Riehle/laif

Globalisierung und Migration

Flucht durch Wohlstand

Gastkommentar / von Hans Stoisser / 31.03.2016

Noch immer herrscht weitum die Meinung, es seien die Ärmsten Afrikas, die in Europa nach dem Glück suchen. In Tat und Wahrheit aber befördert der wachsende Wohlstand im Süden die Migration, schreibt der Unternehmer und Afrika-Experte Hans StoisserHans Stoisser plant seit mehr als 30 Jahren Infrastrukturprojekte in der Dritten Welt. Seit 1992 leitet er die Managementberatung ECOTEC. Seine Erfahrungen hat er 2015 in dem Buch „Der schwarze Tiger. Was wir von Afrika lernen können“ (Kösel-Verlag) verarbeitet. .

Pedra Badejo, Kap Verde, Afrika, 1985: 7.000 Einwohner, fünf Autos, kein Fernsehen. Wir haben kaputte Häuser angemietet und hergerichtet, wir leben und arbeiten gemeinsam mit Menschen in „absoluter Armut“, wie man das heute nennt. Im Wegebau der Stadt, im Infrastruktur-Aufbau, im Wohnbau. Damals gehörte der kleine Inselstaat zu den ärmsten Ländern der Welt. Sein Haupteinkommen war die Emigration. In strenger Disziplin schickten die Emigranten aus Lissabon, Amsterdam und Boston Geld und Dinge des alltäglichen Bedarfs nach Hause.

Die kapverdische Emigration hat eine lange Tradition. Und solange wir da weilten, waren es immer die besser Qualifizierten, die emigrierten. Die Verlockungen eines höheren materiellen Lebensstandards und die Hoffnungen auf eine soziale Verbesserung waren zu groß. Inzwischen hat Kap Verde eine steile Entwicklung hinter sich, es wurde Teil der globalen Gesellschaft und zu einem „Middle Income Country“. Absolute Armut gibt es so gut wie keine mehr.

Und trotzdem, der Austausch mit der Welt und damit die Emigration ging nicht zurück. Im Gegenteil, die Emigrationsströme nahmen zu. Dank moderner Reise- und Kommunikationsverbindungen auch in ganz neuen Ausprägungen. Von klassischen Auswanderern über Saisonarbeiter bis zu Monatspendlern reicht heute das Spektrum der kapverdischen Migranten.

Diaspora als Einkommensquelle

Kap Verde mag klein und unbedeutend sein. Aber der vor Westafrika gelegene, 1975 von Portugal unabhängig gewordene Inselstaat ist ein Lehrbeispiel für die globalisierte Welt. Die Funktionsweisen und Prinzipien wirtschaftlicher Entwicklung sind überall dieselben. Gesellschaften entwickeln sich durch Austausch mit ihrer Umwelt. Durch Teilhabe an den – heute globalen – Wirtschaftskreisläufen. Durch Zugang zu Wissen, Technologien und anderen Formen gesellschaftlichen und politischen Handelns.

Mittlerweile weiß auch die Wissenschaft, dass die Diaspora einen wichtigen Entwicklungsbeitrag für die Herkunftsländer leistet. Nicht nur weil Geld zurückgeschickt wird, sondern vor allem auch, weil in der Fremde direkte persönliche Erfahrungen gesammelt werden und diese nach Hause zurückfließen.

Auch gibt es Studien, die zeigen, dass die Menschen, die aus der absoluten Armut herauskommen, verstärkt emigrieren. Das heißt, im unteren Einkommensbereich nimmt mit steigenden Einkommen die Auswanderung zunächst zu.

Entwicklungshilfe verstärkt Migration

Was bedeutet das für die Flüchtlingsdebatte? Dass wir zunächst zwischen Kriegsflüchtlingen und Wirtschaftsmigration unterscheiden müssen. Bei Letzterem sprechen viele geringschätzig von „Wirtschaftsflüchtlingen“. Und die meisten sind sich darin einig, dass diese an den Grenzen Europas abgewiesen gehören. Im Gegenzug soll die Entwicklungshilfe erhöht werden, um in den Ländern vor Ort die „Fluchtursachen“ zu bekämpfen.

Das syrische Gewaltszenario ausgenommen – genau hier liegt der große Trugschluss: welche „Fluchtursachen“ denn? Dass es den Menschen in vielen Ländern mittlerweile besser geht? Dass sie ein gesichertes Einkommen haben, mobiler und vernetzter sind und sich die Reise in das ferne Ausland leisten können? Oder dass die Unterschiede in Einkommen und Lebensbedingungen trotzdem noch so groß sind?

Es ist das große Bild, das wir zu wenig sehen – die seit dem Ende des Kalten Kriegs entstandene Ausbreitung der globalen Gesellschaft bis in die Armutszonen. Die heute über Afrika verstreuten Supermärkte zeugen von der Teilhabe an den globalen Wertschöpfungsnetzwerken. Und die mit Smartphones sich vorantastenden Migranten von der Teilhabe an der Wissens- und Kommunikationsgesellschaft.

Politik muss globale Trends würdigen

Es ist schlicht unmöglich, die Ursachen der Zuwanderung aus wirtschaftlichen Motiven zu „bekämpfen“. Denn deren Auslöser ist die Zurückdrängung der Armut und damit die Möglichkeit, sich woanders ein besseres Leben zu suchen. Die nach wie vor bestehenden Differenzen im Lebensstandard und in der gesellschaftlichen Offenheit zu beseitigen, übersteigt unsere Möglichkeiten.

Es ist von der Logik der globalen Vernetzung her unvermeidlich, dass die weltweite Wirtschaftsmigration noch zunehmen wird. Und dass der Zuwanderungsdruck auf Europa wächst. Statt in Abwehrstellung zu verfallen, sollten wir diesen Umstand anerkennen, umdeuten und positiv sehen. Es genügt, sich die Erfolge vor Augen zu halten: 1990 lebte noch ein Drittel der Weltbevölkerung in absoluter Armut. Heute sind es unter zehn Prozent, trotz wachsender Weltbevölkerung.

Das Faktum, dass sich nun „der Rest“ der Welt wirtschaftlich entwickelt und immer mehr Menschen aus der Armut kommen, sollten wir für uns selbst als Chance und nicht als Krise sehen. Dafür müssen wir allerdings lernen, mit den neuen Verhältnissen der globalen Gesellschaft umzugehen. Eine kluge Einwanderungspolitik – getrennt von der Asylpolitik – scheint das Gebot der Stunde. Gleichzeitig müssen wir alles daransetzen, dass die wirtschaftliche Dynamik in den afrikanischen Ländern anhält und die Menschen an sich bindet.