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Arbeitsmarkt Tschechien

Fachkräfte verzweifelt gesucht

von Matthias Benz / 27.09.2016

Tschechien weist eine der niedrigsten Arbeitslosenquoten in der EU auf. Über das Thema Fachkräftemangel wird heiss diskutiert. Firmen greifen auch zu unkonventionellen Lösungen.

Tschechien ist in diesem Jahr Europameister geworden – nicht im Fussball, sondern was die Arbeitslosigkeit betrifft. Im Frühjahr wies das mitteleuropäische Land erstmals die niedrigste Arbeitslosenquote in der EU auf. Gemäss den Eurostat-Zahlen rangierte man mit einer Quote von 4% noch vor Deutschland. Derzeit liegt man ungefähr gleichauf. Das ist in der Tat ein bemerkenswerter Erfolg. In einigen Teilen des Landes wie der Hauptstadt Prag herrscht praktisch Vollbeschäftigung. Viele Firmen suchen händeringend nach Personal. Die Arbeitnehmer profitieren von steigenden Löhnen.

Abwerben vom Nachbarn

Der Ökonom Daniel Münich vom renommierten Prager Forschungszentrum Cerge will die gute Lage am Arbeitsmarkt nicht kleinreden. Er verweist lediglich darauf, dass die tatsächliche Arbeitslosenquote höher liege. Ziehe man nicht Befragungen wie Eurostat, sondern die Zahl registrierter Arbeitsloser heran, betrage die Quote in Tschechien derzeit rund 6%. Auch gebe es in strukturschwachen Regionen wie im Norden und im Osten des Landes durchaus Probleme mit Arbeitslosigkeit.

Aber insgesamt laufe es gut am Arbeitsmarkt, bestätigt Münich. Tschechien hat auch nach dem Fall des Eisernen Vorhangs nie eine ausgeprägte Arbeitslosigkeit gehabt. Dazu trugen eine intakte Industriebasis, eine gut ausgebildete Bevölkerung, die Nähe zu Deutschland und richtige wirtschaftspolitische Weichenstellungen bei. In den letzten zwei Jahren hat darüber hinaus ein starkes Wirtschaftswachstum – 4,2% im Jahr 2015 – die Arbeitslosenquote deutlich sinken lassen.

Der Boom führt nun zu Problemen. Die Firmen in Tschechien klagen über einen Fachkräftemangel – ähnlich, wie es Unternehmen in Deutschland, Österreich oder der Schweiz tun. Der Fachkräftemangel sei derzeit das grösste Problem der Firmen, heisst es beim tschechischen Industrieverband in Prag. Über 100 000 offene Stellen liessen sich nicht besetzen. Man sucht Personal vom Lkw-Fahrer bis zum IT-Ingenieur und steht dabei im regionalen Wettbewerb. Deutsche Firmen versuchten Arbeitskräfte aus Tschechien abzuwerben, heisst es, tschechische Unternehmen wiederum schauten sich in der benachbarten Slowakei um. Dort klagt man aber auch bereits über einen Fachkräftemangel. Das Gleiche gilt zunehmend für die anderen Visegrad-Länder Ungarn und Polen.

Personal aus dem Gefängnis

Beim Industrieverband unterstreicht man den Ernst der Lage mit drastischen Beispielen. Tschechische Firmen greifen auch zu unkonventionellen Methoden. So bemühen sich offensichtlich zahlreiche Betriebe, Gefängnisinsassen als Arbeitskräfte zu gewinnen. Der Autozulieferer TI Automotive etwa beschäftigt 55 Häftlinge aus einer nahe gelegenen Anstalt. Andere Firmen holen Arbeitskräfte aus 50 Kilometer Entfernung mit Bussen ab oder verlagern ihre Produktionsstätten gleich dorthin, wo das Personal ist. Als ein Grundproblem gilt in Tschechien nämlich die geringe Mobilität der Bevölkerung. Die Quote von Hauseigentümern liegt bei hohen 80%. Die Menschen ziehen ungern um.

