Square CEO Jack Dorsey – AP Photo/Richard Drew

startup-Blase

Einhörner im Silicon Valley

Meinung / von Christiane Hanna Henkel / 20.11.2015

Durch das amerikanische Technologie-Tal galoppiert derzeit eine Herde von Einhörnern. Doch anders als während der Dotcom-Blase scheinen diese noch unkotierten Jungfirmen schon realen Wert zu haben, schreibt NZZ-Korrespondentin Christiane Hanna Henkel aus New York.

Einhörner sind Fabeltiere. Die pferdeähnlichen Wesen galoppieren durch Filme, Romane und durch Kinderbücher. Nur in Amerika, im Land der unbegrenzten Möglichkeiten, dort sind sie echt. Dort gedeihen sie seit einiger Zeit im Silicon Valley. Als „unicorn“ bezeichnet man im amerikanischen Technologie-Tal ein noch junges Unternehmen, das in der Regel bereits ein paar Millionen Umsatz erzielt, sich eine Kundenbasis aufgebaut hat und von den Risikokapitalgebern bereits mit über einer Milliarde Dollar bewertet worden ist. Nur schätzungsweise 160 unter den tausenden Jungunternehmen im Silicon Valley haben es in diese Liga geschafft. Zu ihnen gehören das Logistikunternehmen Uber (Bewertung von rund 40 Milliarden Dollar) oder Dropbox (11 Milliarden Dollar). Der Zimmervermittler Airbnb (26 Milliarden Dollar) etwa ist bereits mehr wert als die Hotelkette Marriott (19 Milliarden Dollar), die mit 123.500 Mitarbeitern weltweit immerhin 4.300 Hotels betreibt.

Die hohen Bewertungen dieser nicht börsenkotierten Firmen wecken Erinnerungen an die Zeit des Dotcom-Booms, der 1999 seinen Höhepunkt erreichte und dann in sich zusammenfiel wie ein Kartenhaus. Wiederholt sich die Geschichte in diesem Fall? Es sieht nicht so aus. Im Boom von 1999 wurden viele Technologieaktien unverdientermaßen hochgetrieben. Die Höhe der Bewertung der Einhörner stößt aber derzeit bereits an Grenzen, wie der Börsengang des Einhorns Square jüngst gezeigt hat. Im Silicon Valley selbst gibt es kritische Stimmen, die dort auch Gehör finden. Wichtiger noch ist, dass die noch nicht börsenkotierten Einhörner bereits Geschäftserfolge vorzuweisen haben. Die Jungunternehmen von 1999 kamen oftmals umsatz- und kundenlos an die Börse.

Aber vielleicht ist die oft gestellte Frage nach der Bewertung der Start-ups gar nicht so wichtig. Sicherlich werden in den nächsten Jahren einige dieser Firmen zu einem lahmen Gaul mutieren. Das ist normal. Das ist Ausdruck von Wettbewerb und überdies Teil des Unternehmertums, das als Motor unsere Volkswirtschaften antreibt. Die Geldgeber der Einhörner wie Venture-Capitalists und institutionelle Investoren sind alle professionelle Anleger; sie sollten wissen, was sie tun, und die Konsequenzen tragen können. Das war beim Platzen der Dotcom-Blase etwas anders: Damals hatten die Börsengänge der jungen Technologieunternehmen Kleinanleger angezogen wie das Licht die Motten. Der Zusammenbruch hatte entsprechend weitreichende Konsequenzen.

Einige der Einhörner aus dem Silicon Valley mögen überbewertet sein. Aber Fabelwesen sind sie nicht. In gewisser Weise galoppieren sie ja bereits heute durch die Zürcher Wohnquartiere, wenn dort Airbnb – und nicht die Hotellerie – Zimmer an Touristen vermietet, oder über die Bahnhofstraße, wenn Kunden sich für Uber – und nicht für ein Taxi – entscheiden. Das ist alles erst der Anfang. Weitere Einhörner dürften bald mit den Hufen scharren und in den Industriequartieren und Dienstleistungszentren Europas für Aufruhr sorgen. Sicherlich wird sich aber das eine oder andere Start-up als Fantasiegestalt erweisen und wieder verschwinden.