Konjunktur

Euro-Zone: Wachstum im zweiten Quartal halbiert

von René Höltschi / 29.07.2016

Gleich drei konjunkturelle Schlüsseldaten hat das EU-Statistikamt Eurostat am Freitag veröffentlicht. Sie bestätigen für den Euro-Raum das Bild eines verhaltenen Wachstums bei sehr geringer Inflation. Mit Blick auf die Zukunft sorgt das Brexit-Votum für Unsicherheit.

Das Wirtschaftswachstum in Europa hat schon vor dem Brexit-Votum der Briten an Dampf verloren. Dies belegen erste Schätzungen, die das EU-Statistikamt Eurostat am Freitag vorgelegt hat. Danach hat sich das reale Wachstum des Bruttoinlandprodukts (BIP) gegenüber dem Vorquartal im Euro-Raum von 0,6% im ersten Vierteljahr auf 0,3% im zweiten Quartal halbiert. In der ganzen EU (EU-28) ging es im selben Zeitraum von 0,5% auf 0,4% zurück. Im Vergleich zum zweiten Quartal 2015 wuchs das BIP im Berichtsquartal in der Euro-Zone um 1,6% und in der EU-28 um 1,8%.

Frankreich enttäuscht

Ökonomen waren schon länger von einer Abschwächung in der Periode April bis Juni ausgegangen. Zum einen verwiesen sie auf eine Verschlechterung der externen Bedingungen, da unter anderem die günstigen Einflüsse des schwachen Euro und tiefer Ölpreise nachlassen. Zum andern war das überdurchschnittliche Wachstum im ersten Quartal zum Teil auf Sonderfaktoren wie den für die Bauwirtschaft günstigen milden Winter zurückzuführen.

Daten zu den einzelnen Mitgliedstaaten oder zu den BIP-Komponenten wird Eurostat erst später publizieren. Laut ersten nationalen Angaben ist das BIP im Berichtsquartal gegenüber dem Vorquartal in Frankreich unverändert geblieben und in Spanien um 0,7% gestiegen. Als zweitgrösste Volkswirtschaft der Euro-Zone hatte Frankreich im ersten Vierteljahr mit einem BIP-Wachstum von 0,7% den Währungsraum gestützt. Nun hat sich das Blatt gedreht und seine überraschende Stagnation, zu der eine Streikwelle beigetragen dürfte, hat die Euro-Zone belastet.

Inflation steigt auf 0,2%

Weiterhin gering bleibt derweil die Teuerung. Laut einer gleichentags veröffentlichten Eurostat-Schätzung ist die jährliche Inflationsrate gemessen an den Konsumentenpreisen von 0,1% im Juni auf 0,2% im Juli gestiegen. Nach negativen Werten in den Monaten Mai und April ist sie seit Juni wieder im positiven Bereich. Sie bleibt aber weit unter dem Wert von „unter, aber nahe 2%“, den die Europäische Zentralbank (EZB) mittelfristig als Durchschnitt anstrebt.

Den Hauptgrund für die geringe Inflation bilden weiterhin die Energiepreise. Sie lagen im Juli um 6,6 (Juni: 6,4)% unter dem Wert desselben Vorjahresmonats. Die Preise für Industriegüter ohne Energie legten im Jahresvergleich um 0,4% zu, jene für Dienstleistungen um 1,2%. Die Kernteuerung, die die volatilen Preise für Energie, Nahrungsmittel, Alkohol und Tabak ausblendet und deshalb für die mittelfristige Entwicklung aussagekräftiger ist, blieb im Juli gegenüber dem Vormonat unverändert bei 0,9%.

Arbeitslosenquote unverändert

Solange das Wachstum nicht kräftiger ausfällt und strukturelle Schwächen nicht beherzter angegangen werden, dürfte sich auch die Lage an den Arbeitsmärkten nur langsam verbessern. Im Juni ist die saisonbereinigte Arbeitslosenquote laut weiteren am Freitag publizierten Eurostat-Daten im Euro-Raum mit 10,1% gegenüber Mai unverändert geblieben. Das ist zwar der tiefste Wert seit Juli 2011, aber er liegt noch immer weit über den 2008 kurz vor Ausbruch der Finanzkrise erzielten Quoten von gut 7%. In der EU-28 verharrte die Arbeitslosenquote im Juni mit 8,6% ebenfalls auf demselben Niveau wie im Vormonat. Ein Jahr zuvor, im Juni 2015, hatte die Quote noch 11,0% in der Euro-Zone und 9,5% in der ganzen EU betragen.

Die EU-weit tiefsten Arbeitslosenquoten verzeichneten im Berichtsmonat Malta mit 4,0%, Tschechien mit 4,1% und Deutschland mit 4,2%. An der Spitze lag erneut Griechenland mit 23,3% (April, keine neueren Daten verfügbar), gefolgt von Spanien mit 19,9%. Frankreich verzeichnete eine Arbeitslosenquote von 9,9%, Italien eine solche von 11,6%.

Ungewisse Folgen des Brexit

Da das Brexit-Referendum am 23. Juni stattgefunden hat, konnte dessen Ausgang die Quartalsdaten für das BIP kaum mehr beeinflussen. Viele Ökonomen gehen indessen für die Zukunft von einer wachstumsdämpfenden Wirkung nicht nur in Grossbritannien, sondern in geringerem Ausmass in ganz Europa aus. Die EU-Kommission hat kürzlich eine erste Einschätzung hierzu veröffentlicht. Danach könnte das BIP-Wachstum im Euro-Raum je nach Szenarium im laufenden Jahr 1,5% bis 1,6% und im nächsten Jahr 1,3% bis 1,5% betragen. Demgegenüber hätten die letzten vor dem britischen Referendum erhältlichen Daten auf eine Wachstumsrate von je 1,7% in beiden Jahren hingedeutet, hielt sie fest. Bisher sind allerdings ausserhalb Grossbritanniens wenige konkrete Wirkungen zu spüren. So hat ein am Donnerstag von der EU-Kommission veröffentlichter Indikator für das Geschäftsklima eine überraschende Aufhellung im Juli belegt.