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Analyse

Flüchtlinge am Arbeitsmarkt: Was bisher funktioniert hat

von Leopold Stefan / 27.08.2016

Viele Länder stehen heute vor der großen Herausforderung, tausende Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren. Zeit, voneinander zu lernen, was funktioniert und was nicht.

Beschäftigung ist die beste Messlatte für die Integration von Flüchtlingen. Schließlich hängt die Akzeptanz von Migranten wesentlich von deren Beitrag zur Gesellschaft ab. Auf der einen Seite überschlagen sich Politiker mit Forderungen, die von Neuankömmlingen teils mehr abverlangen als von Einheimischen – etwa Ein-Euro-Jobs und Kürzung der Mindestsicherung –, auf der anderen Seite wird darauf geachtet, dass ja keine Konkurrenz durch Zuwanderer entsteht, daher der Ausschluss von Asylwerbern vom Arbeitsmarkt und die Warnungen vor dem Lohndumping.

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Was fehlt, sind Evidenz-basierte Vorschläge, die nicht auf die politische Dynamik zwischen In- und Ausländern abzielen, sondern die ohnehin schwierige Arbeistvermittlung für Flüchtlinge so effizient wie möglich gestaltet. Allerdings ist die Datenlage, um zu testen, welche Maßnahmen wirken, eher dünn, wie eine noch unveröffentlichte Studie der Bertelsmann Stiftung bemängelt.

 

Die Forscher haben sich insgesamt 94 Arbeitsmarkt-Maßnahmen für Flüchtlinge in neun EU-LändernÖsterreich, Deutschland, Dänemark, Schweden, Niederlande, Frankreich, Italien, Spanien und Großbritannien , darunter Österreich, angeschaut. Vor allem pro Kopf gerechnet stehen die EU-Länder vor sehr unterschiedlichen Herausforderungen bei der Integration von Flüchtlingen. Ihre Lösungsansätze sind jedoch sehr ähnlich. Dabei hat sich ein Grundkonsens in den Ländern herausgebildet, der aus vier Punkten besteht: Kompetenzchecks, kulturelle Einführungskurse, Sprachkurse und Zugang zur allgemeinen Arbeitsvermittlung.

Den großen Erfolg bei der Integration der jüngst in großer Zahl gekommenen Asylwerber kann freilich noch kein Land vorweisen. Umso wichtiger wäre es, die jeweiligen Instrumente danach auszuwählen, wie erfolgversprechend sie sind. Aktuell würden viele Maßnahmen einfach ausgebaut, ohne zu berücksichtigen, ob ihre Wirksamkeit erwiesen ist.

Die zum Teil recht unterschiedliche Situation von Flüchtlingen in Europa zeigt, dass die Länder einiges voneinander abschauen können.

Wo Flüchtlinge einen Job haben

Im Vergleich zu Migranten, die aus anderen Gründen, etwa im Rahmen der Familienzusammenführung oder der Arbeitssuche, eingewandert sind, haben Flüchtlinge generell niedrigere Beschäftigungsquoten. Dafür gibt es laut den Studienautoren mehrere Gründe: Größtenteils liegt die geringere Beschäftigung von Flüchtlingen an mangelnden Qualifikationen, aber auch an Traumata sowie negativen ökonomischen Anreizen durch Sozialleistungen.

Im Jahr 2014 hatten in Österreich 60 von 100 Migranten – im erwerbsfähigen Alter –, die als Flüchtlinge ins Land gekommen waren, eine Arbeit. Bei Einwanderern, die mit der Absicht kamen, eine Arbeit zu finden, lag die Beschäftigungsquote bei 66 Prozent. Wie ist das einzuordnen?

Vergleicht man die Arbeitssituation von Zuwanderern, schneidet Österreich gemischt ab: Unter zwölf europäischen LändernFür die meisten Länder liegen gar keine Daten über die Beschäftigung von Migranten nach Einwanderungsgrund vor. Unter Arbeitsmigranten sind nur jene Personen gemeint, die eingereist sind, um eine Arbeit zu suchen, ohne bereits eine Stelle in Aussicht gehabt zu haben. liegt Österreich bei der Beschäftigung von Arbeitsmigranten an neunter Stelle.

Allerdings ist der Unterschied zwischen Flüchtlingen und Arbeitsmigranten nur in Schweden und der Schweiz geringer als in Österreich. Das spricht dafür, dass es diesen Ländern recht gut gelingt, die Defizite, die Flüchtlinge bei der Arbeitssuche im Vergleich zu anderen Zuwanderern haben, auszugleichen.

Welchen Effekt die Arbeitsmarktpolitik auf das unterschiedliche Abschneiden einzelner Migrantengruppen hat, ist jedoch nicht systematisch nachvollziehbar. Erfahrungen einzelner Länder, darunter Schweden, aber auch die USA, Kanada und Australien liefern zumindest Beispiele von Integrationsmaßnahmen für Flüchtlinge, die wissenschaftlich ausgewertet wurden.

