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Weltenergiekongress 2016

Energienachfrage vor dem Zenit

von Giorgio V. Müller / 10.10.2016

Die weltweite Nachfrage nach Primärenergie pro Kopf dürfte vor 2030 ihren Höhepunkt überschritten haben. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Weltenergierats. Langfristig werde Kohle ihre starke Position einbüssen.

In der globalen Energielandschaft haben sich in den jüngsten Jahren die Gewichte bereits deutlich verschoben. Doch in Zukunft werde sich die Art und Weise, wie Energie produziert und konsumiert werde, noch stärker verändern, heisst es in einer am Montag publizierten Studie des Weltenergierats. Für die quantitativen Berechnungen der über drei Jahre erhobenen Untersuchung war das Paul-Scherrer-Institut (PSI) verantwortlich.

Die Resultate der unter dem Stichwort „Der grosse Übergang“ laufenden Studie variieren, je nachdem, welche Energiepolitik die Länder in den nächsten Jahren einschlagen. Denn entscheidend wird sein, ob den Marktkräften eher freier Lauf gelassen wird oder ob die Politik mit Gesetzen und Subventionen den Trend bestimmt. Neu untersucht wurde auch ein „Hard Rock“ genanntes Szenario, in dem wegen wirtschaftlichen und sozialen Drucks die Regierungen den globalen Anstrengungen weniger Bedeutung beimessen und sich bei der Energie stärker auf die eigenen Interessen konzentrieren. Dieses Szenario hätte die geringsten Auswirkungen auf die derzeitigen Verhältnisse.

Limit bald erreicht

Die überraschendste Erkenntnis dürfte sein, dass der Primärenergieverbrauch pro Kopf noch vor 2030 seinen Höhepunkt erreichen wird. Beim Primärenergieverbrauch werden die Exporte und die Lagerhaltung in Abzug gebracht. Marie-José Nadeau, die den Weltenergierat präsidiert, rechnet damit, dass dies schon in den Jahren 2020 oder 2025 passieren wird. Endlich werde der offenbar ungebremst steigende Verbrauch gestoppt, sagte sie zum Start des während vier Tagen in Istanbul stattfindenden 23. Weltenergiekongresses. Möglich wird diese Entwicklung dank den Fortschritten in der Energieeffizienz sowie den technologischen Verbesserungen beim Transport (Stichwort intelligente Stromnetze) und im Gebäudebereich (smart home, smart cities). Gesamthaft wird der Endenergieverbrauch (inklusive Eigenverbrauch) bis 2060 hingegen weiter steigen, um 46%, wenn der Status quo (Hard Rock) anhält, um 38%, wenn ein eher liberaler Weg (Modern Jazz) eingeschlagen wird, oder immerhin um 22%, wenn sich eine eher interventionistische Strategie (Unfinished Symphony) durchsetzen würde.

Im Gegensatz zur Schweiz, die ihren Stromverbrauch in den nächsten Jahren im Rahmen der „Energiestrategie 2050“ tendenziell senken will, wird sich der Konsum des vergleichsweise sauberen Energieträgers Elektrizität global betrachtet bis 2060 verdoppeln. Dazu sind jedoch enorme Investitionen in die Infrastruktur nötig. Der Weltenergierat rechnet bis 2060 mit einer Summe von 35 Bio. bis 43 Bio. $.

Auch im Jahr 2060 werden die fossilen Energien (Kohle, Erdöl, Erdgas) mindestens für die Hälfte der Primärenergie aufkommen. Seit 1970 hat sich ihr Anteil leicht von 86% auf 81% verringert. Hingegen wird die bisher weitverbreitete Kohle ihre Dominanz langsam verlieren und die Nachfrage noch vor 2020 erreicht haben, ausser Länder wie Indien und China würden sie weiterhin für die Stromproduktion favorisieren. Im Strombereich setzen sich auch in diesen Regionen die neuen erneuerbaren Energien wie Solar und Wind zunehmend durch. Weltweit werden mit ihnen erst 4% erzeugt. Bis 2060 könnte dieser Anteil auf 20% bis 39% steigen. Zu den weitgehend emissionsfreien Erzeugungsarten gehören auch die Wasser- und die Kernkraft, deren Bedeutung zunehmen dürfte. In Afrika würden Wasserkraftwerke wichtiger werden, glaubt der Weltenergierat, während im ostasiatischen Raum, vor allem in China, neue Atomkraftwerke gebaut werden. In China sind derzeit 35 Atomkraftwerke in Betrieb und weitere 20 im Bau, unter anderem der erste eigene Reaktortyp (CAP 1400), der schon 2018 ans Netz gehen.

Vage Empfehlungen

Treibende Kraft der Veränderungen in der weltweiten Energiebranche sind die Bestrebungen, ein emissionsärmeres Energiesystem aufzubauen, um die Erderwärmung zu limitieren. Der Ausstoss an Kohlenstoffdioxid (CO2) wird zwischen 2020 und 2040 seinen Höhepunkt erreicht haben und dann tendenziell abnehmen. Werden sich die Länder auf eine auf Eigeninteressen und Bestehendes aufbauende Strategie berufen, würden sie jedoch 2060 leicht über dem Niveau von 2014 zu liegen kommen. Wird indes den Markt- und Innovationskräften vertraut, kann mit 28% weniger, bei stark interventionistischen Energiestrategien sogar mit 61% weniger CO2-Emissionen gerechnet werden.

Bei den Empfehlungen an die Energieminister bleibt der Weltenergierat eher vage, was angesichts der äusserst unterschiedlichen Voraussetzungen in den einzelnen Ländern auch verständlich ist. Unter anderem wird empfohlen, Dekarbonisierungs-Strategien zu entwickeln, was in den Industrieländern wohl mit einem funktionierenden Emissionszertifikatehandel oder Emissionssteuern am ehesten gelingt. Solange dies aber nicht einmal in der EU der Fall ist, in der seit Jahren der Zertifikatehandel ein wirkungsloses Lenkungselement geblieben ist, wird dies noch einige Zeit in Anspruch nehmen.