Max Rossi / Reuters

Finanzbranche in Geldnot

Trotz Krise Milliarden für die Bankaktionäre

von Christian Steiner / 09.08.2016

Vielen europäischen Banken geht es finanziell schlecht. Dennoch haben ausgerechnet die schlecht kapitalisierten Institute in den vergangenen Jahren über 20 Milliarden Euro an die Eigentümer bezahlt.

Der europäische Bankenstresstest hat ein überraschend gutes Bild der Finanzbranche ergeben. Doch die Investoren sehen das anders. Seit der Veröffentlichung der Resultate fielen die Aktienkurse der europäischen Institute weiter. Alleine in den zwei ersten Tagen nach dem Stresstest verlor der Euro-Stoxx-Bankenindex über 7%. Seither hat er sich wieder etwas erholt.

Dividenden in Europa üblich

Diese Reaktionen waren kein Zufall. Seit dem letzten Stresstest im Jahr 2014 haben die europäischen Bankaktien fast 50% ihres Wertes eingebüsst. Die Ökonomen Sascha Steffen (ZEW), Viral Acharya (NYU Stern) und Diane Pierret (Universität Lausanne) geben eine mögliche Erklärung dafür. Laut ihren Berechnungen sind die europäischen Banken noch nicht ausreichend mit Kapital versorgt. Müssten die getesteten Institute die gleichen Bedingungen erfüllen wie die Grossbanken in den USA, wäre eine Unterdeckung von 123 Mrd. € vorhanden.

Doch die Kapitallücke müsste nicht derart hoch sein. In den vergangenen Jahren wurden nämlich Milliardenbeträge in der Form von Dividenden an die Aktionäre ausgeschüttet, und das nicht nur von den gut kapitalisierten Instituten. Die 10 Finanzhäuser, die am schlechtesten abschnitten, haben laut einer Studie in den vergangenen fünf Jahren über 20 Mrd. € an Dividenden verteilt. Wenn man die Zahlungen der 28 Institute (von 34 kotierten) anschaut, dann haben diese im Jahr 2015 insgesamt 40 Mrd. € an Dividenden bezahlt, was beinahe einem Anteil von 60% der Gewinne entspricht.

In ihrer Studie sprechen die Ökonomen Klartext: Die Erlaubnis dafür, dass unterkapitalisierte Banken Dividenden auszahlen, stelle einen Vermögenstransfer von Obligationen zu den Aktionären dar. Zudem steige dadurch die Gefahr, dass die Obligationäre einen Bail-in leisten müssten, also für Verluste aufzukommen haben. Noch schlimmer für die Ökonomen ist hingegen der Umstand, dass auch die Steuerzahler leiden könnten, weil laut den neuen europäischen Richtlinien Staatshilfe erlaubt ist, wenn ein Bail-in stattgefunden hat.

Dass die europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) nicht eingreife, sei falsch, schreiben die Autoren. Die EBA sage zwar klar, es sei möglich, für einzelne Aufsichtsbehörden von verschiedenen Ländern Gelder einzubehalten (was in Einzelfällen auch geschehen ist), doch habe sie selbst die Möglichkeit nicht wahrgenommen.

Hätte die Behörde den Finanzinstituten im Jahr 2010, als in Europa die Schuldenkrise ausbrach, Dividendenzahlungen untersagt, wären bereits 50% der Kapitallücke gedeckt.

Unter den 10 schlechtesten Banken schüttet die britische Grossbank Barclays am meisten Geld an ihre Aktionäre aus. Diese durften in den vergangenen sechs Jahren 6,3 Mrd. € einstreichen. Danach folgt die französische Universalbank Société Générale, die den Anteilseignern 4,7 Mrd. € zukommen liess. Sogar die italienische Krisenbank Monte dei Paschi di Siena, die sich nur mit Mühe über 5 Mrd. € frisches Kapital an den Finanzmärkten besorgen konnte und 9 Mrd. € an faulen Krediten in eine Bad Bank ausgelagert hat, zahlte 164 Mio. € an ihre Aktionäre.