Über das Thema Fachkräftemangel wird im Land intensiv debattiert. Lange wurde darüber nachgedacht, ein duales Berufsbildungssystem wie jenes in Deutschland einzuführen. Die Arbeitgeber versprachen sich davon besser qualifizierte und „arbeitsmarktfähige“ Schulabgänger. Bis zur Wende gab es in Tschechien tatsächlich bereits ein Berufsbildungssystem – geknüpft an die sozialistischen Staatsbetriebe. Danach ging dieses aber verloren. Die Idee eines „deutschen Systems“ hat sich aber nicht durchgesetzt. Viele Firmen fürchteten hohe Kosten und den Verlust ausgebildeter Fachkräfte an die Konkurrenz. Beim Industrieverband setzt man nun auf niederschwellige Ansätze wie die Kooperation von Firmen und Schulen.

Allein auf diese Weise wird sich der Fachkräftemangel freilich nicht beheben lassen. Ein anderer Ansatz liegt in der „Industrie 4.0“, also der Automatisierung und Digitalisierung der Industrieproduktion. Während man etwa in Österreich diesem Trend sorgenvoll entgegenblickt, sieht man ihn in Tschechien als Chance. Man hofft, so mit weniger Arbeitskräften auszukommen und Industrieaktivitäten im Land halten zu können. Ferner können Firmen die Löhne erhöhen, um in „knappen“ Branchen attraktiver für die Menschen zu werden. In letzter Zeit scheint dies tatsächlich stattzufinden. Nach vielen Jahren der Stagnation dürften die Löhne in diesem Jahr real und nominal um rund 4% steigen. Dennoch bleibt Tschechien vorderhand im internationalen Konzert ein Niedriglohn-Standort.

Beliebte Ukrainer

Für einen Zwist zwischen Arbeitgebern und Gewerkschaften hat der vielleicht bedeutendste Lösungsansatz gesorgt. Die Arbeitgeber wollen in grossem Stil Arbeitskräfte aus dem Ausland holen, vor allem aus der Ukraine. Die Gewerkschaften lehnen das ab. Man habe noch genügend Arbeitslose im eigenen Land, argumentieren sie. Zudem führen sie eine Kampagne für kräftige Lohnerhöhungen in Tschechien – und ein Zuzug „günstiger“ Ukrainer könnte das Ansinnen durchkreuzen. Die Regierung hat sich vorerst auf einen vorsichtigen Mittelweg eingelassen. Für 5000 Arbeitnehmer aus der Ukraine hat man beschleunigte Visaverfahren zugelassen.

Der Wunsch nach Zuwanderung mag erstaunen, zumal Tschechien den Zuzug von Flüchtlingen strikt ablehnt. Aber in Prag verweist man darauf, dass man mit Ukrainern lange und gute Erfahrungen gemacht habe. Die Ukrainer stellen bereits die grösste Ausländergruppe im Land, und dank der kulturellen und sprachlichen Nähe sind sie gut integriert. Auch andere Ostländer wie Polen und die Slowakei setzen auf den Zuzug aus der Ukraine, um ihr Problem des Fachkräftemangels und der schrumpfenden Erwerbsbevölkerung zu lösen.

Kritischer sieht den Wunsch nach Zuwanderung der Arbeitsmarktexperte Münich. Das Problem des Fachkräftemangels werde sich wohl von selbst erledigen, wenn sich das Wirtschaftswachstum wieder abkühle, meint er. Einig sind sich die meisten Experten in einem Punkt: Man wisse zu wenig über die noch rund 380 000 Arbeitslosen in Tschechien und darüber, warum diese nicht in Arbeit kämen. Die aktive Arbeitsmarktpolitik des Staates wird als äusserst mangelhaft eingestuft. Mithin bleibt für die Regierung einiges zu tun.