Wirtschaftskriminalität

Firmen schützen sich vor den eigenen Mitarbeitern

von Zoé Baches / 11.10.2016

Kriminelle Handlungen sind oft nur wegen des Faktors Mensch möglich – ein neues Bewertungs-Tool will dieses Risiko minimieren.

„Sexuelle Anziehung, Sympathie, Abneigung – oder Gleichgültigkeit, diese Gemütszustände spüren Menschen, wenn sie auf andere Personen treffen“, sagt Ennio Scioli, Gründer von Scioli Security Human Capital. Mit Abstand das am häufigsten auftretende Gefühl sei die Gleichgültigkeit; das könne man gut an sich selbst beobachten, wenn man eine mit Menschen gefüllte Bahnhofshalle durchquere. Diese indifferente Haltung gegenüber den meisten anderen Individuen stellt laut Scioli aber für ein Unternehmen unter Umständen ein grosses Sicherheitsrisiko dar.

Auf Herz und Nieren prüfen

Bei Angriffen auf eine Firma ist stets eine Person involviert, Verbrechen können zudem häufig nur durchgeführt werden, weil andere Menschen gleichgültig, unaufmerksam oder gierig sind. Der „menschliche Faktor“ gilt denn auch unter Experten als das grösste Risiko bei Wirtschaftsdelikten. In Steven Spielbergs Science-Fiction-Thriller „Minority Report“ verfügen die Polizisten der Zukunft über die technologische Möglichkeit, Verbrechen zu entdecken und zu verhindern, bevor sie begangen werden. Die Vorstellung, Diebstähle von Mitarbeitern frühzeitig aufzudecken, dürfte für die meisten Unternehmensverantwortlichen ebenso verlockend sein. Sciolis Firma setzt genau hier an.

Gemeinsam mit seiner Frau Dorothea hat er das dreiteilige Bewertungs-Tool „secureness“ entwickelt. Damit kann ein Unternehmen jeden Mitarbeiter auf Herz und Nieren überprüfen sowie in Sachen Sicherheitsdenken schulen. Herzstück der Analyse ist eine Online-Befragung, mit deren Hilfe ein Sicherheitsprofil des Angestellten erstellt wird. Die Fragen testen das Sicherheitsbewusstsein im privaten, Arbeits- und öffentlichen Bereich; es gibt dabei jeweils vier möglichen Antworten.

Eine kurze Auswahl zeigt die Stossrichtung der Analyse (vgl. Grafik). Bei der Frage, wie sehr man sich für die Familie einsetze, ist laut Scioli nur die Antwort richtig, dass man hart arbeite. Alle anderen Antworten bedeuteten, dass der Mitarbeiter möglicherweise käuflich sei – und damit ein Risiko für die Firma darstelle. Soziale Netzwerke seien „Informationsquellen“, jede andere Ansicht des Mitarbeiters berge Sicherheitsrisiken, sagt Scioli. Ein weiteres Beispiel bezieht sich auf unbekannte Dritte, welche die Firma anrufen. In diesem Fall soll man laut Scioli nichts sagen. Bereits ein „freundliches“ Nachfragen des Angestellten könnte dazu führen, dass heikle Informationen weitergegeben werden,

Und was passiert, wenn Mitarbeiter bei den Antworten nicht die Wahrheit sagen? Das Ehepaar Scioli ist überzeugt, ein psychologisch derart komplexes Frage-und-Antwort-System zusammengestellt zu haben, dass Auffälligkeiten bei den einzelnen Mitarbeitern in Bezug auf deren Sicherheitsdenken trotzdem sichtbar werden. „Diese können wir mit einer Wahrscheinlichkeit von 90% aufspüren“, sagt Scioli.

Düstere Bedrohungslage

Scioli arbeitete 25 Jahre als Berufsoffizier für den Staat. Acht Jahre war er persönlicher Mitarbeiter des Vorstehers des Eidgenössischen Departements für Verteidigung, Bevölkerung und Sport (VBS); zuerst war das Samuel Schmid, dann Ueli Maurer. Er habe sich stets mit Sicherheit, emotionaler Stabilität und Stresstoleranz befasst, sagt der Experte. Seine Frau Dorothea verfügt über langjährige Erfahrungen mit dem Faktor Mensch aus ihrer Tätigkeit als Verkaufs- und Ausbildungsleiterin im Lingerie-Bereich. In diesem Geschäft kann das Stressniveau bei Kundinnen und Mitarbeitern sehr hoch sein – genau wie der Anreiz für Diebstähle.

Wie eine Reihe weiterer Sicherheitsfirmen arbeitet Scioli mit einer IT-Plattform zusammen, deren Gründer der international tätige Sicherheitsberater Eric Herren ist. Dieser berät Staaten und Firmen. Die beide Fachleute zeichnen – wenig überraschend – ein düsteres Bedrohungsbild. Diverse Staaten führten einen Wirtschaftskrieg gegen andere Länder, attackiert würden dabei die Unternehmen, „das Rückgrat und der Wohlstandsgenerator eines Landes“, sagt Herren. Die Angreifer würden sich verstärkt auf die dunklen Seiten der Angestellten fokussieren, also deren persönliche Probleme wie Drogensucht oder Spannungen in der Ehe. In den Profiteams der Armee und der Polizei sei diese „dunkle Seite“ auch am Arbeitsplatz ein Thema. In Firmen nicht, was zu grossen Sicherheitsproblemen führen könne, sagt Herren.

Ein schmaler Grat

„Die Mehrheit der grossen Unternehmen überwacht ihre Mitarbeiter heute praktisch flächendeckend, und zwar mehr, als das den Angestellten bewusst ist“, sagt Rolf Schatzmann, früher Chef Bundessicherheitsdienst und heute selbständiger Berater. Zwar gebe das Datenschutzgesetz einen gewissen Rahmen vor, was man überwachen dürfe, doch gelte das Gesetz primär für den öffentlichen Sektor und für Personen. Für die Privatwirtschaft besitzt es laut Schatzmann dagegen „eher empfehlenden Charakter“. In Firmen üblich sei die anonyme Überwachung der Internetnutzung von Mitarbeitern. Werden Auffälligkeiten festgestellt, beispielsweise die vermehrte Verwendung einer heiklen Webseite, gerät der einzelne Angestellte in den Fokus. Schatzmann betont, dass grosse Gesellschaften mittlerweile auch die E-Mails und die Telefongespräche auswerteten. Neue Software erlaubt deren effiziente Analyse nach Stichworten und Verhaltensmustern.

Dass Unternehmen ihre Mitarbeiter immer stärker überwachen, überrascht nicht. Es ist allerdings ein fliessender Übergang von einem Arbeitsumfeld mit risikobewussten Mitarbeitern zu einer Kultur des Misstrauens mit schlechtem Arbeitsklima. Zudem müssen sich Vorgesetzte fragen, ob es wirklich für jede private Firma sinnvoll ist, sozusagen alle Mitarbeiter als ein Sicherheitsrisiko zu betrachten. Martin Kleinmann, Experte für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Zürich, betont, dass eine solche Beurteilung nur erfolgreich sei, wenn transparent über deren Zweck und Ziel kommuniziert werde, die Chefs auch daran teilnähmen und wirklich begründet würde, warum dieser Weg gewählt werde. Geschehe das nicht, so sagt Kleinmann, reagierten Mitarbeiter „destruktiv“. Studien würden das immer wieder deutlich zeigen.