Kevin Coombs / Reuters

Finanzkrise: Warum Lehman wirklich unterging

von Hansueli Schöchli / 28.07.2016

Die offiziellen Darstellungen zur Pleite des US-Finanzhauses Lehman Brothers sind laut einem neuen Forschungspapier falsch.

Fast acht Jahre sind vergangen, seit die Pleite des US-Finanzhauses Lehman Brothers viel Öl ins Feuer der Finanzkrise gegossen hat. Die Folgen sind noch nicht ausgestanden, und die Umstände der Pleite sind immer noch kontrovers. Die damaligen Verantwortlichen der US-Notenbank (Ben Bernanke, Tim Geithner) und des Finanzministeriums (Hank Paulson) haben seither in Memoiren und sonstigen Verlautbarungen betont, dass das Zulassen der Pleite kein bewusster Entscheid der Behörden gewesen sei: Das Gesetz habe die Lehman-Rettung schlicht nicht erlaubt, weil die Notenbank einem insolventen Institut nicht habe helfen dürfen.

Doch nicht jeder glaubt das. Der Wirtschaftsprofessor Laurence Ball von der US-Universität Johns Hopkins liefert nun mit einem über 200-seitigen Forschungspapier eine Dokumentation für die Gegenthese. Laut diesem wäre eine Rettung von Lehman juristisch möglich gewesen, weil man Lehman noch als solvent hätte betrachten können. Das Zulassen der Pleite war in dieser Lesart ein bewusster Entscheid von Notenbank und Finanzministerium. Der Entscheid war laut Ball getrieben durch politische Überlegungen (keinerlei Akzeptanz für eine erneute staatliche Rettung eines Finanzinstituts) und durch das Unterschätzen der wirtschaftlichen Folgen einer Lehman-Pleite. Schon vor einigen Jahren waren in den Medien Berichte aufgetaucht, wonach gewisse Solvenzanalysen der US-Notenbank Lehman als Kandidaten für eine Staatsrettung bezeichnet haben. Ob die Spitze der Notenbank dies damals ebenfalls so sah, wird allerdings auch in Balls Papier nicht klar.

Die Motive der Akteure lassen sich wohl nie ganz klären: Man kann nicht in die Köpfe hineinschauen, und Betroffene belügen in Sachen Handlungsmotiven nicht selten sogar sich selber. Etwas erscheint aber ziemlich klar: Hätte der Staat Lehman damals gerettet, wären spätere Rettungsaktionen (unter anderem für AIG) politisch kaum mehr möglich gewesen. Die massiven Folgen der Lehman-Pleite hatten staatliche Rettungsaktionen wieder als salonfähig erscheinen lassen. Das gilt auch für den Fall UBS in der Schweiz.