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Konjunktur

Europa driftet auseinander

von Nicole Rütti / 27.01.2016

Die wirtschaftliche Schere hat sich in Europa weiter geöffnet. Das sind keine guten Aussichten für die EU, die bereits aufgrund der Flüchtlingskrise vor einer Bewährungsprobe steht.

Börsenturbulenzen, die Abschwächung Chinas, der Einbruch der Rohstoffpreise und die damit einhergehende Wachstumsverlangsamung in den Schwellenländern sowie des Welthandels: Die Aussichten, dass die europäische Wirtschaft endlich zu einem deutlichen Aufschwung ansetzen wird, stehen erneut schlecht. Hinzu kommt die Flüchtlingsproblematik, die zwar kurzfristig das Wachstum in einigen Ländern wie Deutschland leicht ankurbeln, aber auch die Staatsbudgets zusätzlich belasten dürfte. Gleichzeitig setzt sie die EU einer weiteren Bewährungsprobe aus, was nicht dazu angetan ist, das eingetrübte Investitionsklima zu verbessern.

Zwischen den vier großen Ländern Europas gibt es jedoch enorme Unterschiede: Während Deutschland die Wirtschaftskrise bereits 2011 überwunden hat und in den vergangenen Jahren einen soliden Konjunkturgang verzeichnete, liegt die Wertschöpfung Italiens immer noch fast zehn Prozent unter dem Niveau des Jahres 2008. Ähnlich groß ist die Divergenz mit Blick auf die öffentliche Verschuldung oder den Arbeitsmarkt, wo Deutschland mit einer Arbeitslosenquote von 4,5 Prozent wiederum als Musterknabe gilt. In Italien und in Frankreich fällt sie mehr als doppelt so hoch aus. Dass die Kluft selbst bei denjenigen Ländern, die den „harten Kern“ der EU bilden, dermassen groß ist und dass die Schere sich in den vergangenen Jahren weiter geöffnet hat, lässt einmal mehr Zweifel an der langfristigen Stabilität der Wirtschafts- und Währungsunion aufkommen.

Die Probleme Italiens sowie Frankreichs hängen dabei nicht in erster Linie mit dem garstigen wirtschaftlichen Umfeld zusammen. Die Probleme sind vielmehr hausgemacht. So versucht man in Frankreich vergebens, den darbenden Arbeitsmarkt, der ein paar Amputationen (etwa der 35-Stunden-Woche) dringend benötigen würde, mit ein paar homöopathischen Heiltropfen zu kurieren. Und Italien befindet sich nach drei Jahren Rezession zwar wieder auf dem Erholungspfad. Doch für einen anhaltenden Aufschwung reichen die von Matteo Renzi eingeleiteten Reformen nicht aus. Fast nirgendwo im Euro-Raum ist es so kostspielig und schwierig, eine Firma zu gründen, und auch die exzessiv hohen Unternehmenssteuern, Korruption und Bürokratie hemmen die italienische Volkswirtschaft. Abgesehen von Deutschland richten sich die Hoffnungen der Konjunkturauguren deshalb nun ausgerechnet auf Großbritannien, das der EU bekanntlich am liebsten den Rücken kehren würde.