Sprache in der Praxis lernen

Beschäftigung ist wichtiger als Qualifikationsmaßnahmen für die Integration, wie Erfahrungen aus Schweden gezeigt haben. Demnach haben spätere Arbeitgeber höher bewertet, wenn Flüchtlinge irgendwo den lokalen Arbeitsmarkt erlebt haben, als Kurse zu absolvieren. Fortbildungsmaßnahmen sollten die Teilnehmer daher nicht von der aktiven Jobvermittlung ausnehmen.

Am wichtigsten für den Integrationserfolg ist aber immer noch der Spracherwerb, bestätigen die Autoren mit Verweis auf den jüngsten Erkenntnisstand der Wissenschaft. Im Idealfall finden Sprachkurse begleitend zu praktischer Arbeitsausbildung statt. In Finnland und Norwegen erzielte man positive Resultate mit „Sprach-Praktika“, bei denen Flüchtlinge halbtags Unterricht erhielten und den Rest der Zeit in Unternehmen verbrachten.

Das Dilemma der richtigen Qualifikation

Die Anerkennung von ausländischen Qualifikationen ist mitunter ein zweischneidiges Schwert. Eine Fallstudie in Australien hat ergeben, dass die Anerkennung von Qualifikationen für Migranten die Chance auf eine Beschäftigung sogar verringert hat. Eine mögliche Erklärung dafür ist, dass Arbeitgeber den im Ausland erworbenen Qualifikationen trotz offizieller Anerkennung misstrauen. Gleichzeitig suchen Flüchtlinge mit einem vermeintlich equivalenten Zertifikat in der Hand eher nach einem passenden Job, was zu längerer Arbeitslosigkeit führt.

Länder mit stark regulierten Arbeitsmärkten wie Österreich stellt das vor ein Dilemma: Ohne Anerkennung sehr spezifischer Qualifikationen dürfen Flüchtlinge, so wie jeder andere Arbeitnehmer, viele Jobs gar nicht annehmen. Da spielt es auch keine Rolle, was ein Arbeitgeber denkt. Eine Reform der Gewerbeordnung könnte den Arbeitslosen mehr helfen, als der krampfhafte Versuch, syrische oder irakische Zertifikate auf die heimischen Vorschriften umzumünzen.

Endlich Daten zur soziale Hängematte

Zur politisch brisanten Frage der Sozialleistungen gibt es interessante Einblicke aus Dänemark. Dort hat eine Kürzung der SozialleistungenIn Dänemark wurden in den 00er Jahren die Sozialleistungen für Flüchtlinge ab einem bestimmten Stichtag mitten im Jahr gekürzt. Somit entstand ein natürliches Experiment, da eine Gruppe dauerhaft geringere Sozialtransfers erhielt als die früher eingereisten Flüchtlinge. für Flüchtlinge gezeigt, dass die Beteiligung am Arbeitsmarkt durchaus gestiegen ist. Allerdings trat der positive Effekt erst nach zwei Jahren ein.

Außerdem zeigte die Kürzung gar keine Wirkungen bei den am schwächsten auf dem Arbeitsmarkt aufgestellten Immigranten, die schlichtweg keine Arbeit fanden. Zusätzlich blieben mehr Flüchtlinge gänzlich vom Arbeitsmarkt fern, bei denen die Transferleistungen gekürzt wurden, obwohl der wirtschaftliche Anreiz das Gegenteil nahelegen würde. Wer mit weniger auskommen muss, braucht eventuell mehr Zeit für Haushalt und Kinderbetreuung. So führte die Kürzung der Sozialleistungen zu einer Verfestigung traditioneller Familienstrukturen: Während Männer aus ökonomischen Druck heraus nach zwei Jahren eher eine Arbeit aufnahmen, blieben Frauen tendenziell dem Arbeitsmarkt fern.

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Ein möglicher Ansatz wäre, Flüchtlingen anfangs großzügigere Leistungen in Kombination mit Sprachkursen und vollem Zugang zum Arbeitsmarkt zu geben. Im Verlauf der Zeit könnten die Geldleistungen reduziert werden, um zusätzliche Arbeitsanreize zu schaffen. Nach einer ähnlichen Logik funktioniert die Abfolge von Arbeitslosengeld und die Notstandshilfe bereits.

Derzeit fordert die Politik mit der Kürzung der Mindestsicherung für Asylberechtigte in den ersten fünf Jahren eher das Gegenteil. Das ideologische Argument, „wer länger hier ist, hat mehr verdient“, übertrumpft den pragmatischen Ansatz, möglichst viele Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt zu integrieren.


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