Reuters/Eric Vidal

Walkthrough

Eine Regierung liest einen Beipackzettel

von Lukas Sustala / 07.10.2016

Der Beipackzettel für das Freihandelsabkommen CETA. Die neue Struktur von Raiffeisen. Flucht bei der Bank Austria und der Wiener Börse. Privatisierung auf Russisch. Ein Walkthrough im Phänomen Geld.

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Wie gut ist der „Beipackzettel“ wirklich? Die EU-Kommission und Kanada haben für das Freihandelsabkommen CETA Erläuterungen an die Mitgliedstaaten geschickt, die Bedenken – in Österreich insbesondere bei der Regierungspartei SPÖ – ausräumen sollten. Ob das gelingt, ist nach den ersten skeptischen Stellungnahmen von Gewerkschaftern ungewiss. Klar ist aber, dass die knapp fünf Seiten, auf denen allerlei strittige Punkte zu CETA interpretiert werden, juristisch nicht wertlos sind (NZZ.at). Auch wenn er damit die Gegner nicht überzeugen wird (NZZ.at). Jetzt muss die Regierungsspitze nach Studium des Papiers entscheiden, ob sie als einziges Land in der EU Nein sagt – oder doch Ja.

Raiffeisen will simpler werden, aber das Banking wird komplizierter. Die beiden Spitzeninstitute des Raiffeisensektors, die RZB und die RBI, werden fusionieren. So viel steht fest, wie die beiden Vorstandsvorsitzenden am Donnerstag bestätigt haben. Viel mehr, etwa Name oder Chef oder Umtauschverhältnis für die neue Struktur, noch nicht. Der Zusammenschluss bringt vor allem regulatorisch etwas, weil die RZB dadurch eine gestärkte Eigenkapitalausstattung erhält, was immerhin in der Welt von Basel III die härteste Währung ist. Gleichzeitig ist aber auch klar, dass die Bank auch nach dem Zusammenschluss große Aufgaben vor sich hat: Die Kostenquote von 62 Prozent soll auf 50 bis 55 Prozent sinken, die Profitabilität bleibt ein Problem, und die Eigenkapitalquote ist mit 11,3 Prozent zwar deutlich höher als in der Vergangenheit, muss aber noch weiter aufgestockt werden. Das alles lässt sich nicht mit einer Fusion der Spitzeninstitute ändern – sondern nur mit grundlegenden Reformen und Kostensenkungen (NZZ.at; Der Standard). Die werden mit der neuen Struktur aber zumindest leichter.

Die zentralen Kennzahlen der neuen Bank
Die zentralen Kennzahlen der neuen Bank

Credits: RBI

Bank Austria: Fluchtbewegung. Bis Ende 2017 wollen 959 Mitarbeiter die Bank Austria zu den Bedingungen des Sonder-Abfertigungsprogramms verlassen. Sie wurden heute beim Arbeitsmarktservice (AMS) angemeldet, berichtete die Austria Presse Agentur. Die Handshakes sind Teil eines großen Schrumpfungs- und Sparpakets (NZZ.at). Die Bank Austria bestätigte zwar auf Anfrage die Zahl von 959. Wie viele Menschen tatsächlich im Rahmen dieses „Handshake“-Programms aus der Bank Austria ausscheiden, bleibt aber offen. Denn bei unersetzlichen Mitarbeitern will das Management die Zustimmung verweigern – wobei sich auch in anderen Ländern angesichts großer Strukturprobleme im Bankensektor zeigt, dass immer weniger Mitarbeiter wirklich als unersetzlich angesehen werden (NZZ.at).

RHI-Fusion macht die Wiener Börse ärmer. Der Feuerfesthersteller RHI verschwindet von der Wiener Börse. Der im ATX gelistete österreichische Feuerfestspezialist RHI fusioniert mit Magnesita Refratarios S.A. zur RHI Magnesita. Den Hauptsitz hat der Konzern in den Niederlanden, die Börsenotiz wandert nach London. Damit soll der weltweit wichtigste Feuerfestspezialist entstehen. Für die Wiener Börse ist es jedenfalls ein weiterer Verlust (Die Presse).

Ein Flashcrash wegen Brexit-Sorgen. Das britische Pfund ist diese Woche in heftige Turbulenzen gekommen. Die Wankelmütigkeit von Premierministerin Theresa May in wirtschaftspolitischen Fragen ist an den Börsen nicht gerade positiv eingestuft worden. Zunächst kam es in der Nacht von Donnerstag auf Freitag zu einem „Flash Crash“, also dem kurzfristigen Absturz der Währung. Gegen den US-Dollar wertete das britische Pfund innerhalb weniger Minuten um sechs Prozent ab. Offenbar ist dabei ein Algorithmus wegen einer Brexit-Story der Financial Times überreagiert und den Devisenhandel in Asien – nicht den liquidesten – erschüttert.

Doch ganz ausgestanden scheint die Schwächephase dennoch nicht zu sein. Der Roboter-Händler alleine steckt also nicht hinter den Sorgen, die den britischen Währungsmarkt aktuell unter Druck setzen.

Das britische Pfund wertete rasant gegen den US-Dollar ab
Das britische Pfund wertete rasant gegen den US-Dollar ab
Wechselkurs zwischen GBP und USD
Credits: Factset

Isovoltaic streicht bis zu 60 Stellen. Kurz nach einem Management Buy-out verlagert der steirische Photovoltaik-Komponentenhersteller Isovoltaic AG einen Großteil der Produktion in seine chinesische Niederlassung. Dies wirkt sich am Stammsitz Lebring aus – 60 von 94 Mitarbeitern wurden beim AMS zur Kündigung angemeldet, hieß es am Freitag gegenüber der APA. Forschung und Entwicklung sowie die Prozesstechnik würden in Lebring bleiben.

Inspirationen – Food for Thought

In der Nobelpreiswoche: Korrelation, nicht Kausalität.

So läuft eine Privatisierung auf Russisch ab (NZZ.at).

China versucht es mit Nächstenliebe per Dekret (NZZ.at).

Schulden, Schulden, Schulden.