschulden weiter in die Höhe treibt. Die Gefahr ist, dass die Regierung fehlende Einnahmen zunehmend mit der Notenpresse kompensiert, weil sie nicht in der Lage ist, den Haushalt ins Gleichgewicht zu bringen. Die Inflation fällt bereits jetzt mit elf Prozent mehr als doppelt so hoch aus wie die Zielvorgabe der Zentralbank (4,5 Prozent).

Auch politisch dürfte die bereits durch eine Korruptionsaffäre gelähmte Regierung zusätzlich unter Druck kommen: Das Pro-Kopf-Einkommen der 205 Millionen Brasilianer ist 2015 um 4,6 Prozent gesunken.

Steigende Arbeitslosigkeit

Die Arbeitslosigkeit beginnt nun verzögert zu steigen. Banken rechnen damit, dass sie von etwa neun Prozent bis Mitte 2017 auf mehr als 14 Prozent ansteigen könnte. Bis dahin wird sich die Konjunktur wieder aufgehellt haben, hoffen Ökonomen: Ab Mitte 2016 dürfte gemäß den Erwartungen etwa der Bank Itaú die Talsohle erreicht sein. Ab Anfang 2017 könnte die Wirtschaft erstmals wieder ein Quartal positiv abschließen. Doch der Arbeitsmarkt wird erst verzögert auf die Aufhellung reagieren.