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Erdölhandel nach dem Doha-Treffen

Es könnte ein freier Erdölmarkt sein

von Gerald Hosp / 19.04.2016

War da was? Nach dem Scheitern des Abkommens zur Deckelung der Erdölförderung in Doha machte der Ölpreis einen Taucher und erholte sich wieder. Doch es gibt eine gute Botschaft vom Treffen in Katar.

Sogenannte Kremlologen mühen sich damit ab, Vorgänge hinter den dicken Mauern des Kremls zu deuten, um Entscheidungen der russischen Machthaber auf die Schliche zu kommen. Am Erdölmarkt sind die Saudiologen die Pendants dazu. So wichtig Saudi-Arabien für das schwarze Gold ist, so geheimnisumwittert ist das Königshaus.

Dabei lohnt es sich manchmal, die Vertreter der saudischen Königsfamilie beim Wort zu nehmen: Kurz vor dem Treffen zwischen mehreren Petro-Staaten innerhalb und außerhalb der Organisation erdölexportierender Staaten (OPEC) in Doha sagte der 30-jährige saudische Vizekronprinz Mohammed bin Salman, dass ohne die Teilnahme Irans keine Deckelung der Erdölförderung auf das Niveau vom Januar zustande komme.

Und es kam so, wie es der neue starke Mann in Riad gesagt hatte – zum Erstaunen vieler. Es hätte der erste Schulterschluss zwischen der OPEC und weiteren Produzentenländern wie Russland und Mexiko nach 15 Jahren sein sollen. Weil eine Deckelung aber das derzeitige Überangebot an Öl nicht eingedämmt hätte, wäre es vor allem ein symbolischer Akt gewesen, um den seit 2014 stark gefallenen Erdölpreis psychologisch zu stützen. Aber nicht einmal dazu rang man sich durch. Es obsiegte das politische Kalkül Saudi-Arabiens, den Erzrivalen Iran nicht durch eine Ausnahmeregel profitieren zu lassen.

Grenzen des Kartells

Es könnte aber auch Ökonomie dahinterstehen: Am Erdölmarkt mehren sich die Stimmen, die einen Abbau des Überangebots ab der zweiten Jahreshälfte sehen. Der niedrige Ölpreis lastet derzeit auf den US-Schieferölproduzenten und den Investitionen der Erdölkonzerne. Das Signal einer Deckelung und einer Preiserhöhung wäre deshalb zu früh gekommen.

Die Sicht ist aber nicht unumstritten: Die Öllager sind weltweit noch randvoll gefüllt; hinter der Stärke der Nachfrage steht ein Fragezeichen.

So oder so zeigt das Scheitern der Petro-Staaten dabei, eine Verknappung des Angebots durchzusetzen, eines an: das verstärkte Walten der Marktkräfte. Auch wenn die Macht der OPEC häufig überhöht wird, gilt deren eigentlicher Anführer Saudi-Arabien als Zentralbank der Erdölwelt. Sie sorgte für Ausgleich, wobei langfristig schon bisher der Preismechanismus die Balance zwischen Angebot und Nachfrage regelte.

Mit dem Aufkommen der Förderung von Schieferöl veränderte sich neben dem zusätzlichen Angebot auch die mittelfristige Marktmechanik: Weil die Schieferölproduzenten theoretisch schneller als die konventionellen Förderer auf Preisveränderungen reagieren, werden sie zum Zünglein an der Waage. Es gibt aus der Vergangenheit aber noch keine Erfahrung, ab welchem Preisniveau die Schieferölproduzenten tatsächlich wieder beginnen werden, die Förderung auszuweiten. Dies könnte bei einem Ölpreis von 50 Dollar je Fass der Fall sein.

Für die Konsumenten heißt dies, dass die Preise in nächster Zeit stark schwanken und sich mittelfristig erhöhen dürften: Die Kosten der Schieferölproduktion dürften aber eine Obergrenze bilden. Ein Preis von mehr als 100 Dollar erscheint für längere Zeit unwahrscheinlich. Das ist die gute Botschaft von Doha: Der Erdölmarkt könnte tatsächlich wie ein freier Markt funktionieren.