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Warnung vor Rückschlägen

Fasziniert vom geldpolitischen Märchen

von Christof Leisinger / 08.08.2016

In modernen Zeiten gelten stimulierende Eingriffe der Zentralbanken als ultimative Lösung aller ökonomischen Probleme. Zumindest bis anhin glauben die Anleger daran.

Feige Anschläge in Deutschland und Frankreich, Brexit-Entscheid in Grossbritannien, Putschversuch in der Türkei, Bankenkrise in Europa und populistische politische Strömungen allerorten – negative Faktoren kümmern die Anleger derzeit offensichtlich nur vereinzelt und wenn, dann oft nur kurz.

Notenbanken als Treiber

Abgesehen von wenigen von Sondereffekten belasteten Aktienmärkten wie jenen in der Türkei, in Russland, Belgien, Norwegen, Kanada, Mexiko und Kolumbien herrscht offensichtlich weiterhin die Devise: Stelle dich besser nicht gegen die Zentralbank. Damit ist gemeint, dass die Notenbanken weiterhin alle ihnen zur Verfügung stehenden monetären Mittel nutzen, um die Vermögenspreise nach oben zu treiben und um auch auf den Gütermärkten für Inflation zu sorgen. Diese Wahrnehmung ist in den vergangenen Tagen gleich mehrfach bestätigt worden.

Erstens vonseiten der Europäischen Zentralbank, die seit Anfang Juni neben Staatsbonds auch Firmenanleihen in grossem Stil erwirbt, obwohl deren Renditen oft schon negativ sind und obwohl die Käufe Grosskonzernen Finanzierungsvorteile zuschanzen, welche diese eigentlich gar nicht brauchen. Zweitens wollte das amerikanische Fed vor drei Wochen wenig von einer weiteren Leitzinserhöhung wissen, obwohl alle Kriterien erfüllt sind, die objektiv betrachtet dazu führen müssten. Drittens hat die Bank of England am vergangenen Donnerstag die altbekannten Anleger-Reflexe neu belebt, die stimulierenden geldpolitischen Eingriffe wenigstens kurzfristig für bare Münze zu nehmen. Immerhin hat sie den Leitzins auf das tiefste Niveau seit mindestens 300 Jahren gesenkt und angekündigt, wieder Bonds zu erwerben, nachdem ein früher aufgelegtes Kaufprogramm längst ausgeschöpft war. Bemerkenswert ist, dass sich das geldpolitisch bestimmende Gremium in Grossbritannien dazu entschlossen hat, obwohl es davon ausgehen muss, dass die Inflationsrate auf der Insel bald das Ziel von 2% überschreiten wird. Es nimmt also das „Überschiessen“ der Preissteigerungsrate bewusst und fahrlässig in Kauf.

Diese Beobachtung führt in der Anlegerschaft automatisch zur Vermutung, andere Notenbanken seien ähnlich gepolt – nachdem sich in den vergangenen Wochen schon der Eindruck aufgedrängt hatte, die Idee vom „Helikoptergeld“ solle langsam salonfähig gemacht werden. Damit sind eine Reihe geldpolitischer Instrumente gemeint, mit denen Notenbanken dauerhaft Geld schöpfen und dieses direkt an staatliche oder private Haushalte weiterreichen könnten. Charakteristisch wäre, dass die Liquidität dauerhaft in der Wirtschaft verbliebe und den Unternehmen und Haushalten unter Umgehung der Banken direkt zuflösse. Auf diese Weise würde die Wirtschaft eines Landes zumindest in der Theorie direkt beflügelt. Skeptische Kritiker fürchten nur, dieser Prozess werde mittel- und längerfristig ausser Kontrolle geraten und zu unkalkulierbaren Verwerfungen führen.

Insgesamt scheint es also weiterhin gute Gründe zu geben, die für Aktienanlagen sprechen. Der erste heisst TINA, was so viel bedeutet wie „There Is No Alternative“ – oder es gibt angesichts der extremen Geldpolitik trotz zum Teil hoher Bewertung keine Alternative. Das mag erklären, wieso sich die meisten Börsen immer wieder schnell von Rückschlägen erholen. Der zweite Grund geht davon aus, dass das Wirtschaftswachstum in den einzelnen Regionen der Welt in nächster Zukunft zwar nicht überragend, aber dafür robust sein wird. Genau das könne die Notenbanken in die Lage versetzen, Zinsen und Renditen noch sehr lange Zeit sehr tief zu halten. In diesem „Märchen-Szenario“ prosperieren effiziente Unternehmen. Sie könnten ihre Gewinne operativ steigern oder die Erträge durch Financial Engineering trotz verhaltenen Umsatzzuwächsen wenigstens optisch gut aussehen lassen. Der dritte Grund ist der Ratschlag, in extremen Zeiten zu Realwerten zu greifen. Zum Beispiel dann, wenn die Inflationserwartungen ausser Kontrolle zu geraten drohten – und was sei realer als der Anteil an einem operativ erfolgreich arbeitenden Unternehmen?

Strategen mit eigener Agenda

Interessanterweise warnen bekannte Investoren wie George Soros, Bill Gross, Jeffrey Gundlach, Paul Singer, Ray Dalio oder auch Carl Icahn seit einiger Zeit vor dem Kollaps der heisslaufenden Märkte. Verschwörungstheoretiker argumentieren, sie wollten die Zentralbanken noch tiefer in die Ecke drängen, in die sich diese manövriert haben. Nach im Herbst nicht ganz unüblichen Kursrückschlägen rechnen sie mit einem „monetären Overkill“, der das dritte der genannten Szenarien ins Spiel brächte.