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Selber machen

FinTech und die Banken: Wer hier wen rettet

von Elisabeth Oberndorfer / 24.10.2015

Innovation im Finanzbereich ist ein heißer Markt. Während in Österreich FinTech-Anbieter nur langsam voranschreiten, macht sich international schon Skepsis breit. Sind die Start-ups die Retter des Bankengeschäfts, oder ist es doch umgekehrt?

Alle paar Jahre gilt ein neuer Technologiesektor als große Hoffnung unter Investoren, Unternehmern und der Industrie. Was vor zwei Jahren noch Cloud- und Enterprise-Services war, ist heute FinTech – kurz für Financial Technologies. Innovationen in diesem Bereich ziehen Geldgeber aus der „Old Economy“ und der Wagniskapitalszene an. Der Boom erreichte im vergangenen Jahr seinen ersten Höhepunkt: Mehr als 12 Milliarden US-Dollar flossen laut den Analysten von CB Insights und Accenture weltweit bei etwa 730 Deals in FinTech-Start-ups, 2013 waren es noch bescheidene vier Milliarden Dollar. Nach der anfänglichen Euphorie werden jetzt die Stimmen der Realisten lauter, die das Platzen der FinTech-Bubble schon hören.

Der Begriff FinTech ist jedenfalls so breit, dass die Financial Times ihn schon mal als Marketing bezeichnet. In die Definition fallen Finanzdienstleistungen, die von Technologie und Innovation vorangetrieben werden. Die Lieblinge auf Endnutzerseite sind etwa Number26, eine digitale Bank mit österreichischen Wurzeln, und Square, eine Point-of-Sale-Zahlungstechnologie aus San Francisco, die demnächst an der Börse gelistet wird. Demgegenüber stehen B2B-Lösungen wie Stripe, das Zahlungen in Online-Shops für große und kleine Anbieter abwickelt und bereits mit fünf Milliarden US-Dollar bewertet wird.

Banken-Disruption, finanziert von den Banken

Die Hoffnung der Gründer ist groß: Sie wollen Banken „disrupten“ und den Finanzmarkt neu ordnen, dabei kommt das Geld vor allem von denen, die sie herausfordern. Citibank war unter den großen US-Banken bei den FinTech-Investments am aktivsten: 15 Beteiligungen ist das Finanzinstitut seit 2009 eingegangen. Die Investmentbank Goldman Sachs machte im gleichen Zeitraum elf, Morgan Stanley acht Investments. In Europa findet der FinTech-Boom vorwiegend in Großbritannien und Irland statt, hier landeten 2014 immerhin 623 Millionen US-Dollar in Finanztechnologien, in Deutschland waren es 82 Millionen US-Dollar.

Österreichische FinTech-Start-ups flüchten

Zahlen aus Österreich gibt es nicht, die einzige international vergleichbare Venture-Capital-Firma Seedinvest legt aber den Fokus auf das boomende Segment. Dafür hat sich das Wiener Unternehmen den Finanzexperten Stefan Klestil als Investment-Manager geholt. Dessen Aktivitäten finden großteils außerhalb Österreichs statt, was das Bild der europäischen FinTech-Landschaft widerspiegelt. Im Seedinvest-Portfolio befindet sich Holvi, eine Online-Bank aus Helsinki und die Payment-Lösung Izyco aus der Türkei. Mit dem in Österreich gegründeten Start-up Wikifolio will SpeedInvest „Social Trading“ salonfähig machen. Derzeit ist die Plattform mehr in Deutschland als in der Heimat aktiv.

Dass im Ausland eine bessere Infrastruktur auf FinTech-Gründungen wartet, haben auch die Gründer von Number26 erkannt. Nachdem sie auf der Suche nach Risikokapital in Österreich rasch an ihre Grenzen stießen, zog das junge Unternehmen nach Berlin. Nach mehreren Seed-Finanzierung holten sich die Betreiber des virtuellen Bankkontos im Frühling zehn Millionen US-Dollar. Als Kapitalgeber ist der Silicon Valley-Investor und PayPal-Mitgründer Peter Thiel an Bord. Erst diese Woche präsentierte Number26 sein neuestes Produkt: Mit der App „Cash26“ sollen die Kontoinhaber in Supermärkten Geld abheben können.

Regulierungen als Innovationsbremser

Auch im Kreditgeschäft erhoffen sich Investoren große Chancen. Thiel ist etwa auch bei Kreditech, einem Hamburger Start-up, beteiligt. Das Unternehmen hat sich auf Mikro- und Privatkredite spezialisiert, Algorithmen bestimmen die Kreditwürdigkeit. Kreditech will sich Big Data zunutze machen, um seinen Kunden personalisierte Produktempfehlungen abzugeben – ein Konzept, das bei Datenschützern nicht gut ankommt. Modelle wie dieses und den sogenannten Crowdlending-Plattformen sind aber auch jene, die die FinTech-Blase zum Platzen bringen könnten. Der Grund: Das Kreditgeschäft unterliegt strengen Regulierungen. In Großbritannien hat die „Financial Conduct Authority“-Behörde (FCA) seit April 2014 114 Einreichungen von P2P-Kreditanbietern erhalten, ein Viertel davon hat sich mittlerweile wieder zurückgezogen, berichtet Business Insider.

Im Gegensatz zu den Endkonsumenten- und Payment-Lösungen finden Anbieter im Investmentmanagement noch wenig Beachtung. Ein heimlicher Star ist dabei das britische Start-up Nutmeg, dessen Applikation den klassischen Vermögensverwalter ersetzen soll. Die Entwickler wollen mit Nutmeg die Komplexität und Exklusivität im Portfoliomanagement reduzieren. Auch die Börse eignet sich die Innovation an. NASDAQ gab am Donnerstag die Übernahme von SecondMarket bekannt. Dabei handelt es sich um eine Software zur Verwaltung von Anteilen von Unternehmen, die (noch) nicht an der Börse gelistet sind. Zu den Kunden zählen Pinterest und Shazam, seit 2013 hat SecondMarket eigenen Angaben zufolge Transaktionen in Höhe 2,5 Milliarden US-Dollar abgewickelt. Wie viel die NASDAQ für das Tool gezahlt hat, ist nicht bekannt.

Neues mit altem Geld

„Es fühlt sich wieder an wie im Jahr 2000“, sagte Swift-CEO Gottfried Leibbrandt Anfang Oktober über den FinTech-Boom, was zwischen den Zeilen heißt, dass der Zenit wohl erreicht ist. Selbst die Start-ups merken ein Abflauen: Christian Faes, CEO der P2P-Kreditplattform LendInvest, reflektiert: „Die Skepsis darüber, ob die FinTech-Geschäfte profitabel werden, steigt. Und diese Skepsis ist richtig.“

Die FinTech-Start-up-Szene ist noch zu jung, um ihre Nachhaltigkeit zu bewerten. Fest steht, dass die neuen Produkte in vielen Bereichen Innovation erlaubt haben, von der auch das traditionelle Finanzwesen profitiert. Die Investment-Zahlen machen allerdings auch deutlich, dass viele der neuen Finanztechnologien ohne das „Old Money“, wie es in New York genannt wird, nicht existieren würden.