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Etikettenschwindel mit Bio-Baumwolle

von Franziska Pfister / 26.04.2016

Nur ein Prozent der angepflanzten Baumwolle ist bio. Trotzdem vermarkten Billigketten wie H&M ihre Mode als ökologisch.

Bethanys Beutezug lief hervorragend. 25 Kleidungsstücke hat die junge Amerikanerin gekauft, ihre Stimme überschlägt sich vor Aufregung, während sie alle nacheinander in die Kamera hält. Der Clip dazu wurde auf Youtube 2,5 Millionen Mal aufgerufen. Aber nicht alle ticken wie Bethany und wollen für möglichst wenig Geld möglichst viele Kleider shoppen. In der Schweiz ist ein Markt entstanden für Textilien, bei denen nicht der Preis im Vordergrund steht. Die Artikel sollen länger halten und unter ökologischen und sozialen Auflagen gefertigt sein.

Bio-Kleider findet man längst nicht mehr nur bei Manufakturen und heimischen Luxuslabels, sondern auch bei Billigketten. Von C&A bis Zara bieten sie alle Jahr für Jahr mehr davon. Ihre Bemühungen streichen die Unternehmen in bunten, aufwendig gestalteten Nachhaltigkeitsberichten heraus. Wer sich die Mühe macht, die Zahlen genauer zu studieren, stößt jedoch rasch auf Widersprüche.

Nachfrage überholt Angebot

Mehr als vier Fünftel der weltweit angebauten Baumwolle stammen von gentechnisch veränderten Pflanzen. Nur in Indien gibt es noch größere Plantagen, wo diese gentechfrei und ohne Einsatz von Pestiziden angebaut wird. Bloß ein Prozent der Welternte ist bio – und der Anbau geht gar leicht zurück, berichtet die State of Sustainability Initiative, eine vom Staatssekretariat für Wirtschaft mitfinanzierte Organisation, die Trends in der Landwirtschaft untersucht. Dagegen ist der Markt für Bio-Baumwolle 2014 um 67 Prozent auf 15,7 Milliarden Dollar gewachsen, wie die Branchenorganisation Textile Exchange errechnet hat. Wie geht das zusammen?

Nicht gut, das erkennt auch die Textilbranche. „Wir befinden uns an einem kritischen Punkt, an dem die Nachfrage nach Bio-Baumwolle das Angebot überholt“, meinte C&A bereits 2014 warnend. Und ist damit nicht allein. Für Coop, den Schweizer Marktführer für Bio-Bekleidung, wird es zunehmend schwieriger, die pro Jahr benötigten 1.000 Tonnen gentechfreie, ohne Pestizide angebaute Baumwolle zu beschaffen. „Uns ist ein Rätsel, wo die Bio-Baumwolle für all die nachhaltigen Kollektionen herkommen soll“, sagt Emanuel Büchlin, Einkaufschef für Textilien bei Coop.

Die Erklärung liegt im Begriff „nachhaltig“, einer Worthülse, die viel Raum lässt für Pragmatismus. Im Falle eines Gesetzes würde man von einem Gummiparagrafen sprechen. Exemplarisch zeigt sich das bei den Branchengrößen H&M oder Zaras Mutterhaus Inditex. Beide gehören der Better Cotton Initiative an, die sich für umweltschonenden Baumwollanbau einsetzt. Allerdings werden sowohl Gentechnik wie Pestizide toleriert, und die Weiterverarbeitung des Stoffs, das Weben und Nähen, bleiben auch außen vor. „Die Better Cotton Initiative hat nichts mit Bio-Baumwolle zu tun“, sagt der Coop-Manager.

Nicht bei allen Bio-Labels ist also Bio drin. Oder zumindest nicht ausschließlich. Inditex verkaufte 2014 gut 10 Millionen Textilien aus zertifizierter Bio-Baumwolle. Doch knapp der Hälfte dieser Kleidungsstücke waren 50 bis 95 Prozent konventionelle Baumwolle oder synthetische Fasern beigemischt.

