Christoph Fischer

Braindrain aus Moskau

Exilrusse wird Chefökonom der Entwicklungsbank

von Gerald Hosp / 24.05.2016

Der brillante russische Wirtschaftswissenschafter Sergei Guriew wird im September der neue Chefökonom der Entwicklungsbank EBRD. In Moskau stieß die Ernennung nicht nur auf Gegenliebe.

Die Londoner Zentrale der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) gleicht zur Jahrestagung einem Bienenhaus. Wortfetzen in Russisch mischen sich mit arabischem Erstaunen, englischen Höflichkeiten, serbischen Fragen und polnischen Antworten. In dieser Aufgeregtheit wirkt ein Mann wie die Ruhe selbst: Sergei Guriew ist mittendrin, aber noch nicht ganz dabei. Der 44-jährige Russe wird im September das Amt des Chefökonomen der „Osteuropabank“ antreten. An der Pressekonferenz der Ökonomen der EBRD nimmt er als Zuhörer teil.

Im liberalen Establishment

Die Personalie ist mutig für eine Institution, die sonst wenig aneckt. Die EBRD wurde gegründet, um die exkommunistischen Staaten beim Übergang zu Marktwirtschaft und Demokratie finanziell zu unterstützen. Sie sollte nur in jenen Ländern aktiv sein, die sich der Entwicklung einer Mehrparteiendemokratie verschrieben haben. Das Institut hält aber auch in autokratisch regierten Ländern wie Turkmenistan die Stellung.

Mit Guriew hat die EBRD jedoch einen der führenden liberalen Ökonomen Russlands ins Boot geholt, der im April 2013 ins Exil nach Paris geflohen war, weil er sich in seiner Heimat nicht mehr sicher fühlte. Guriew, der die Wirtschaftspolitik des Kremls kritisierte, war von Sicherheitsbehörden, die direkt dem russischen Präsidenten Wladimir Putin unterstellt sind, im Zuge eines Verfahrens gegen den früheren Erdölmagnaten Michail Chodorkowski drangsaliert worden. In Paris lebte bereits seine Familie. Seine Frau Jekaterina Schurawskaja ist ebenfalls eine bekannte russische Ökonomin.

Die im Herbst 2015 erfolgte Ernennung Guriews dürfte das Verhältnis zwischen dem Kreml und der EBRD belastet haben, auch wenn in der Bank betont wird, man habe Guriew wegen seiner unbestrittenen Fachkompetenz gewählt. Wegen der Ukraine-Krise investiert das Institut seit Sommer 2014 nicht mehr in neue Projekte in Russland, dem ehemals wichtigsten Operationsland.

Guriew sagt, dass andere beurteilen müssten, ob er ein Symbol sei. Mit feiner Ironie berichtet er, dass Putin ihn zwei Monate vor seiner Ernennung bei der EBRD als qualifizierten Ökonomen bezeichnet habe. Putin habe ihn in Russland willkommen geheißen. Darüber sei er froh, meint der Ökonom. Es gebe derzeit keine rechtlichen Hindernisse, nach Russland zu reisen und es wieder zu verlassen. In nächster Zeit beabsichtigt er dennoch nicht, in sein Heimatland zu reisen. Als Chefökonom der EBRD werde er dies wohl einmal tun müssen.

Vor seinem selbstgewählten Exil war Guriew fest in den liberalen Ecken der russischen Macht etabliert, was die Flucht umso drastischer erscheinen lässt. Neben seiner akademischen Tätigkeit beriet er auch den früheren Präsidenten und jetzigen Regierungschef Dmitri Medwedew, der mit mäßigem Erfolg die Modernisierung der russischen Wirtschaft propagierte. Guriew saß unter anderem auch im Verwaltungsrat des staatlichen Finanzinstituts Sberbank, das vom Reformer German Gref geleitet wird. Als Rektor der Moskauer New Economic School baute er ein weltweit anerkanntes Institut auf.

Nichts ist unmöglich

Der Werdegang des ethnischen Osseten spiegelt Entwicklungspfade und Brüche in der Sowjetunion und in Russland: Guriew wuchs in Wladikawkas, der Hauptstadt Nordossetiens, und in Kiew auf, wo er eine auf Mathematik spezialisierte Schule besuchte. Das Fach war in der Sowjetunion hoch angesehen. So musste er als Student des Moskauer Instituts für Physik und Technologie keinen sonst obligatorischen Militärdienst leisten. In den 1990er Jahren, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, interessierte er sich immer mehr für Ökonomie, was ihn auch zu einem Aufenthalt am MIT in Boston führte.

Guriew klingt in seiner neuen Rolle weniger scharf in seiner Analyse Russlands als früher, die Stoßrichtung ist aber dieselbe. Die russische Wirtschaft litt bereits vor den westlichen Sanktionen wegen der Ukraine-Krise und dem Zerfall des Erdölpreises unter altbekannten Strukturproblemen. Die Rezession hat zu keiner Veränderungsbereitschaft geführt, auch wenn unter dem liberalen Ex-Finanzminister Kudrin eine Reformagenda zusammengestellt werden soll. Die Investoren wollten aber Taten, nicht Worte, meint Guriew in seiner ruhigen Art. Ist Putin überhaupt zu Reformen bereit? Nichts sei unmöglich, antwortet er trocken und erinnert an die Wachstumspolitik Putins zu Beginn der 2000er Jahre. Auf lange Sicht sei er für Russland optimistisch: Das Land verfüge über Rohstoffe, Infrastruktur und eine gut ausgebildete Bevölkerung.

Auch wenn es Guriew nicht so sehen will: Seine Biografie ist ein Symbol für den derzeit rückwärtsgewandten, repressiven Weg des Kremls, der die Zukunftschancen Russlands mindert.