dpa/ Sebastian Widmann

Kapitalmarkt USA

Energiefirmen geraten zunehmend in Finanzengpässe

von Christiane Hanna Henkel / 16.12.2015

Amerikas Konzerne haben sich in den letzten Jahren günstig und umfassend an den Finanzmärkten finanziert. Nun aber könnten die guten Zeiten für sie und die Geldgeber vorbei sein.

Amerikas Konzerne gehören zu den Gewinnern des günstigen Marktumfeldes für Kredite und Obligationen. Bei den Banken konnten sie reichlich Kredite aufnehmen und vor allem am Finanzmarkt über die Ausgabe von Anleihen umfangreiche Obligationen ausgeben. Damit hatten sie Mittel zur Verfügung für große Investitionsprojekte wie etwa im Energiesektor. Vielfach haben die Firmen mit den Geldern Dividenden oder Aktienrückkäufe finanziert.

Alle haben profitiert

Die Anleger wiederum haben sich in den letzten Jahren um Firmenanleihen, vor allem um jene mit niedrigem Kreditrating, gerissen. Die Investition in risikoreichere Anlagen wie Aktien oder eben Obligationen gehörte zu den wenigen gut rentierenden Anlagealternativen angesichts allgemein niedriger Verzinsung. Besonders beliebt waren dabei sogenannte Junk-Bonds. Das sind Firmenbonds, die von den Rating-Agenturen als solche mit einem hohen Ausfallrisiko eingestuft werden. Das hohe Risiko haben sich die Anleger über entsprechend hohe Zinscoupons entlohnen lassen. Auch Banken haben vom Geldbedarf amerikanischer Firmen profitiert und über Bondemissionen und die Kreditvergabe ihre Erträge gesteigert.

Seit einigen Tagen blicken Investoren und zunehmend auch Banken mit Sorgenfalten auf ihre Anlagen: Was wird nun aus ihren Krediten und Obligationen, wenn der Erdölpreis keinen Boden findet und in den USA höhere Zinsen und damit steigende Kapitalkosten für die Firmen in Sicht sind? Es mehrten sich die Zeichen, dass die besten Tage im Kredit- und lange boomenden Markt für Firmenanleihen mit niedriger Kreditwürdigkeit (Junk-Bonds) vorbei sein könnten. Banken treibt die Sorge um, dass der jetzige Abwärtszyklus im traditionell zyklischen Rohwarenmarkt tiefer und länger sein könnte als in vorherigen Zyklen. Die auch mit der Bankenaufsicht beauftragte Zentralbank schätzt, dass die von einem Kreditausfall bedrohte Summe im Erdöl- und Erdgassektor derzeit mit 34 Milliarden Dollar fünfmal höher ist als zu Jahresbeginn.

Und die Kreditrating-Agentur Standard & Poor’s weist auf steigende Defaults bei Firmenanleihen hin. Weltweit sind in diesem Jahr rund hundert Anleihen nicht bedient worden, 61 davon stammen von amerikanischen Unternehmen, der überwiegende Rest von Firmen aus Schwellenländern. Ein großer Teil der Firmen, die ihre Bonds nicht länger bedienen konnten, waren Energiekonzerne. Diese Entwicklungen sind bei weitem nicht dramatisch. Die Anzahl der Defaults liegt weit unter dem Hoch vom Krisenjahr 2009. Aber die Tendenz ist eindeutig und wohl anhaltend.

Die ersten Opfer sind da

Dass die Nervosität unter den Geldgebern der amerikanischen Unternehmen angestiegen ist, zeigen die Ereignisse der letzten Tage an der Wall Street. Nachdem am Donnerstag die US-Anlagegesellschaft Third Avenue Management bekanntgegeben hatte, dass sie einen Junk-Bond-Fonds schließen muss, weil sie ihre Anlagen nicht so schnell liquidieren konnte, wie Kunden ihre Gelder abziehen wollten, rollte eine Schockwelle durch den Markt. Verunsicherte Anleger zogen sich verstärkt aus dem Markt für Junk-Bonds zurück. Diese Bewegung drückte sich in deutlichen Kursrückgängen bei entsprechenden Indexfonds aus (siehe Grafik). Zum Teil konnten Fondsmanager die Bonds zu vermeintlich nicht marktgerechten Preisen an den Mann bringen; für die fehlende Liquidität wurde aber auch das sich seit der Finanzmarktreform stark verringerte Engagement der Banken im Bondmarkt verantwortlich gemacht.

Auch der Aktienmarkt litt in den letzten Tagen, was möglicherweise auf eine gewisse Ansteckung durch den Bondmarkt zurückzuführen ist. Während sich die Lage am Markt für Firmenanleihen am Dienstag wieder etwas beruhigt hat, zeigen die jüngsten Ereignisse doch, wie hoch die Nervosität der Halter dieser bisher gut rentierenden, aber mit hohem Risiko behafteten Firmenanleihen derzeit ist. Niemand weiß, was passiert, wenn sich der auch durch die Niedrigzinsperiode angeheizte Markt für Firmenanleihen abkühlt. Dass viele Ungutes befürchten, haben die Reaktionen der letzten Tage aber klar gezeigt.