Europas Deflationsgespenst, der fallende Euro und das Ölfass ohne Boden

von Lukas Sustala / 07.01.2015

Die Teuerungsrate in der Eurozone ist im Dezember in den negativen Bereich abgerutscht und mit ihm der Euro und der Ölpreis. Dieser Walkthrough bietet einen kurzen Überblick über die aktuell wichtigsten und/oder spannendsten Geschichten, die sich im Phänomen Geld ereignen. Viel Spaß beim Lesen.

Das Deflationsgespenst spukt in der Eurozone. Die Teuerungsrate im europäischen Währungsraum ist zum ersten Mal seit den Untiefen der Finanzkrise wieder negativ, sie ist um 0,2 Prozent im Jahresvergleich gefallen.

Es ist DIE Schlagzeile von Finanzmedien am Mittwoch und sie wird – besonders im angelsächsischen Raum – gleich mit einer Schlussfolgerung verknüpft. Die Europäische Zentralbank als Hüterin über die Preisstabilität wird bei ihrem Treffen am 22. Jänner verkünden, dass sie in großem Stile Staatsanleihen kauft.

Bankökonomen haben am Mittwoch in Scharen ihre Erwartung revidiert. Von der Unicredit bis zu Goldman Sachs rechnen Investoren mit Staatsanleihenankäufen beim nächsten Treffen. Um diese Frage wird es daher wohl auch beim NZZ-Clubabend mit OeNB-Gouverneur Ewald Nowotny am kommenden Montag gehen.

Warum aber kann die EZB verhindern wollen, dass die europäischen Konsumenten von fallenden Energiepreisen profitieren und sich real nach Jahren fallender oder stagnierender Einkommen reicher fühlen? Ökonomen argumentieren mit zwei Gefahren: Erwartungen und Schulden. Wenn immer mehr Konsumenten mit fallenden Preisen rechnen, dann glauben sie nicht mehr daran, dass die EZB ihr Mandat (Inflation von weniger aber nahe zwei Prozent) erfüllen wird.

Ein wichtiger Grund sind aber wohl auch die Staatsschulden. So haben die Volkswirte von Capital Economics folgende Grafik am Mittwoch an ihre Kunden geschickt. Sie zeigt, wie sich die italienischen Staatsschulden in verschiedenen Inflationsszenarien entwickeln, und zwar relativ zur Wirtschaftsleistung. Eine extrem niedrige Inflation oder gar fallende Preise sind wie eine zusätzliche Bürde für Schuldner, denn die reale Schuldenlast nimmt zu.

Die Staatsschulden Italiens in verschiedenen Inflationsszenarien
Die Staatsschulden Italiens in verschiedenen Inflationsszenarien
Schulden in Prozent der Wirtschaftsleistung

Es ist übrigens nicht so, als würden alle Volkswirte Angst vor anhaltender Deflation in Europa haben.

Der Euro taucht mit der Teuerung ab. Die niedrige Inflation kommt zu den Sorgen um einen möglichen Euro-Austritt Griechenland dazu. Die Gemeinschaftswährung hat am Mittwoch einen weiteren Tauchgang gegen den US-Dollar unternommen und zeitweise an der Marke von 1,18 gekratzt (finance.yahoo.com).

Öl rutscht weiter ab. Es ist klar, dass vom Ölpreis auf absehbare Zeit keine inflationäre Wirkung kommt. Am Mittwoch hat ein Fass der Marke Brent zeitweise nur noch 50 Dollar gekostet. Das ist für die Inflation eine klare Indikation. Es wird weiter nach unten gehen. Der Zusammenhang zwischen dem Ölpreis am Weltmarkt und der Energiepreisinflation in der Eurozone ist eindeutig. Die jährliche Teuerung der Energiekomponente ist zuletzt auf 6,3 Prozent gefallen. Als sich der der Ölpreis das letzte Mal halbierte (2009) sind die Energiepreise für Europas Konsumenten um 14,4 Prozent gefallen.

Der tiefe Ölpreis lässt dabei niemanden kalt. Bloomberg hat einen tollen Überblick darüber, wem ein Ölpreis von 50 Dollar oder weniger schadet.

Unbeliebt und unübertroffen. Der Hedgefondsmanager Bill Ackman hatte 2014 – als er mit feindlichen Übernahmen und Aktivismus für Schlagzeilen sorgte – finanziell ein tolles Jahr.

In Russland rumpelt es kräftig, auch für Raiffeisen. Der Rubel ist am Mittwoch mit dem Ölpreis wieder abgerutscht. Die Raiffeisen Bank International hat am Montag angekündigt, dass die Osteuropabank ihre Russlandplanung überarbeitet, mögliche Firmenwertabschreibung inklusive. Seitdem ist die RBI-Aktie um knapp 12 Prozent gefallen.