Walter Bieri / Keystone

Estland und der Alkohol-Tourismus: Hochprozentige Nachbarschaft

von Rudolf Hermann / 05.08.2016

Estlands Regierung frohlockt, dass nach einer Steuererhöhung die Alkoholverkäufe zurückgingen. Doch böse Zungen sagen, die Esten tränken nicht weniger, sondern kauften bloss anderswo ein.

Die estnische Bevölkerung trinkt zu viel harten Alkohol; dieser Ansicht ist zumindest die Regierung in Tallinn. Also hat man die Schraube angezogen, genauer gesagt, die Steuerschraube. Und was passiert – die Alkoholverkäufe in Estland gehen zurück. Nun sonnt sich der Ministerrat im Ergebnis der eigenen Strategie.

Wo jemand Erfolg für sich in Anspruch nimmt, sind in der Regel auch Stimmen der Missgunst nicht weit. In Estland sagen sie, wenn weniger Alkohol verkauft werde, bedeute dies noch lange nicht, dass die Bevölkerung deswegen weniger trinke. Sie kaufe den Alkohol einfach anderswo. In Lettland nämlich, wo die Besteuerung deutlich niedriger sei. Es sei davon auszugehen, dass inzwischen knapp 20% aller in Estland konsumierten Schnäpse beim Nachbarn eingekauft würden. Der Staat lasse sich damit jährlich 15 Mio. bis 20 Mio. € an Konsum- und Mehrwertsteuern durch die Latten gehen. In Lettland hingegen seien die Einnahmen aus der Alkoholsteuer deutlich gestiegen, obwohl dort der Biermarkt rückläufig sei.

Diese Vorwürfe kommen von nicht ganz unbeteiligter Seite: Geäussert wurden sie von der Geschäftsführerin des estnischen Verbands der Alkoholproduzenten und -importeure, Nele Peil. Die Regierung müsse die jüngste Erhöhung der Alkoholsteuer zurücknehmen, sagte Peil. Künftige Anhebungen sollten ausserdem nicht willkürlich, sondern in Einklang mit dem Kaufkraft-Zuwachs der Bevölkerung erfolgen. Davon will Estlands Gesundheitsminister Ossinovski allerdings nichts wissen. Der Regierung gehe es in erster Linie um die Volksgesundheit und erst danach um die Steuereinnahmen. Und der Branchenverband übertreibe den Anteil des Alkohols aus dem grenzüberschreitenden Geschäft; diesen sehe man bei deutlich weniger als 10%.

Aussage gegen Aussage. Unbestritten ist indes, dass Alkohol-Tourismus in Estland Konjunktur hat. Noch mehr, seit direkt an der Hauptstrasse Tallinn–Riga an der Grenze ein Mega-Markt errichtet worden ist. Auch durstige Finnen sollen dort schon gesichtet worden sein.