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Finanzstabilität

Europas Banken verlieren den Anschluss

von Martin Lanz / 14.04.2016

Unter den europäischen Finanzinstituten gibt es viele Auslaufmodelle, meint der IWF. Und in China wächst der Berg an schwer zu bedienenden Schulden.

Am Dienstag hat der Währungsfonds ein schwaches Weltwirtschaftswachstum vorausgesagt und eine ganze Reihe von Negativ-Risiken aufgezählt. Am Mittwoch hat er in seinem halbjährlichen Finanzstabilitätsbericht nachgedoppelt: Die Finanzierungsbedingungen hätten sich weltweit verschärft und der Risikoappetit der Anleger sei gesunken, während das Kreditrisiko steige und die Sanierung der Bilanzen von Finanzinstituten stocke. Das Risiko einer andauernden wirtschaftlichen und finanziellen Stagnation habe deshalb zugenommen, warnten die IWF-Experten.

Aufruf zum Abbau

José Viñals, der für den Bericht verantwortlich zeichnet, forderte vor diesem Hintergrund einmal mehr, dass die Industrieländer ihre Altlasten im Bankensektor endlich resolut angehen. Die Finanzinstitute seien zwar sicherer geworden, aber sie täten sich schwer, mit der Nach-Krisen-Realität zurechtzukommen. Die Geschäftsmodelle vieler Banken seien bis jetzt nicht ausreichend angepasst worden. Der IWF schätzt, dass eine Gruppe von Banken mit einem Marktanteil von rund 15 Prozent besonders unter Druck ist. Eine zweite Gruppe mit einem Marktanteil von 25 Prozent stehe zudem auf dem Prüfstand.

Welche Banken konkret gemeint sind, sagt der IWF freilich nicht. Im Bericht enthalten ist aber eine aufschlussreiche Liste von Indikatoren der Rentabilität und Kapitalstärke von Industrieländer-Banken. Dabei fällt auf, dass europäische Banken eine strukturell niedrige Rendite (Return on Assets, RoA) von 0,25 bis 0,5 Prozent aufweisen, verglichen mit rund einem Prozent bei den US-Banken. Die Europäischen Investment-Banken, zu denen der IWF auch die UBS und die Credit Suisse zählt, kommen dabei besonders schlecht weg. Unter diesen wiederum fallen vor allem die Deutsche Bank und die Credit Suisse negativ auf.

Für den IWF ist deshalb klar, dass es im europäischen Bankensektor zu viele faule Kredite und Überkapazitäten gibt, die besser früher als später abgebaut würden. Europa müsse auch seine „Bankenunion“ vervollständigen und eine gemeinsame Einlagensicherung einrichten.

Gefordertes China

Eine zweite Hauptherausforderung sieht Viñals in den Schwellenländern. Hier ist es allerdings der Unternehmenssektor, vor allem in Rohstoff-exportierenden Ländern, von dem wegen hohen Fremdwährungsschulden bedeutende Risiken ausgehen. Bezüglich China anerkennt der Bericht, dass das Reich der Mitte derzeit eine komplexe Transition hin zu langsamerem und ausgeglichenerem Wirtschaftswachstum und einem marktorientierten Finanzsystem durchlaufe. Trotz Fortschritten in diesem Prozess verschlechtere sich aber die Gesundheit der Firmen wegen der Wachstumsverlangsamung und der sinkenden Rentabilität.

Das führe zu einer steigenden Zahl von Unternehmen, die nicht genug verdienten, um ihre Schulden zu bedienen. Von den Schulden börsenkotierter chinesischer Firmen seien inzwischen 14 Prozent „im Risiko“, mehr als drei Mal so viel wie 2010. Die Probleme im Unternehmenssektor belasten auch die Banken. So schätzt der IWF, dass in China Bankkredite im Umfang von fast 1,3 Bio. Dollar risikobehaftet sind. Das könnte am Ende zu immensen Bank-Verlusten von rund sieben Prozent der chinesischen Wirtschaftsleistung führen. China habe es aber dank seiner Wirtschaftskraft in der Hand, das Problem zu kontrollieren, wenn der Schuldenüberhang bei den Firmen angegangen, die Banken gestärkt und die Aufsicht intensiviert würden, meinen die IWF-Experten.

Grenzen der Geldpolitik

Der Finanzstabiliätsbericht endet mit der Forderung nach potenten wirtschaftspolitischen Maßnahmen, die sich nicht allein auf die Geldpolitik verlassen. Die Geldpolitik bleibe zwar zentral, aber alleine könne sie es nicht richten. Damit spricht der IWF auch das Experiment mit den Negativzinsen an. Zwar sei die bisherige Erfahrung positiv, weil daraus ein zusätzlicher Stimulus resultiere, hielt Viñals in einem bereits am Sonntag veröffentlichten Blog-Beitrag fest. Es scheine aber Grenzen zu geben, wie weit und wie lange man mit negativen Leitzinsen gehen könne. Die Öffentlichkeit könnte Negativzinsen mit zunehmender Dauer als Steuer wahrnehmen, was dem Instrument die Wirksamkeit nehmen würde, heißt es in dem Beitrag.