Simon Dawson / Bloomberg

Erwartungsbildung in der Wirtschaft: Wie scheue Rehe

von Claudia Aebersold Szalay / 01.10.2016

Wieso findet das Geld, das die Notenbanken in die Wirtschaft pumpen, seinen Weg nicht in Investitionen? Die heutige Lage ist bedrohlich, erinnert sie doch an die Grosse Depression.

Je mehr Geld die Zentralbanken den Geschäftsbanken zur Verfügung stellen, desto weniger können diese damit anfangen. Zu diesem Schluss muss kommen, wer sich die monetäre Entwicklung in den wichtigsten Währungsräumen seit der Finanzkrise anschaut. Die Notenbanken haben seit Ausbruch der Krise Billionen in den Wirtschaftskreislauf gepumpt, doch die Banken können daraus kaum Geld schöpfen. Diese Entwicklung bereitet Sorgen, denn sie erinnert an die Grosse Depression der dreissiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Damals war das Wirtschaftsleben vorübergehend fast zum Erliegen gekommen, weil das Geld im Wirtschaftskreislauf kaum mehr zirkulierte. Dass es heute wieder so weit kommen könnte, ist beängstigend.

Weshalb die Geldschöpfung durch die Banken gegenwärtig derart gedrosselt ist, ist schwer zu sagen. Die Wissenschaft spricht von einer gestörten Erwartungsbildung seitens der Unternehmen und Privathaushalte. Diese könnten sich kein Bild davon machen, was die Zukunft ihnen in wirtschaftlicher Hinsicht bringen werde, und wüssten demnach nicht, was mit Geld anzufangen. Doch wieso eigentlich? Leider weiss die Wissenschaft sehr wenig über die Erwartungsbildung in der Wirtschaft. Werden Erwartungen aus früheren Erfahrungen abgeleitet, oder haben die Leute ein Konzept im Kopf – eine Art Modell wie in den ökonomischen Lehrbüchern –, aus dem sie ihre Perspektive bilden? Und was passiert, wenn neue Informationen dazukommen oder die Wirtschaftssubjekte mit neuen Bedingungen konfrontiert werden?

Über die Erwartungsbildung in der Wirtschaft wird zwar geforscht, die Erkenntnisse daraus sind bis anhin aber ernüchternd. Von „gestörten“ Erwartungen zu sprechen, wenn Entwicklungen wie heute jene des Geldschöpfungsmultiplikators nicht erklärt werden können, mag nach einer billigen Ausrede klingen. Doch ganz abwegig ist es nicht. Die Akteure in der Wirtschaft sind heute tatsächlich mit Informationen und Konzepten konfrontiert, die für sie gänzlich neu sind. Weder die unbegrenzte Liquidität, die den Banken zur Verfügung gestellt wird, noch die gigantischen Aktivakaufprogramme der Notenbanken und ganz sicher nicht die Negativzinsen sind sie gewohnt. Genauso wenig kann aber ausgeschlossen werden, dass die Erwartungen nicht gestört, sondern schlicht sehr pessimistisch sind. Wenn die Menschen an der Fähigkeit der Notenbanken zweifeln, mit ihrer Politik Preisstabilität zu gewährleisten und das Fundament für erfolgreiches Wirtschaften zu legen, dann werden sie keine Kredite aufnehmen und nicht investieren.

Das Problem dabei ist, dass die Menschen ihre Meinung auch abrupt ändern können. Auch darüber weiss man leider wenig. Bekannt ist nur, dass Erwartungen wie scheue Rehe sind, plötzlich drehen können und sich der Glaube an die Preisstabilität somit quasi über Nacht in Luft auflösen kann. Die gigantische Liquidität, die seit der Krise ins System gepumpt worden ist, stellt da eine ernstzunehmende Drohkulisse dar. Die grossen Zentralbanken der Welt dürfen dieses Risiko nicht unterschätzen. Nicht nur NotenGeld ist nicht gleich Geld. Die Notenbankgeldmenge (M0) umfasst den Notenumlauf und die Guthaben der Banken bei der Zentralbank; die Geldmenge in der Wirtschaft (M1, M2, M3) hingegen das Bargeld plus liquide Kundeneinlagen bei den Banken (abnehmende Liquidität von M1 bis M3). Sinkt das Verhältnis von M0 zu M2 oder M3, bedeutet dies, dass die Notenbankgeldmenge stärker steigt als die Geldmenge in der Wirtschaft. Die Entwicklung von M1 bis M3 ist wichtig, weil sie immer auch Spiegelbild der Kreditvergabe ist.