H&M verwendet die gleichen Labels (jene von Organic Exchange). Zahlen dazu, wie viele Bio-Artikel über die Theke gingen und wie sich das Rohmaterial zusammengesetzt hat, finden sich im umfangreichen Nachhaltigkeitsbericht der Schweden nicht. Sie geben nur das vage Versprechen, bis 2020 sämtliche Baumwolle aus „nachhaltigeren Quellen“ beziehen zu wollen. Dazu zählt die Kette auch wiederverwertete Altkleider. 2015 seien mehr als 1 Million Kleider genäht worden, die mindestens 20 Prozent rezyklierte Baumwolle enthalten hätten.

H&M ist nicht das einzige Modehaus, das in seinen Filialen Altkleider zurücknimmt. Die Clean-Clothes-Kampagne wertet das jedoch als reine PR-Aktion. Da die Kunden Einkaufsgutscheine erhielten, kurble das Sammeln das Geschäftsprinzip von Fast Fashion nur weiter an. „Und das ist das Gegenteil von nachhaltig“, sagt Christa Luginbühl, Koordinatorin der Kampagne in der Schweiz.

Reines Marketinginstrument

Ein hartes Urteil kommt auch von überraschender Seite. „Bio-Baumwolle ist ein reines Marketinginstrument der Händler, um die Kunden zu täuschen“, sagt ein hochrangiger Manager eines Agrarchemiekonzerns. Gentech-Baumwolle sei so weit verbreitet, dass ein breit abgestützter Widerstand der Konsumenten nötig wäre, um hier das Rad zurückzudrehen. Ausserdem müsse eine grosse Masse an Kunden bereit sei, einen Aufpreis für Bio-Qualität zu zahlen. Und an dieser Front tue sich wenig.

„Über die ganze Welt betrachtet, sind Bio-Textilien kaum ein Bedürfnis“, sagt auch Thomas Boller, Chef von Schlossberg. Die Schweizer Edelmarke für Bett- und Frotteewäsche fertigt eine Bio-Frottierkollektion und gehört zu einer kleinen Gruppe von Händlern, die es ernst meinen mit Bio. Die meisten bieten zwar nicht das ganze Sortiment in Bio an, sondern eben nur eine Kollektion. Eine Ausnahme ist hier C&A. Die Deutschen stechen unter den Billigketten heraus, weil 40% ihrer Baumwollartikel 2014 komplett aus zertifizierter Bio-Baumwolle stammten. Und weil sie ihre Einkaufspolitik transparent dokumentieren.

C&A wie Schlossberg haben die strengsten verfügbaren Bio-Richtlinien des „Global Organic Textile Standard“ (GOTS) gewählt. Vom Rohmaterial über die Farben bis hin zum Abwasser und zum Umgang mit Arbeitern bestehen harte Vorgaben. Unabhängige Prüfer besuchen Bauern, Spinnerei, Weberei und Färberei. Sie machen chemische Analysen und schauen die Arbeitsverträge an. „Der Aufpreis für die Rohbaumwolle fällt weniger ins Gewicht als der Mehraufwand in der ganzen Produktionskette“, sagt Boller.

Diesem Prozedere mag sich nur eine Handvoll Schweizer Firmen unterziehen. Den Grund dafür vermutet der Schlossberg-Chef eben im großen Aufwand. Denn der Spielraum für höhere Preise ist beschränkt. Ein Frotteetuch in Bio-Qualität dürfe höchstens 15 Prozent teurer sein als ein konventionelles, sonst werde es nicht gekauft, sagt er.

Nach einem anderen, aber vergleichbar strengen Zertifikat arbeitet Coop. Die Basler nahmen schon 1995 Bio-Textilien ins Sortiment und machten sie einem breiten Publikum zugänglich. Anfangs habe man die Kollektion subventioniert, um sie anzuschieben, sagt der Einkaufschef. Mittlerweile sei die Naturaline profitabel, bis in fünf Jahren will der Großverteiler damit 100 Millionen Franken umsetzen.

Das entspricht einem Prozent des Schweizer Textilmarkts. Von einer Bio-Bewegung ist also auch hierzulande noch wenig zu spüren. „Ein Bio-Frotteetuch fühlt sich nicht anders an als ein gewöhnliches. Am Schluss ist es eine Frage der Haltung, ob man es kauft“, sagt der Schlossberg-Chef.