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Kurseinbruch

Feuertaufe für Chinas Börse

von Matthias Müller / 04.01.2016

Chinas Aktienhandel ist nichts für Menschen mit schwachen Nerven. Gleich am ersten Handelstag im neuen Jahr verlor der Leitindex rund sieben Prozent. Die Erklärungen der Analysten überzeugen nicht, schreibt Matthias Müller aus Peking

Gleich am ersten Handelstag des neuen Jahres haben die Börsen in Schanghai und Shenzhen unter Beweis gestellt, dass sie neuen Regeln Folge leisten. Nachdem der Hushen-300-Index, der die wichtigsten Aktien der beiden Börsen in Schanghai und Shenzhen enthält, um mehr als sieben Prozent eingebrochen war, wurde gegen 13:33 Uhr Ortszeit der Handel mit den Valoren ausgesetzt. Der Shanghai Composite Index – der chinesische Leitindex – ging mit einem Verlust von annähernd 6,9 Prozent aus dem Handel, der Shenzhen Stock Exchange Composite Index gab rund 8,2 Prozent nach und der Chinext, an dem die Valoren von kleinen und mittleren Firmen gehandelt werden, verlor mehr als 8,2 Prozent; insgesamt lagen die Aktien von 1280 Unternehmen an den Börsen in Schanghai und Shenzhen mit 10 Prozent im Minus. Mehr kann ein Anteilschein innerhalb eines Tages nicht verlieren, denn bei diesem Verlust wird er automatisch aus dem Handel genommen.

Ein Auf und Ab

Bei der neuen Regel handelt es sich um einen „Circuit Breaker“, durch den einem turbulenten Börsenverlauf Grenzen gesetzt werden. Zunächst wurde gegen 13:13 Uhr Ortszeit der Handel mit den Valoren für 15 Minuten ausgesetzt, weil der Hushen-300-Index bis zu diesem Zeitpunkt fünf Prozent verloren hatte. Allerdings konnten die Händler während der kurzen Auszeit ihre erhitzten Gemüter offenbar nicht abkühlen, denn nur fünf Minuten nach Wiederaufnahme lag der maßgebliche Index bereits mit sieben Prozent im Minus, was die endgültige Sistierung des Handels zur Folge hatte. An diesem Dienstag versuchen die Börsianer nun ihr Glück aufs Neue.

Die Börsenturbulenzen gleich zu Beginn dieses Jahres zeigen einmal mehr, wie volatil der Aktienhandel in China ist. Hatte der Shanghai Composite Index 2014 noch um 53 Prozent zugelegt, belief sich das Plus im vergangenen Jahr auf 9,4 Prozent, wobei weniger dieser Wert als das ständige Auf und Ab der Kurse den Investoren in Erinnerung bleiben wird. Hatte der Leitindex in Schanghai am 22. Juni des Vorjahres den Höchststand erklommen, summierte sich das Minus bis zum 8. Juli auf annähernd 32 Prozent, bevor der Verlust zwischen 17. und 26. August nochmals 27 Prozent betrug.

Exporte und Bau schwächeln

Die um Antworten nie verlegenen Analysten hatten für das Treiben am ersten Handelstag im neuen Jahr umgehend zwei Erklärungen parat. Sie verwiesen neben den geopolitischen Spannungen im Nahen Osten auf den am Montag veröffentlichen Caixin Einkaufsmanagerindex (PMI) für das produzierende Gewerbe, der im Dezember gegenüber dem Vormonat um 0,4 Punkte auf 48,2 Zähler zurückgegangen war; ein Wert jenseits von 50 Zählern signalisiert Wachstum. Die von Bloomberg befragten Analysten hatten einen Wert von 48,9 Zählern prognostiziert, weshalb ein Rückgang der Aktienkurse zu erwarten war – allerdings nicht in diesem Ausmaß. Zudem dürfte der nun vorliegende Caixin-PMI für Dezember nicht wirklich überraschen, denn das verarbeitende Gewerbe Chinas leidet weiter unter einem schwachen Welthandel und bekommt zusätzlich die Auswirkungen der immer noch schlechten Baukonjunktur im Reich der Mitte zu spüren.

Inzwischen ziehen in dieser Branche zwar die Verkäufe wieder an, doch die Immobilienentwickler sitzen immer noch auf einem solch hohen Bestand an noch nicht veräußerten Räumlichkeiten, dass das Plus bei den Verkaufszahlen sich noch nicht in den Büchern des Baugewerbes – und damit auch bei der Schwerindustrie – bemerkbar macht. Für Chinas Gesamtwirtschaft wäre es wünschenswert, wenn sie ihre Abhängigkeit von diesen Sektoren nach und nach verringert. Allerdings wird diese Anpassung auch aus sozialpolitischen Überlegungen nicht über Nacht erfolgen können, weil immer noch viele Arbeitsplätze in diesen Branchen angesiedelt sind.

Irrationale Schwankungen

Ermutigende Signale kommen dagegen von den Dienstleistern. Der für diesen Sektor ermittelte Einkaufsmanagerindex erreichte im November den höchsten Stand seit 16 Monaten und lag damit deutlich über der Wachstums-Marke von 50 Punkten. Dieser Befund spiegelt sich auch in den vom Beratungsunternehmen Capital Economics ermittelten „China Activity Proxy“, in dem verschiedene Indikatoren unter die Lupe genommen werden, um den Status quo der chinesischen Wirtschaft zu bewerten.

Während in der Schwerindustrie die Stromnachfrage weiter rückläufig ist – was wiederum für den Kohlendioxidausstoß eine gute Nachricht ist –, zieht diese Kennziffer bei der Leichtindustrie und den Dienstleistern kräftig an. Vor dem Hintergrund dieser Zahlen können die monokausalen Erklärungen vieler Analysten für die oft irrational anmutenden Schwankungen an Chinas Börsen nicht wirklich überzeugen.