Umbruch in der Finanzbranche

Europas Banken auf hartem Sparkurs

von Thomas Schürpf / 06.10.2016

Europäische Banken kommen durch Niedrigzinsen, Milliardenstrafen und den Umbruch in der Branche unter Druck. Vielen steht ein harter Sparkurs bevor. Zehntausende Stellen sind schon weg und weitere in Gefahr. Ein Überblick.

Reihum haben europäische Banken in den vergangenen Tagen scharfe Einschnitte beim Personal angekündigt. Gemäss einer Übersicht der Agentur Bloomberg stehen gegen 40.000 Arbeitsplätze vor dem Aus.

Besonders tief in der Krise stecken Deutschlands Grossbanken. Um im garstigen Umfeld überhaupt Geld zu verdienen, treten sie kräftig auf die Kostenbremse. Die Commerzbank steht vor einem eigentlichen Kahlschlag und streicht jeden fünften Job. 9600 von 45.000 Stellen gehen in den nächsten Jahren verloren. Auch die Nummer eins in Deutschland, die Deutsche Bank, steckt in einer ungemütlichen Lage. Sie verdient kaum Geld und muss zusätzliches Kapital aufnehmen, um die Kapitalbasis zu stärken. Dazu kommt eine angedrohte Busse in den USA von mehreren Milliarden. Die Deutsche Bank will im Rahmen eines Umbaus, der schon vor einem Jahr angekündigt wurde, rund 9000 Stellen streichen, das sind rund 9% aller Mitarbeiter.

Nicht nur in Deutschland

Vor einem markanten Abbau steht auch der Finanzkonzern ING. Die Niederländer kündigten am Montag über die nächsten 5 Jahre einen Abbau von 5800 Arbeitsplätzen an. Das Unternehmen will sich vermehrt auf Internet- und mobiles Banking konzentrieren und die Systeme verstärkt automatisieren. Der grösste niederländische Konkurrent, ABN Amro, hatte zuvor schon die Streichung von bis zu 1375 Arbeitsplätzen bis zum Jahr 2020 vorausgesagt.

Wenige Tage zuvor hatte der spanische Banco Popular Español drastische Stellenstreichungen in Aussicht gestellt. Die Spanier planen den Abbau von bis zu 3000 Jobs, was rund einem Fünftel der gesamten Belegschaft entspricht.

Britischer Kahlschlag

In Grossbritannien will sich die HSBC ebenfalls deutlich verschlanken. Die Bank setzt den Fokus noch stärker auf die Wachstumsregionen in Asien. Dabei sollen in den nächsten Jahren rund 50.000 Stellen gestrichen werden. Beim britischen Konkurrenten Barclays ist jeder zehnte Arbeitsplatz ist vom Abbau betroffen. Das Unternehmen trennt sich gemäss einer Mitteilung von Mitte September von insgesamt 13.600 Angestellten, Vertrags-Mitarbeitern und Temporärmitarbeitern.

Widersprüchliche Schweizer Signale

In der Schweiz ist sind in den vergangenen Wochen keine neuen Abbaupläne mehr angekündigt worden. Gemäss einer Umfrage des Arbeitgeberverbandes dürfte im Inland die grosse Sparrunde ausbleiben. Die Signale sind allerdings widersprüchlich. Anders als der Arbeitgeberverband hatte die Schweizerische Bankiervereinigung vor einem Monat einen massiven Rückgang des Banken-Personalbestandes im ersten Halbjahr 2016 bekanntgegeben: 3454 Stellen sollen seit Anfang 2016 verloren gegangen sein. Die Credit Suisse hatte im Rahmen ihres Umbaus bereits früher die Streichung von weltweit 6000 Stellen bis Ende 2016 angekündigt. Betroffen sind hauptsächlich Standorte in New York und London. In der Schweiz sollen bis 2018 rund 1600 Stellen abgebaut werden.

Vorboten neuer Sparrunden

Die Ankündigungen sind wohl Vorboten neuer Runde von Stellenstreichungen bei europäischen Banken. Seit der globalen Finanzkrise und dem Staatsschuldendebakel europäischer Regionen kämpfen die Finanzkonzerne um eine Verbesserung der Profitabilität. „Die Banken haben mit hohen regulatorischen Kosten und wegen des Niedrigzinsumfelds mit Wettbewerb bei Margen und Preisen zu kämpfen“, sagte Karim Bertoni, Fondsmanager bei Bellevue Asset Management in der Schweiz, gegenüber der Nachrichtenagentur Bloomberg. Die Unternehmen versuchten, die Kosten zu senken – und Angestellte seien einer der grössten Teile davon.

Starke Schrumpfung erwartet

Auch der Internationale Währungsfonds (IMF) geht davon aus, dass der europäische Bankensektor noch stark schrumpfen muss. Gemäss einer am Mittwoch publizierten Analyse von mehr als 280 Banken, die zusammen rund 70% der Bankensysteme in den USA und in Europa ausmachen, ist rund ein Drittel zu schwach.

Auch an den Börsen schrumpft die Bedeutung der Finanzbranche. Der Wert von Finanzunternehmen ist im laufenden Jahr um 280 Mrd. $ gesunken. Sie stehen jetzt hinter rund 11% des Stoxx-Europe-600-Index. Das ist ein historisch niedriger Wert. Noch vor einem Jahrzehnt hatte ihr Anteil bei 23% gelegen.

Insgesamt ist die Anzahl der Mitarbeiter bei 26 europäischen Banken bereits seit Ende 2007 um mehr als 150.000 auf 2,1 Mio. gefallen. Das geht aus Daten von Bloomberg vom Mai hervor.