Arnd Wiegmann / Reuters

Fifa: Unternehmertum mit Fragezeichen

Meinung / von Elmar Wagner / 15.10.2016

Erstmals in der Fifa-Geschichte legt der Präsident eine klare Strategie vor. Die Fifa will neu auch Unternehmerin sein – und Gianni Infantino noch mehr Geld verteilen.

Gianni Infantino ist seit acht Monaten Präsident der Fifa. Angetreten als selbsternannter Reformer, hat er an der Fifa-Spitze primär bewiesen, dass es ihm an Fingerspitzengefühl fehlt. Er ist in so viele Fettnäpfchen getreten, dass die Ethikkommission der Fifa schliesslich eine Untersuchung gegen ihn eröffnet hat. Immerhin, sie führte nicht zu einer Anklage.

Doch führte sie bei Infantino auch nicht zu etwas Demut gegenüber dem Amt. Sein sehr solides Selbstverständnis offenbarte er auch am Donnerstag, als er nach der Sitzung des erweiterten Fifa-Council in Zürich vor die Presse trat. An seiner Seite war erstmals die Generalsekretärin Fatima Samoura, gemäss den Reformen die Nummer eins der Organisation. Aber es redete nur Infantino. Erst zum Schluss durfte die Generalsekretärin pro forma noch eine Frage beantworten.

Die Botschaft war klar: Ich, der Präsident, bin die wahre Nummer eins, die Frau daneben ist Steigbügelhalterin. Nun mag es zwar unsympathisch wirken, dass Infantino den starken Mann markiert, doch für die Zukunft der Fifa muss das nicht negativ sein. Wenigstens legte der neue Präsident bei der ersten Wegmarke seiner Amtszeit ein konkretes Programm vor. In der Ära seines Vorgängers Joseph Blatter ging es vorab um die Verbreitung salbungsvoller Worte, die die Wohltaten des Fussballs priesen. Nun aber stellt Infantino auf 69 Seiten unter dem Titel Fifa 2.0 eine Strategie vor, die mit Zahlen unterlegt ist.

Sein Ziel ist klar: Expansion, und zwar auf allen Ebenen. Das klingt wie eine alte Fifa-Leier, erscheint bei näherer Betrachtung aber als sinnvoll. Der Weltverband hat offenbar erkannt, dass der Fussball nicht ewig ein Selbstläufer sein wird. Darum will er neue Zielgruppen erschliessen. So strebt er innerhalb von zehn Jahren eine Verdoppelung der fussballspielenden Frauen auf 60 Millionen an und will dafür 315 Millionen Dollar aufwerfen.

Mindestens so interessant ist die dezidierte Absicht der Fifa, die Hoheit über die neuen Technologien im digitalen Zeitalter nicht anderen Marktteilnehmern zu überlassen. Infantino sagt, dass man in entsprechende Startups investieren und Joint Ventures eingehen wolle. Hier tritt erstmals unternehmerisches Denken zutage, auf dessen Umsetzung man mit Spannung wartet – und mit Skepsis. Schliesslich hat man den Weltverband bisher nicht als umsichtigen Unternehmer, sondern als Geldverschwender erlebt.

Das scheinen Infantino und Co ebenfalls erkannt zu haben. So will die Fifa das WM-Ticketing künftig selber machen, um mehr Geld abzuschöpfen und mehr Kontrolle über die heikle Operation zu haben. Ähnliche Absichten hegt man bezüglich der Organisation der Weltmeisterschaften; die lokalen Komitees sollen bald durch ein zentrales Management abgelöst werden.

Es ist nicht klar, welchem Denken diese Massnahmen entspringen. Es kann gut sein, dass man sie forciert, um noch mehr mit den Pfunden wuchern zu können. Schon im Wahlkampf hatte Infantino den Verbänden viel Geld versprochen – nun will er ihnen ein noch grösseres Geschenk machen: 1,5 Millionen Dollar pro Jahr. Das ist rund das Vierfache der bisherigen Ausschüttung. Und das wird – trotz verschärften Kontrollen – ein Nährboden für Missbrauch sein. Denn bei allem Unternehmertum steht Infantinos Fifa noch nicht für Augenmass und Genügsamkeit.